Ostern, Predigt, Msgr. Bernhard Auel

16. April 2017; Bernhard Auel

Predigt von Msgr. Bernhard Auel an Ostern, 16. April 2017, im Bonner Münster

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich stimme unserem Professor Bretschneider zu, der in einem Artikel dieser Tage schreibt: „Der Glaube an die Auferstehung Jesu bleibt eine Herausforderung – für jede Zeit neu. … Auferstehungsmusik ist und bleibt eine Herausforderung.“ Wenn ich mich dieser Herausforderung als Prediger stelle, kann ich freilich nur bruchstückhaft, ansatzweise versuchen, an diesem Osterfest die Botschaft dieses Festes in Worte zu fassen. Vom Klang dieses Festes möchte ich sprechen. Denn bei keinem anderen Fest ist die Musik so bedeutsam wie an Ostern. Seit Gründonnerstag, dem Abend des Verrats nach dem Abendmahl, schwiegen die Glocken, die Orgel. Beim Gloria in der Osternacht, dem österlichen Gesang des Alleluja und bei der Botschaft von der Auferstehung war es dann nicht mehr zu halten, festliches Geläut, aufbrausende Orgel, kräftiger Gesang. Zum Osterfest gehört die Musik mit all ihren Möglichkeiten. Chor, Solisten, Holz- und Blechblasinstrumente stimmen mit Pauken, Streichern und Orgel ein in das „Gloria in excelsis Deo“, das nach den 40 Tagen der Fastenzeit an Ostern erstmals wieder erklingt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.“

 

Die Osterfreude der Christen hat vom Anfang der Kirche an auch Musik gebraucht, um sich auszudrücken. Beim geistlichen Vortrag für die Priester unseres Erzbistums am vergangenen Montag sprach der Prediger (Ludwig Mödl) von kultureller Diakonie; wir brauchen die Künste, die Musik, um auszudrücken, was wir nicht mit Worten sagen können. Und der bekannte Theologie Hans Küng schreibt: „Musik selber kann ohne alle Worte eine wichtige Quelle religiöser Erfahrung sein. … In gewissen Momenten ist es dem Menschen gegeben, sich zu öffnen, so weit zu öffnen, dass er in dem unendlich schönen Klang den Klang des Unendlichen hört.“

 

Da hat sich ein Ruf, der nicht nur gesprochen, sondern lieber gesungen wird, mit der Osterliturgie der Kirche besonders prägend verbunden. Er ist älter als die Kirche und gehört zu jenem geistlichen Schatz, den Christentum und Judentum gemeinsam haben; er lautet Alleluja oder, in hebräischer Sprachgestalt, Hallelujah. Ins Deutsche übersetzt bedeutet dieses Wort „Preiset Gott!”. Nicht das Bitten, sondern das absichtslose Loben und Danken ist der höchste Ausdruck der Liebe zu Gott. Dieses Loben ist Antwort auf die Erfahrung der Schönheit und Güte Gottes. Daher kann ein Interpret (Wolfgang W. Müller) in seinem Buch mit dem treffenden Titel „Klingende Theologie“ schreiben: „Musik kann als ein Ort theologischer Erkenntnis verstanden werden. Das Geglaubte kann im Modus der Schönheit geschaut werden.“ Und ein anderer (Anselm Grün) zitiert den irischen Dichter John O’Donohue, dieser nennt die Musik „eines der schönsten Geschenke, die der Mensch der Erde brachte. In wahrhaft großer Musik findet die uralte Sehnsucht der Erde eine Stimme … Sie ist vielleicht diejenige Kunst, die uns dem Ewigen am nächsten bringt, weil sie unser Zeiterleben unmittelbar und unumkehrbar verändert. Wenn wir schöner Musik lauschen, treten wir in die zeitliche Dimension der Ewigkeit ein.“

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, das Osterlob im Alleluja ist der Dank der Christen für das Leiden, Sterben und Auferstehen Christi und für die Sendung des Heiligen Geistes als Frucht der liebenden Selbstentäußerung des Sohnes Gottes. Nicht nur zu Ostern und in der österlichen Zeit wird in der Liturgie der Kirche das Alleluja gesungen, aber in dieser Zeit erklingt es besonders oft. Leben, lieben und loben — das sind Worte, die nicht nur in ihrem Klang, sondern in ihrem Inhalt verwandt sind. In der Sicht des biblischen Glaubens vollendet sich das Leben im Lieben und das Lieben im Loben. So ist das Alleluja-Lied die Bekrönung dieses Lobes.

 

Da sei in diesem Jahr ein besonderer Hinweis erlaubt. Am 13. April – in diesem Jahr der Gründonnerstag - vor genau 275 Jahren hatte Händels Oratorium ‚Der Messias’ Premiere. Das großartige Halleluja daraus erklingt auch heute zum Schluss dieses Gottesdienstes. Händel deutete den Erfolg für sich so: „Ob ich in meinem Körper gewesen bin oder außerhalb meines Körpers, als ich das schrieb, weiß ich nicht. Gott weiß es.“ Mich erinnert dieses Wort an den Apostel Paulus, der in seinem zweiten Brief an die Gemeinde von Korinth von Erscheinungen und Offenbarungen schreibt: „Ich kenne jemand, einen Diener Christi, der bis in den dritten Himmel entrückt wurde; ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. Und ich weiß, dass dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde; ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, weiß ich nicht, nur Gott weiß es.“

 

Ludwig van Beethoven, dessen Messe in C wie jedes Jahr musikalischer Ausdruck unseres Osterglaubens ist, hielt Händel für den größten aller Komponisten. Und über dem Kyrie der Missa solemnis steht Beethovens eigenhändige Notiz „Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen!“ Das ist auch mein Wunsch für uns alle, dass der Osterglaube noch lange in uns nachklingt. Ich bin sicher, es stimmt, was ich in einem Buch über die Seele und ihr Schicksal (Vito Mancuso) lese: „Große Musik, Malerei, Literatur, Philosophie vergeht nicht. Die Werke, die sie hervorgebracht haben, sind eine ganz reale Spur des Ewigen, die die Besten unter uns für uns nachzuzeichnen wussten.“ Und ich sehe mich darin bestätigt, wenn vor wenigen Wochen Papst Franziskus vor Musikern aus aller Welt betonte, es sei wichtig, die Worte Gottes in Gesang, Klang und Harmonie zu übersetzen, um die „die Herzen der Menschen vibrieren zu lassen“. Dass wir dies in unserem Herzen spüren, jetzt, wenn der Chor für uns das Credo singt, ist mein Osterwunsch für uns alle. – Amen.

Zurück