Ökumenischer Gottesdienst vor der 10. Ratsperiode, Predigt

23. Juni 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im ökumenischen Gottesdienst mit den Mitgliedern des neu gewählten Stadtrates vor der Konstituierenden Sitzung der zehnten Ratsperiode am 23. Juni 2014 im Bonner Münster


So ändern sich die Zeiten. Vor 3000 Jahren als König Salomo seine Herrschaft im alten Israel antrat, hatte er bei Gott einen Wunsch frei. Im alten Israel gehörte dies zum Ritual bei der Einsetzung eines Herrschers: Gott gewährte eine Bitte und erfüllt sie. So wurde der König von Gott bestätigt. Auch Sie treten heute ihr Amt an. Sie sind nicht von Gott auserwählt, sondern die Bürger haben Ihnen in einer freien Wahl ein Mandat auf Zeit übertragen. Sie sind zwar keine alleinherrschenden Könige; aber auch Sie üben Macht aus, können Entscheidungen treffen.


Sie haben durch die Wahl ein nicht einfaches Amt übernommen. In einer immer komplexer werdenden Welt ist es für ehrenamtliche Politiker sehr zeitaufwändig und kräftezehrend alle Prozesse so zu durchschauen, dass man zu einer guten Entscheidung kommt. Papst Franziskus hat im vergangenen November ein apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ verfasst, in dem sich auch Passagen finden, die etwas mit der Arbeit eines Stadtrates zu tun haben.


Der Papst nennt darin die Politik „eine sehr hohe Berufung, eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie das Gemeinwohl anstrebt.“ (EG 205)

 

Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten, so wie König Salomo? Privat würden Sie gewiss sagen: Gesundheit und ein langes Leben. Andere denken zuerst an Reichtum, Besitz, Wohlstand, finanzielle Sicherheit. Und für die Stadt hätten Sie wahrscheinliche eine lange Wunschliste: angefangen von der Schuldenfreiheit bis hin zur ausreichenden Anzahl von Bademeistern.

In der Lesung aus dem Alten Testament haben wir gehört, was sich König Salomo erbittet. Er wünscht sich kein langes Leben, keinen Reichtum, auch nicht den Tod seiner Feinde.


Salomo bittet um ein „hörendes Herz“, damit er das Gute vom Bösen unterscheiden und das Volk richtig regieren könne.

Ein hörendes Herz - eine seltsame Bitte. Aber je länger ich darüber nachdenke, je mehr gefällt mir die Bitte des Salomo: Ein hörendes Herz - das meint doch: ein Mensch sein, der mit seiner ganzen Existenz ein Hörender ist, geöffnet für die Umwelt, aufmerksam, liebevoll empfindend.

 

Papst Franziskus sagt in dem schon erwähnten Schreiben: Es gibt Politiker […], die sich fragen, warum das Volk sie nicht versteht und ihnen nicht folgt, wenn doch ihre Vorschläge so logisch und klar sind. Wahrscheinlich ist das so, weil sie sich im Reich der reinen Ideen aufhalten und die Politik […] auf die Rhetorik beschränkt haben. Andere haben die Einfachheit vergessen und von außen eine Rationalität importiert, die den Leuten fremd ist. (EG 234)


Wenn ich einen Wunsch frei hätte heute für Sie, dann würde ich mir genau dies für Sie wünschen: ein hörendes Herz für die Realitäten der Welt, damit Sie nicht mit fertigem Vorurteil und nicht nur mit parteipolitischer Brille und machtpolitischem Kalkül an eine Sache herangehen, sondern unterscheiden können, was gut und böse ist.

Ich erbitte für Sie aber auch ein hörendes Herz für die Armen in dieser Stadt, für die jungen Menschen, für die alten und einsamen, für die Sprach-losen in unserer Stadt. Sie haben oft nicht die Möglichkeiten, ihre Interessen zu vertreten oder sich lautstark bemerkbar zu machen. Sie werden oft reduziert auf einen Vorgang in den Ämtern und ein Aktenzeichen. Der einzelne, über den auch Sie entscheiden, bleibt dabei anonym.


Die Wohlstandskultur, die viele Menschen dazu bringt, nur an sich selbst zu denken, macht unempfindlich gegen die Schreie der anderen. Papst Franziskus warnt in diesem Zusammenhang vor der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Wir dürfen uns nicht an das Leiden und an die Not der Menschen gewöhnen.

 

Ich erbitte für Sie auch ein hörendes Herz für die Anderen, besonders auch für den politischen Gegner oder Mitbewerber – je nachdem welche Bezeichnung Sie bevorzugen. Die politische Auseinandersetzung ist oft geprägt von Machtstreben und Arroganz. Wenn ich die Ratssitzungen der vergangenen Jahre verfolgen konnte, habe ich oft den Respekt voreinander vermisst. Politischer Streit muss sein. Aber wer sich darin verstrickt, verliert die Perspektive, die Horizonte werden kleiner, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt.
Wenn aus dem Streit eine gemeinsame Lösung werden soll, dann bedarf es – so Papst Franziskus – „großer Persönlichkeiten“, „ die sich aufschwingen, über die Ebene des Konflikts hinauszugehen und den anderen in seiner tiefgründigsten Würde zu sehen. Dazu ist es notwendig, sich auf ein Prinzip zu berufen, das zum Aufbau einer sozialen Freundschaft unabdingbar ist, und dieses lautet: Die Einheit steht über dem Konflikt.“ (EG 228)


Ich wünsche der Stadt, dass der neue Stadtrat solche großen Persönlichkeiten hat.

Ich erbitte für Sie auch ein hörendes Herz für sich selbst. Was vielleicht vor zwei oder drei Jahrzehnten vielen noch widersinnig klang, ist den meisten von uns heute bewusst: es ist wichtig, auf sich selbst zu hören! Die Signale wahrzunehmen, die unser Körper, unsere Seele aussendet und die uns mitteilen, was für Seele und Leib wichtig ist, damit es uns gut geht. Viele von uns sind darin „geübt“, diese Stimme zu überhören. Aber wer sich selbst nichts gönnt, dem macht das Leben kaum noch Freude. Er wird krank. Haben Sie bei aller Verantwortung und bei aller Erwartungen anderer auch ein hörendes Herz für sich selbst.


Schließlich wünsche ich Ihnen auch ein hörendes Herz für Gott. Eine Stadt ohne Gott, mag zwar ein Postulat des aufgeklärten Menschen sein – aber es wäre eine grausame Stadt. Sie wäre öde und armselig – eine Stadt ohne Gewissen.

 

Der religiöse Mensch wird nicht dadurch religiös, dass er/sie das Gute tut, sondern zuerst einmal, dass er glaubt. Religion gibt es zuerst einmal nur als meine Religion, meinen Glauben, der für mich einzigartig ist. Und: als die Religion des anderen, der ich mit Achtung begegne. Jedes Sprechen über Gott ist immer eine Rede von meinem Glauben, davon wie Gott für mich ist.


Religion ist Welt-Anschauung im wahrsten Sinn des Wortes. Sie ist der Blickwinkel, aus dem ich die Welt anschaue.

 

Im Hochchor unseres Münsters sind die vier Grundtugenden menschlichen Handelns im Fußbodenmosaik dargestellt: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Klugheit. Sie werden ergänzt durch eine fünfte Tugend: die Demut. Dieses Wort gab es im Wortschatz der Griechen und Römer nicht: es kommt aus der jüdisch-christlichen Tradition: demütig ist der Mensch, der weiß, dass er ein Geschöpf ist und dass es einen Schöpfer gibt. Der weiß: bei allem, was ich geleistet habe, das habe ich nicht selber vermocht. Bei allem Erfolg, allem Ansehen: Nicht ich bin vollkommen. Nur dank des Segens, den Gott mir gewährt, habe ich ein Ziel erreichen können.


Deshalb wünsche ich Ihnen ein hörendes Herz für Gott. Sein Wort tritt täglich an uns heran, in den Worten der Schrift, in den Menschen, die mir begegnen, in den Dingen, die geschehen. Ignatius von Loyola sagt. „Gott in allem suchen und finden“. Das ist gar nicht so einfach, wir müssen viel üben bis wir ein hörendes Herz für Gott haben. Amen.

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