Ökumenischer Gottesdienst zum Auftakt der Karnevalsssession, Predigt

8. Januar 2015; Wüster, Eckart

Predigt des evangelischen Superintendenten, Eckart Wüster, beim Ökumenischen Gottesdienst zum Auftakt der Karnevalssession am Donnerstag, 8. Januar 2015, im Bonner Münster

 

Bönnsche im Jlöck – domols wie höck

Liebe Schwestern und Brüder, leev Jecke!

Ich gebe zu: als ich zum ersten Mal das Motto der diesjährigen Session gehört habe, war ich schon ein wenig verwundert. Ich dachte erst, ich hätte nicht richtig gelesen: Bönnsche im Jlöck?

Wenn ich die öffentliche Stimmung in unserer Stadt richtig wahrnehme, dann scheint es den Bonnerinnen und Bonnern sehr schlecht zu gehen. Bönnsche im Unglück – das wäre eher zutreffend.

Oder bezieht sich das Glück nur auf die fünfte Jahreszeit? Das kann ich ja verstehen, dass für Sie die nächsten Wochen die schönste, die glücklichste Zeit des Jahres sind.

 

Wenn Menschen von „Glück“ sprechen, dann denken sie oft an den 6er im Lotto, oder den Bus gerade noch zu erwischen, weil er selbst Verspätung hatte. Wir denken bei „Glück“ oft an zufällige Ereignisse, die sich positiv auf unser Leben auswirken. Da können wir nichts hinzutun, das Glück hat man eben oder eben nicht.

Wir sprechen dann auch gerne davon, dass wir „Schwein gehabt“ haben.

Das hatte übrigens eine Amerikanerin, die zu einer Hochzeit eingeladen war, in ihrem Sprachführer gelesen. Zu „Glück gehabt“ sagt man eben auch „Schwein gehabt“. Von der Braut gefragt, ob sie schon mit ihrem Mann getanzt hätte, antwortete die Amerikanerin: „Nein, das Schwein habe ich noch nicht gehabt.“

Sie wissen es natürlich alle: Was Glück ist, ist sehr persönlich. Was der Eine als Glück erlebt, ist für die Andere das größte Unglück und umgekehrt. So unterschiedlich wie wir hier im Bonner Münster sind, so werden auch unsere Glückserlebnisse verschieden sein. Was mag diese Glückserlebnisse auslösen?

Vielleicht ein Vollbad mit einem guten Buch und einem Glas Rotwein. Vielleicht eine gute Note in der Deutschklausur. Eine zärtliche Hand, die meine Tränen abwischt. Ein berührendes Konzert. Ein herrliches Essen. Wenn der FC gewinnt.

Was Glück ist, ist also kaum allgemein, für alle gültig zu bestimmen.

 

Und manchmal lässt erst der größere Zusammenhang im Leben ein Urteil zu. Wie in der kleinen Erzählung über einen russischen Bauern.

Dieser alte russische Bauer hatte einen Sohn. Der bewirtschaftete mit dem einzigen Pferd, das sie hatten, den kleinen Hof. Eines Tages lief das Pferd weg. „Ach, was für ein Unglück“, sagten die Nachbarn, „wie willst du jetzt dein Land bestellen?“

Doch der Bauer antwortete nur: „Na, vielleicht ist es auch Glück.“ Tags darauf kam das Pferd wieder und brachte 4 Wildpferdstuten mit.

„Was für ein Glück“, sagten die Nachbarn. „Na, vielleicht ist es auch Unglück“, sagte der Alte. Beim Einreiten der Wildpferde stürzte der Sohn und brach sich ein Bein. „Was für ein Unglück“, sagten da die Nachbarn. „Na, vielleicht ist es auch Glück“, antwortete der Bauer.

Tags darauf kamen die Soldaten des Zaren und pressten alle jungen Männer in den Kriegsdienst. Nur der Sohn konnte aufgrund des gebrochenen Beines nicht mit…

Ja, auch der Zusammenhang im Leben bestimmt mit, was Glück und was Unglück ist. Wir sprechen dann auch gerne vom Glück im Unglück.

 

Und es stimmt eben auch: Jeder ist seines Glückes Schmied.

In diesem Sprichwort geht es nicht um das Glück, das mir zufällt; in diesem Sprichwort wird ausgedrückt, dass ich etwas für mein Glück tun kann. Ich kann die Glückserlebnisse in meinem Leben fördern. Im Buch des Predigers heißt es: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.“

Das ist auch ein Hinweis darauf, dass das hebräische Wort im AT, das mit „Glück“ übersetzt wird, wörtlich „das Gute“ heißt. Wer das Gute in seinem Leben erfährt, wer das Gute in seinem Leben tut, der erlebt damit auch sein Glück.

 

Ob wir Glückserlebnisse haben oder nicht, darüber entscheiden wir mit.

Das Vollbad mit Rotwein kann ich schaffen, den schönen Abend kann ich gestalten, und wenn ich weiß, dass mir gemeinsame Abende mit Freunden gut tun, dann kann ich sie planen.

Ich kann mir Dinge aussuchen, die mein Herz erfreuen und mich ein glücklich machen; zumindest für einen Moment.

Verrückt ist es übrigens, dass wir Menschen uns manchmal Dinge aussuchen, die einen glücklich machen sollen und doch so selten sind. Das 4-blättrige Kleeblatt soll Glück bringen, es kommt sehr selten vor. Würde man ein 3-blättriges wählen, könnte man sich viel öfter freuen.

Also: Wir sind mit verantwortlich für das, was wir als Glück empfinden. Übrigens auch dafür, dass Glück wirklich Glück ist.

Das Glas Rotwein könnte ja ein Glückserlebnis auslösen. Aber wenn ich abends nicht mehr ohne einschlafen kann, dann ist es mit dem Glückserlebnis schnell vorbei.

Wenn es einen glücklich macht, im Internet unterwegs zu sein, dann ich das schön und gut. Aber wenn man mehr Gespräche im Chat führt, als im richtigen Leben, dann hat das mit Glück nicht mehr viel zu tun.

Auch hierzu gibt es einen schönen Bibelvers. Paulus schreibt einmal:

„Uns ist alles erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“

Ja, die Sache mit dem Glück ist nicht so einfach. Aber wir sehnen uns alle danach.

 

Wenn wir hier in der Kirche über das Glück nachdenken, dann könnte man ja meinen, dass Gott irgendwie etwas mit Glück zu tun haben könnte.

Aber ich bin da sehr zurückhaltend. Denn der Gott, an den ich glaube, ist kein Erfüllungsgenosse meiner Wünsche und Vorstellungen. Er ist nicht dafür da, meine Glücksgefühle zu steigern. So wie ich auch kein Anrecht darauf habe, stets glücklich zu sein in meinem Leben. Ein solches Leben gibt es nicht, eine solche Vorstellung vom Leben wäre eine Illusion. Wir sind nicht auf dieser Erde, um größtmögliches Glück zu erleben.

In einer Predigt des Paulus in der Apostelgeschichte heißt es:

„Gott hat den Menschen und die ganze Menschheit gemacht, damit sie auf der Erde leben und damit sie ihn suchen sollen, ob sie ihn fühlen und finden könnten.“ (Apg. 17, 27)

Wir sind auf dieser Erde, damit wir Gott finden und kennen lernen. Das ist etwas anderes als immer nur Glücklichsein. Die Beziehung zu ihm soll sich vertiefen. Dann wird es selbstverständlich Glückserlebnisse geben, aber sie sind nicht der Sinn unseres Lebens. Ich bin auch sehr skeptisch, wenn jemand meint, er wolle bei allem, was er tut, vor allem Spaß haben. Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Ich weiß auch nicht, wo man ein solches Leben finden kann. Zu meinem Leben gehören jedenfalls auch Unglück, Kummer und Schmerz. Anders ist dieses Leben nicht zu haben.

Was trägt mich dann? Das ist für mich dann die Frage.

 

Was in solch dunklen Momenten des Lebens dann erfahrbar ist? Eine andere Form von Glück.

Als ich vor einigen Jahren operiert werden musste und ich aus der Narkose erwachte, habe ich kaum eine Erinnerung an diesen Tag. Es ging mit ziemlich schlecht. Aber eines weiß ich noch genau: als ich wach wurde, saß meine Frau neben meinem Bett. Wir haben kein Wort miteinander sprechen können, aber es war für mich ein wunderbares Gefühl, dass sie einfach da war.

Das ist eine besondere Form von Glück. Früher sprach man in solchen Zusammenhängen gerne von „Seligkeit“. Jesus bezeichnet ja in den Seligpreisungen solche Menschen als „selig“, als „glücklich“, von denen wir es niemals erwarten würden. Die Traurigen, die, die Leid tragen, die Friedfertigen, die Barmherzigen, die Verfolgten.

Im landläufigen Sinne käme niemand auf die Idee, Menschen mit solchen Erfahrungen selig, glücklich zu nennen. Diese Menschen sind selig, glücklich, nicht weil sie sich das alles gewünscht hätten; sie sind selig, weil sie erfahren können, dass sie in ihrem ganzen Leben mit seinen vielen Facetten getragen sind.

 

Bönnsche im Jlöck? Natürlich. Erstens, weil der Karneval jetzt richtig losgeht und einfach Spaß und Freude bereitet. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie am Ende der Session sagen: „Es war eine schöne Zeit, wir haben Glück gehabt.“

Zweitens sind die Bönnsche im Jlöck, weil Sie alle auch in der 5. Jahreszeit von Gott umfangen und getragen sind.

Bönnsche im Jlöck? Ja, das stimmt auch in den restlichen 4 Jahreszeiten, denn bei aller berechtigten Kritik leben viele von uns in Bonn sehr zufrieden. Und ich könnte es nicht verstehen, wenn wir es nicht gemeinsam schaffen könnten, die vorhandenen Probleme anzugehen. Wenn das gelänge, dann wären die Bönnsche wirklich im Jlöck. Amen

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