Ostern, Predigt, Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

16. April 2017; Wilfried Schumacher

Predigt von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher an Ostern, 16. April 2017, im Bonner Münster (Feier der Osternacht in Erinnerung an die alttestamentlichen Heilstaten Gottes und die Auferstehung Jesu mit Osterfeuer und Tauferinnerung sowie Taufe, Firmung und Erstkommunion von vier Männern und Frauen. Ostersonntag, 16.04.2017, 05.00 Uhr, Bonner Münster.)

  

 

 

In der Nacht haben wir uns versammelt. „Nacht“ ist für die Bibel nicht bloß eine Zeitangabe zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Nacht kann es im Menschen auch sein mitten am hellen Tag. Nacht – das ist die Erfahrung von Leid und Schmerz, Nacht – das ist Erfolglosigkeit, die Trennung, das Versagen Nacht – das ist das Leid in seiner vielfältigen Gestalt Nacht – das ist Krieg, Terror, Gewalt, Flucht, Heimatlosigkeit, Einsamkeit. Nacht - das kennen wir alle!

 

Nacht – das ist der Karfreitag, den vielen Menschen erleben müssen. Auch diese beiden Frauen, Maria aus Magdala und die andere Maria, die sich auf den Weg machen, um nach dem Grab zu sehen.

 

Gehen wir mit Ihnen am Ostermorgen.

 

1. Und siehe: Es entstand ein großes Erdbeben

Damit beginnt es. Die Erde bebt, der Boden schwankt! In diesen Tagen haben uns die Medien daran erinnert, dass vor 25 Jahren hier in unserer Heimat die Erde wankte. Plötzlich verliert man den festen Boden unter den Füßen. Alles wird unsicher. Das kann einem Angst machen. Ein Engel kommt wälzt den Stein weg, setzt sich drauf und die Wächter fallen wie Tod zu Boden.

 

Wir sind es gewohnt, auf die Wächter zu schauen – und vergessen die Frauen, die mittendrin stehen in diesem Geschehen – und vergessen uns, die wir sie begleiten.

Ein Grab wollen sie sehen, dem Toten noch einmal die Ehre erweisen. Ein Grab, kein Ort der Hoffnung, Dokumentation des Endes eines Lebens. Und jetzt schwankt der Boden und mit ihm schwankt alles, was so klar erschien!

 

Es braucht diese innere Erschütterung, um zu erahnen, was geschehen ist. Wer meint, der Ostermorgen sei ein Spaziergang, erschütterungsfrei - der wird außen vor bleiben.

 

Sie, liebe Taufbewerber, haben es in ihrem eigenen Leben erlebt. Wie plötzlich das, was vorher war, gar nicht mehr so sicher war, wie ihr Inneres erschüttert wurde, um schließlich die Entscheidung zu fällen, sich taufen zu lassen.

 

Alles trägt jetzt die göttliche Handschrift!

Während die Frauen noch angstvoll um sich blicken – so jedenfalls stelle ich es mir vor, trifft sie, trifft uns das Wort des Engels: Fürchtet euch nicht! Denn ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er wurde auferweckt, wie er gesagt hat. Kommt, seht den Ort, wo er lag.

 

Das Wort des Engels macht den Frauen und uns klar: der Gekreuzigte ist auferstanden.

Als sie Jesus ans Kreuz schlugen, da wurde nicht nur sein Leib getötet. Da sollte zerstört werden, wofür er lebte. Die, die töteten bzw. töten ließen, sagten Nein zu einem Gott, der die Menschen leidenschaftlich liebt. Sie wollten nicht akzeptieren, dass Schuldige neu anfangen dürfen.

 

Der Gekreuzigte ist der Beweis dafür, dass alles, wofür er lebte, gescheitert ist: Vergebung, Heilung, Neuanfang, Würde für alle Menschen, auch für die Kleinen und Schwachen. Dieser Gekreuzigte ist auferweckt worden – er lebt nicht mehr in der Weise der Welt, sondern in der Weise Gottes. Gott hat damit ein für alle Mal bestätigt und besiegelt: Alles, wofür Jesus lebte, trägt jetzt die göttliche Handschrift!

 

Alles, was er sagte, alles was er lehrte, alles was er tat – war nicht nur Wort und Werk eines frommen Rabbis aus Nazareth, sondern Gottes Wort und Werk. Es stimmt, was er sagte: „Wer mich sieht, sieht den Vater“. Auf den Namen dieses Jesus Christus werden Sie gleich getauft, liebe Taufbewerber! Und damit gehören Sie untrennbar zu ihm – wie wir alle, die wir schon getauft sind.

 

1. Frucht bringen wie das Weizenkorn

So erfreulich das ist – diese Botschaft muss man erst einmal verkraften. Aber der Engel lässt den Frau, lässt uns keine Zeit: Geht schnell und sagt seinen Jüngern: Er ist auferweckt worden von den Toten! Der Engel will uns Beine machen. Mit dem schönen Erlebnis, der schönen Feier am Ostermorgen ist es nicht getan.

 

Sie haben eine Kerze für diese Feier erhalten, die einen grünen Baum zeigt. Damit wollen wir erinnern an das Motiv des Fastentuchs, das uns die ganze Fastenzeit über begleitet hat und das auch auf der Osterkerze zu sehen ist. Das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wird und stirbt und das reiche Frucht bringt.

 

Ein schönes Bild für das österliche Geschehen, eine Illustration dessen, was der Engel verkündet hat: der Gekreuzigte lebt! Und ein Bild für unsere Sendung: Wenn das Weizenkorn es sich wohl ergehen lässt, in der Sonne liegt und mit sich und der Welt zufrieden ist, bringt es keine Frucht.

„Wohnzimmerchristen“ – wie Papst Franziskus sie nennt, Christen, die die Welt vom Sofa aus betrachten, statt sich in ihr zu engagieren, bringen die Welt und die Kirche nicht weiter. Sie mögen in ihrem Leben Erfolg haben, aber es bleibt fruchtlos.

 

Nur wer bereit ist, wie das Weizenkorn, abzusterben und aufzubrechen, bringt reiche Frucht.

Liebe Taufbewerber! Getauft werden Sie nicht für sich, damit es Ihnen wohlergeht. Getauft werden Sie, getauft sind wir, damit auch wir Frucht bringen – wie das Weizenkorn.

 

Geht schnell – sagt der Engel und macht den Frauen und uns Beine.

Was hindert uns daran, loszulaufen?

  

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