Martinsfest-Eröffnung, Glaubenszeugnis

8. November 2015; Jean Pierre Schneider

Glaubenszeugnis von Jean-Pierre Schneider, Caritas-Direktor des Caritasverbandes für die Stadt Bonn e. V., am Sonntag, 8. November 2015, im Bonner Münster anlässlich der Eröffnung des Martinsfestes

 

Liebe Mitchristen,

 

nur selten ist der „Sankt Martin“ aktueller, als in diesem Jahr! - Und das, obwohl das “Mantel-Teilen” ja eigentlich ... Jahr für Jahr  ...  das bekannteste Bild und auch die bekannteste Szene aus den vielen Berichten und Legenden vom Heiligen Martin ist.

 

Trotzdem ist es gerade heute, im November 2015, sicher gut, sich wieder auf die Spur des Heiligen Martin zu machen. Denn so manche Themen aus seiner Geschichte sind auch 1700 Jahre später noch die gleichen geblieben.

 

Ich kann mich selbst beim Stichwort „Sankt Martin” sehr gut an ein Bild erinnern, das ich von Kindheit an schon oft gesehen habe, und das viele von Ihnen vielleicht auch kennen:

Da ist der stolze Reiter in der Uniform der Römischen Soldaten auf einem prächtigen Pferd. Da ist eine schneebedeckte Landschaft, ein paar Schneeflocken in der Luft. Und da ist ein halbgeschlossenes Stadttor zu sehen, vor dem ein zusammen gekauerter Bettler in dünnen Kleiderresten zu sehen ist. – Auf dem Boden, draußen in der Kälte.

 

Natürlich soll in diesem Bild uns alle der Held, der Heilige Martin, der spontan seinen Mantel teilt, beeindrucken. Aber in diesem mittelalterlichen Bild, in vielen anderen Martinsbildnissen und in dieser Szenerie am Stadttor ist er zugleich auch weit weg von unserer Zeit. – Auch dann, wenn den Kindern und uns allen beim jährlichen Martinszug diese Szene dargestellt wird, vielleicht sogar an einem echten Stadttor, dann ist diese Situation aus einer anderen Zeit und aus einer anderen Welt.

 

Kaum vorstellbar, dass da an einem Stadttor vielleicht jemand bei Kälte, Nacht und schlechtem Wetter einfach nicht eingelassen wird. Kaum vorstellbar, dass da einer im Winter mittellos draußen übernachten muss. Kaum vorstellbar, dass nicht einmal Decken oder ein Schlafsack, sondern einzig ein Mantel oder ein Umhang zugleich auch der einzige Schutz für die Nacht und gegen die Kälte ist. – Oder vielleicht doch?

 

In diesem Jahr, möglicherweise fast genau zu seinem 1700sten Geburtstag, erscheint uns das beim zweiten Hinsehen wohl doch etwas anders. Unsere Zeitungen und unsere Nachrichten, die Berichte, Fotos und Videos, die gerade bei uns in Massen ankommen, lassen Bilder real werden, die wir so -und erst recht mitten in Europa- gar nicht mehr kannten.

 

Kleine Kinder nachts auf dem Boden auf kalten Bahnsteigen liegen. -  Erschöpfte Alte, die nicht mehr in die überfüllten Züge gelassen werden. Und junge Männer, die unter Stacheldrähten kriechend versuchen, ins nächste Maisfeld des Nachbarlandes zu gelangen. Ganz zu schweigen von den Menschen, die erschöpft in Schwimmwesten an Urlaubsküsten landen oder den unvergesslichen regelmäßigen Bildern toter Kinder am Strand.

 

All das Bilder von heute, die geradezu nach Sankt Martin und nach denen  rufen, die heute bereit sind, Menschen in großer Not Schutz und Aufnahme zu gewähren - oder, - wie Sankt Martin es tat: die heute bereit sind, ihren Mantel zu teilen.

 

Ziemlich genau dort, in Ungarn, wo der Heilige Martin -ganz nahe an der heutigen österreichischen Grenze- geboren ist, sind in diesem Jahr zahllose Menschen an die Landesgrenzen gekommen. Dort, wo sie fast wie an einem versperrten Stadttor Sicherheit suchten und nach wochenlangen Märschen und Nächten im Freien mit Alten, Frauen und Kindern Einlass begehrten, wurden erst einmal die Züge aus Budapest gestoppt. Und auch durch unsere Medien gingen die Bilder von Menschen die zu Fuß, mit ihren Bündeln und ihren letzten Besitztümern von Budapest aus losgingen - als langer Treck entlang der Autobahn - um doch irgendwie an einen sicheren Ort zu kommen.

 

Erschreckend viele dieser Menschen - sehen gar nicht so anders aus, wie der Bettler in vielen Bildern der Martinsgeschichte! - Menschen, die kaum noch mehr als die Kleidung am Leib haben. Menschen, die vielleicht noch ein Bündel dabei haben, mit den letzten Habseligkeiten, die ihnen auf der langen Flucht geblieben sind. Dazwischen manchmal ein Kinderwagen - und immer wieder Männer mit einem Handy in der Hand, mit dem sie durch die Heimat des Heiligen Martin, die seit einigen Monaten bei uns schon viel mehr als „die Balkonroute der Flüchtlinge” bekannt ist, einen Weg über die nächste Grenze suchen.

Sie alle sind geflüchtet, weil sie angesichts der Gewalt, des Terrors, und der Hoffnungslosigkeit keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als ihre Heimat und ihr Hab und Gut aufzugeben.

 

Werfen wir in Gedanken noch einmal einen Blick auf die uns so bekannten Bilder aus der Martinsgeschichte: Angesichts der Not und Armut des Bettlers ... scheint Martin dort ganz spontan seinen Mantel zu teilen! - In manchen Geschichten und Bildern hat man sogar den Eindruck, er konnte fast gar nicht anders, als wäre es ihm ein Bedürfnis, wenigstens diesen Schutz und diese wärmende Decke sofort zu teilen.

 

Interessant: Da ist in der Geschichte gar keine Zeit für die Frage nach Herkunft und Sprache oder Hautfarbe und Religion des Bettlers. Oder warum er denn in Not geraten ist. Und warum er gerade hierher, in unser Land -vor unser Stadttor und an diese Grenze- gekommen ist. Für Martin zählen das Hier und Jetzt und die Not dieses Bettlers.

 

Und gerade das ist aber auch eines der ganz großen Aha-Erlebnisse des Jahres 2015: Zahllose Menschen haben den Eindruck und das persönliche Bedürfnis, auch heute einen Mantel zu teilen. Sie tun das, indem sie -vielleicht ein wenig, wie ein moderner Sankt Martin- spontan an Bahnhöfe gehen und helfen oder Kleidung und Lebensmittel bringen. Oder indem sie sich ehrenamtlich engagieren und ihre Zeit mit Menschen teilen, die Begleitung und ein offenes Ohr brauchen. Ganz ähnlich, wie wir es auch 1700 Jahre später noch vom Heiligen Martin erzählen.

 

Ich wäre aber auch neugierig, wie Martin unsere aktuellen Diskussionen in Deutschland bewerten würde. Sichere Herkunftsländer, Grenzschließungen, beschleunigte Abschiebungen, Registrierungszonen, Pegida-Demos,  “das Boot ist voll”-Parolen…

 

Ich glaube, unsere Erfahrungen mit Flüchtlingen in diesem Jahr können uns in Erinnerung rufen, dass das “Mantelteilen” niemals aus der Mode kommen darf. An Sankt Martin und mit den Umzügen erinnern wir uns daran, dass es tagtäglich und auch weit über die Herausforderungen die die geflüchteten Menschen aktuell für uns bedeuten hinaus, immer notwendig ist, „Mäntel zu teilen”. Denn den Bettler, und den Mitmenschen, dem Sicherheit, Teilhabe oder die würdige Unterkunft fehlt, gibt es immer! Und es gibt ihn auch in unserer Stadt - in Bonn - und immer stellt er die Frage an uns, ob wir den Mantel mit ihm teilen.

 

Viele Menschen, werden in den kommenden Tagen neben all der Freude und den schönen Laternen der Kinder, beim Martinszug auch für die Botschaft des Mantelteilens durch unsere Stadt ziehen. Sankt Martin zu feiern, hilft uns Bonnerinnen und Bonnern dabei, wach zu bleiben dafür, dass Jede und Jeder von uns gefragt ist, den einen oder anderen Mantel zu teilen.

 

Auf diesen Wegen und mit dieser Botschaft wünsche ich uns allen viel Freude an den diesjährigen Martinszügen. Ich wünsche diesen Umzügen aber auch Gottes Segen, wenn sie unter Martins Namen in unserer Stadt und an vielen Orten mehr in unserem ganzen Land ein Zeichen setzen! Ein Zeichen, das heller und weiter leuchtet, als irgendeine populistische Demonstration es vermag.

 

Mit dieser Botschaft im Herzen wird Sankt Martin mit seiner Geschichte auch im Jahr 2015 ganz lebendig und kann uns auch dabei helfen, aus dem Glauben die Fragen unserer Zeit zu beantworten.

 


Jean-Pierre Schneider, geb. 1966, ist Theologe und Caritaswissenschaftler. Nach ersten Berufsjahren beim Deutschen Caritasverband in Freiburg war er Studienleiter der Akademie Kues, einer Piloteinrichtung für Senioren. In den Folgejahren war er intensiv in der Bildungs- und Ausbildungsarbeit sowie im pastoralen Dienst tätig. Von 2000 an zeichnete er als Direktor für eine Gruppe stationärer Altenhilfeeinrichtungen verantwortlich. Seit 2006 ist er Vorstandsvorsitzender und Caritasdirektor im Caritasverband für die Stadt Bonn e.V.

 

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