Mauritius-Fest, Niederwenigern, Predigt

27. September 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, beim Mauritiusfest im Mauritius-Dom in Hattingen-Niederwenigern am Sonntag, 27. September 2015

  

Das Martyrium des Heiligen Mauritius, des Anführers der thebäischen Legion, geschah im 4. Jahrhundert. 1600 Jahre her. Eine erste Kirche an diesem Ort hier, die Reliquien des Heiligen erhielt, wurde im 12. Jahrhundert erbaut. Seitdem sind acht Jahrhunderte vergangen. Was macht es da für einen Sinn, diesen Heiligen immer noch zu feiern? Gäbe es heute nicht aktuellere Themen?

 

Als Pfarrer einer Kirche, die auch Reliquien der Thebäer birgt, gibt es für mich drei Antworten auf die Frage, weshalb wir heute ihren Anführer, den HeiligenMauritius besonders verehren.

 

 

Die Märtyrer der thebäischen Legion verbinden die Kontinente Afrika und Europa

 

Mauritius und Gefährten kamen aus Theben, in Ägypten. Ihre Geschichte verbindet die Kontinente Afrika und Europa. Eine Milliarde Menschen leben in Afrika. Nach europäischem Maßstab sind die meisten sehr arm. In der Weltwirtschaft spielen die größten Teile Afrikas keine Rolle. 2

 

Afrika sitzt gleichsam wie der arme Lazarus vor der Tür des reichen Europäers, der herrlich und in Freuden lebt. Leider werden wir hier fast täglich Zeugen dessen, wohin die Armut und der Wille zum Überleben die Menschen treibt: in die Arme von Menschenhändlern, die ihre Not schamlos ausnutzen und sie in Booten auf das offene Meer hinaus schicken, wo viele von ihnen umkommen.

 

Papst Franziskus fragt uns: „Wer ist der Verantwortliche für das Blut dieser Brüder und Schwestern? Gott fragt einen jeden von uns: „Wo ist dein Bruder, dessen Blut zu mir schreit?“ Gott sei Dank erleben wir zurzeit in unserem Land, dass die Menschen nicht der vom Papst kritisierten Globalisierung der Gleichgültigkeit folgen. Die Art und Weise, wie wir die Flüchtlinge willkommen heißen, verwundert viele in der Welt.

 

Aber es geht nicht nur um eine Willkommenskultur. Wir brauchen eine Integrationskultur. Wir brauchen einen langen Atem, um uns mit den vielen Zehntausend Menschen auf den Weg zu machen – damit sie unsere Sprache und Kultur lernen, damit sie Bildung erfahren, damit aus Fremden Freunde werden. - Mauritius und seine Gefährten haben eine Botschaft auch für unsere Zeit.

  

Die Märtyrer des dritten Jahrhunderts lassen uns auf die Märtyrer heute blicken

 

Christenverfolgung war nicht beschränkt auf die Zeit des römischen Reiches. Ihre Kirche birgt auch das Andenken an einen Märtyrer des 20.Jahrhunderts: Nikolaus Groß, der hier getauft wurde und die Sakramente empfing, musste sterben, weil er ein überzeugter Christ war.

 

Christ sein war noch nie so gefährlich wie heute. Bis zu 100 Millionen Christen sind betroffen und die Tendenz ist steigend. Wir zwar nicht die einzige Religionsgruppe, die wegen ihres Glaubens benachteiligt wird; weltweit leiden aber die Christen am meisten unter religiöser Diskriminierung oder Verfolgung. In rund 50 Staaten werden Menschen in ihrer Religionsausübung behindert und in etlichen davon kommt es zu schweren Verletzungen der Religionsfreiheit. Darunter auch in Ägypten, der Heimat von Mauritius.

 

Christenverfolgung war keine Spezialität der Römer! Heute haben wir mehr Märtyrer als in den ersten Jahrhunderten! Aber es gibt nicht nur die Märtyrer, denen man körperliche Gewalt antut. Papst Franziskus nennt sie die „Märtyrer des Alltags“. Sie erleiden das alltägliche Martyrium, das nicht den Tod mit sich bringt, doch auch ein »Verlieren des Lebens« für Christus ist. Und er beschreibt es so: „indem man seine Pflicht mit Liebe tut, entsprechend der Logik Jesu, der Logik des Geschenks, des Opfers. Denken wir daran: Wie viele Väter und Mütter setzen jeden Tag ihren Glauben in die Praxis um und opfern konkret ihr Leben für das Wohl der Familie auf! Denken wir an sie! […] Wie viele junge Menschen verzichten auf ihre eigenen Interessen, um sich Kindern, Behinderten, alten Menschen zu widmen… Auch sie sind Märtyrer! Alltägliche Märtyrer, Märtyrer des Alltags.“ Sie alle legen wie Mauritius, wie Nikolaus Groß Zeugnis für ihren Glauben.

  

Die Soldatenheiligen führen uns heraus auf das Schlachtfeld

 

Soldaten braucht man nicht für Kasernen, sondern für die Schlachten. Früher hat man die Kirche gerne mit kämpfenden Truppen verglichen. Aber unser Papst Franziskus sieht die Kirche aber nicht unter den kämpfenden Truppen, sondern eher als Feldlazarett! „Das, was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen - Nähe und Verbundenheit.“

Das passt zu dem anderen Bild, das Papst Franziskus gerne gebraucht. Er will keine „Wohnzimmerchristen“, die vom gemütlichen Sofa aus die Welt betrachten, sondern er schickt uns an die Peripherie. Und damit meint er nicht nur Menschen, die am Rand der Städte leben, sondern Menschen, die in unterschiedlichen Weisen von Teilhabe an der Gesellschaft ganz oder teilweise ausgeschlossen sind. Auch Reiche können so gesehen ganz arm dran sein! Menschen im Feldlazarett der Gesellschaft!

 

Ich bin sehr dafür, dass wir uns zurzeit mit aller Aufmerksamkeit den Flüchtlingen zuwenden, aber wir dürfen die anderen im Lazarett unserer Gesellschaft nicht übersehen.

Wir haben allen Grund, denen, die sich an der Heilung der Wunden beteiligen oder die Herzen der Menschen wärmen, zu danken. Sie können aber noch viele helfende Hände gebrauchen, die die Liebe Gottes, aus der sie die Kraft schöpfen, weitergeben.

 

Ihr Pfarrer hat mich gefragt, was mich denn trägt, was meine Fugen im Glauben sind. Es sind die Thebäerheiligen, Mauritius und seine Gefährten. In Bonn verehren wir Cassius und Florentius. Und das tue ich von Kindesbeinen an, denn der Ort, wo ich herkomme, wird als der Ort ihres Martyriums identifiziert. Sie sind die Heiligen, mit denen ich groß geworden bin.

 

Sie haben für mich nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt, wenn die sich auch im Laufe der Jahre immer wieder mal gewandelt hat. Heute gilt:

  • sie verbinden Europa mit Afrika
  • sie lassen uns auf die Märtyrer heute blicken
  • und sie führen uns hinaus in die Feldlazarette auf den Schlachtfeldern unserer Gesellschaft.  
 

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