Karneval, Gottesdienst zum Beginn der Session, Predigt des Superintendenten

4. Januar 2018; Eckart Wüster

Predigt des Superintendenten von Bonn, Eckart Wüster im ökumenischen Gottesdienst zu Beginn der Karnevalssession. Die Predigt hielt der Superintendent in der Minoritenkirche Sankt Remigius. (Das Bonner Münster ist seit dem 23. Juli 2017 aufgrund einer bevorstehenden Generalsanierung geschlossen.)

 

Aus dem Evangelium des Evangelisten Johannes (Kapitel 2, Verse 1-12): Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

Loss mer fiere un studiere

 

Liebe Schwestern und Brüder, leev Jecke! „Bruche keiner, keiner, dä uns sät, wie mer Fastelovend fiere diet.“ - So las ich dieser Tage. Und ein Protestant wird schon gar nicht gebraucht, um zu sagen, wie man fiere diet.

 

Abgesehen davon, dass mir für gute Ratschläge zum Feiern des Karneval die Kompetenzen fehlen, sehe ich darin hier und heute auch nicht meine Aufgabe. Das macht es für mich ein wenig einfacher.

 

In Kana wusste man jedenfalls auch zu feiern. Eine Hochzeitsfeier dauerte damals eine ganze Woche. Da brauchte es schon eine gute Kondition. Jesus hat sich dem nicht verweigert. Er hat wohl auch verstanden zu fiere. Dass er Wasser lediglich in Wein verwandelte und nicht in Kölsch, tat der Freude keinen Abbruch. Die Feier war jedenfalls gerettet.

 

Jesus wird in den Evangelien des NT’s ja bekanntlich als Gottes Sohn und Messias verkündigt. Er ist etwas ganz Besonderes. Der Heiland ist geboren, so haben wir an Weihnachten wieder gehört; der, der heil macht.

 

Dass im Johannesevangelium als erstes Zeichen, das dieser Jesus tat, ausgerechnet das Weinwunder berichtet wird, kann einen schon verwundern und hat in der Kirchengeschichte immer wieder für Irritationen gesorgt.

 

Jesus hat ja auch sonst für seine Gleichnisse Beispiele aus dem Leben der Menschen damals gewählt. Vom Leben des Bauern, der Hausfrau, des Winzers hat er erzählt. Damit hat er den Menschen gezeigt, worauf es im Leben letztlich ankommt.

 

Ausgerechnet eine ausgelassene Feier, bei der ganz viel Wein konsumiert wurde, eine Feier, bei der der Wein sogar ausging – eine solche Feier wird nun zum Beispiel dafür, dass es bei Gott Leben in Fülle gibt.

 

Das Weinwunder zeigt pure Lebensfreude. Sie ist eine Geschichte von Gottes neuer Welt: der Mangel ist überwunden. Hunger und Durst haben ein Ende. Es ist genug für alle da. Wo Jesus auftritt, breitet sich Freude und Leben aus. Deshalb werden hunderte Liter Wein ausgeschenkt.

 

Im Kirchenjahr befinden wir uns in einer fröhlichen Zeit. Weihnachten ist eine fröhliche Zeit. Der Retter ist da. Gott ist Mensch geworden. Das göttliche Licht ist in die Welt gekommen. Ostern hat ebenfalls heitere Züge. Es gibt die Tradition des Osterlachens. Der Prediger musste die Gemeinde an Ostern zum Lachen bringen, als Zeichen dafür, dass der Tod besiegt ist und ausgelacht wird.

 

An dieser Stelle muss unbedingt ein einschlägiger Witz zum Weinwunder erzählt werden.

Ein Pfarrer gerät in eine Verkehrskontrolle. Der Polizist riecht Alkohol und sieht eine leere Weinflasche auf dem Wagenboden neben dem Pfarrer liegen. „Sagen Sie, haben Sie etwas getrunken?“ fragt der Polizist. Der Pfarrer antwortet: „Nur Wasser!“ Darauf der Polizist: „Und warum kann ich dann Wein riechen?“ Der Pfarrer schaut auf die leere Flasche und sagt: „Mein Gott, er hat es schon wieder getan.“

 

Gott scheint wirklich Humor zu haben. Wie Martin Luther ja einmal gesagt hat: „Wenn Gott keinen Spaß verstünde, möchte ich nicht in den Himmel kommen.“

 

Im Motto für diese Session geht es aber ja nun nicht nur um eine ausgelassene Feier, im Motto geht es nicht nur darum, Spaß zu haben. „Loss mer fiere un studiere“ stellt einen Zusammenhang her zwischen Feiern und Studieren, einen Zusammenhang zwischen Arbeit und Ausgelassenheit.

 

Wie so oft im Leben fällt es vielen schwer, beides im Gleichgewicht zu halten. Entweder das Leben soll eine einzige große Feier sein und die Arbeit hat nicht mehr Sinn, als den, dass man zum Feiern halt finanzielle Mittel braucht. Oder man arbeitet bis zum Umfallen. Die Arbeit selbst wird dann zum Sinn des Lebens, Auszeiten scheinen nicht möglich oder sind nicht erwünscht.

 

Dabei wissen es die Jecken ja genau: dem Karneval folgt unweigerlich die Fastenzeit, den Feiern folgt der Alltag. Das ist nicht nur bittere Realität, sondern lebensnotwendig. Ein Leben in ständigem Saus und Braus ist auf Dauer nicht auszuhalten. Ein Leben in ständigem Arbeitsstress macht krank.

 

Wenn ich ständig Fete haben will, dann werde ich oft keinen Blick mehr für Menschen in Not haben, werde ich keine Verantwortung für andere übernehmen. Denn ich achte nur darauf, mich gut zu unterhalten.

 

Wenn ich ständig arbeite und unter Strom stehe, werde ich in ähnlicher Weise keine Zeit mehr für die Menschen um mich herum haben. Familie, Freunde, Nachbarn, Vereinsmitglieder werden nicht mehr zum Zuge kommen. Also deshalb: loss mer fiere un studiere.

 

Alles hat seine Zeit. Also freuen wir uns am Leben, lassen wir die Miesepetrigkeit hinter uns. Laden wir andere ein, mit zu machen. Denn, ebenfalls Luther: „Einen traurigen, verzagten Menschen fröhlich zu machen, ist mehr, als ein Königreich zu erobern.“ Wo Glaube ist, da ist auch Lachen.

 

Alles hat seine Zeit. Also studieren, arbeiten wir auch an einer besseren Welt. Schon in unserem kleinen Umfeld ist das möglich. Übernehmen wir vor und nach der Zeit des Feierns Verantwortung füreinander. Streiten wir um die richtigen Wege, aber gehen wir weniger aggressiv und beleidigend miteinander um. Lassen wir uns erinnern, dass Gott Leben in Fülle für uns bereithält.

 

Fiere un studiere. Ein ähnlicher Zusammenhang ist ja auch in dem alten „ora es labora“ enthalten. Diese uralte Regel der Benediktinermönche war ausgesprochen klug. Bete und arbeite. Weder kann man nur meditieren und beten, noch kann man nur arbeiten. Das wussten die Menschen vor uns auch schon ganz genau. Wir brauchen immer beides. Und im Zusammenspiel von beidem werden wir ein zufriedenes Leben führen können.

 

Dietrich Bonhoeffer hat es so formuliert: „Christsein wird in Zukunft in Zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten.“ Ora et labora, loss mer fiere un studiere. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich den Extremen zuwenden, braucht es mehr Ausgeglichenheit, mehr differenzierte Sicht auf das Leben.

 

In der Mitte des Johannesevangeliums sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in seiner Fülle haben.“ Deshalb bringt er die Fülle der Lebensfreude und verwandelt Wasser in Wein. In der Erzählung von der Speisung der 5000 sagt er: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Und schließlich besiegt er den Tod und sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

 

Ein kleiner Schlenker zum Schluss: Wer sich nun eingeladen fühlt, sich dem Wein in vollen Zügen hinzugeben, der sei an ein Wort aus dem Brief an die Epheser erinnert; dort heißt es: „Sauft euch nicht voll Wein – das macht zügellos -, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ Da kommt dann doch wieder der Protestant bei mir ein bisschen durch.

 

Ich wünsche jedenfalls allen eine tolle Session. Und heute vor allem denen, die ganz viel Arbeit mit der Vorbereitung und der Durchführung hatten und haben. Amen

 

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