Ostern, Predigt von Msgr. Prof. Wolfgang Bretschneider

1. April 2018; Wolfgang Bretschneider (presse@katholisch-bonn.de)

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Predigt von Msgr. Prof. Wolfgang Bretschneider (Subsidiar am Bonner Münster) an Ostern, 1. April 2018, in der Schlosskirche. Manuskript. Es gilt das gesprochene Wort.

 

Der kleine Roland tollt am Klarfreitag auf der Straße herum. „Du kannst doch nicht so herumtoben!“, versucht seine Mutter ihren Filius zu zügeln. „Warum denn nicht?“, fragt er zurück. „Heute ist doch der Heiland gestorben“, rechtfertigt sie ihre Mahnung. Darauf der Kleine: „Mutti, aber die Geschichte ist doch gut ausgegangen.“

 

Ja, Kindermund tut Wahrheit kund. Die Geschichte mit Jesus von Nazareth ist gut ausgegangen. Und weil diese Geschichte noch nicht zu Ende ist, feiern wir Ostern. Der große Theologe Karl Rahner hat es klassisch formuliert: „Ostern ist keine Feier eines vergangenen Ereignisses. Das Halleluja gilt nicht dem, was war. Ostern proklamiert einen Anfang, der schon über die fernste Zukunft entschieden hat. Auferstehung sagt: Der Anfang der Herrlichkeit hat schon begonnen… Alles ist in Bewegung. Nichts hat hier eine bleibende Stätte. Ostern, Auferstehung: Es hat schon begonnen, die endgültige Zukunft hat schon angefangen.“ 

 

Dieser Glaube ist „ver-rückt“, bleibt eine Provokation, eine Zumutung, damals wie heute. Er beginnt mit dem Kreuz. Eine überdrehte Spaßgesellschaft kann mit dem Folter- und Hinrichtungsinstrument nichts anfangen, dementsprechend auch nicht mit einer Religion, die eben das Kreuz zu ihrem Erkennungszeichen macht. 

 

Wie ist einer zu bewerten, der am Kreuz endet, angenagelt, durchbohrt? Wie ist seine Bergpredigt, wie sind seine Seligpreisungen zu bewerten? Denn auch diese wurden mitgekreuzigt. Das Fazit: Ein einziges Scheitern. Die obersten Behörden haben es amtlich gemacht: Dieser Mensch, diese Botschaft haben keinen Anspruch, gehört zu werden. Im Gegenteil! Sie mussten beseitigt werden, weil sie die innere und äußere Ordnung des Staates und der Religion ins Wanken gebracht hatten.

 

Und geradezu absurd die Behauptung des Jesus und seiner Jünger: Das ist der Sohn Gottes. Welch ein erbärmliches Bild von Gott! Schlimmer noch: eine Beleidigung des allmächtigen Gottes, des triumphalen Weltenherrschers!  Er musste getötet werden im Namen des wahren Gottes. Sein Ende war die Konsequenz seines Lebens. Wir mussten es tun. Nun ist Schluss damit, Schluss mit diesem Spuk. Es war Gott sei Dank nur eine Episode – ohne Folgen.

 

Davon waren sie alle überzeugt, die einen beruhigt, die anderen traurig und enttäuscht. Sie konnten zur Normalität übergehen, so dachten sie. Zunächst ja. Doch dann passierte etwas, was noch gewaltiger war als das Erbeben beim Tode Jesu. Es meldeten sich Menschen, die die irre Behauptung erhoben: Der brutal ermordete Jesus lebt. Wir haben ihn erlebt auf seltsame, geheimnisvolle, geradezu unheimliche Weise. Wir haben uns gefragt: Waren das Hirngespinste, Wahnvorstellungen? Unsere Mitbürger haben uns für verrückt erklärt., haben an unserem Verstand gezweifelt. Wir selbst haben uns am Anfang auch diese Fragen gestellt. Aber in den Monaten nach der Ermordung Jesu sind wir immer wieder diesem Jesus begegnet. Und dies waren Begegnungen mit Folgen. Wir wurden aus unserer tiefen Lethargie herausgeholt, unsere maßlose Enttäuschung verwandelte sich in eine Begeisterung, die wir uns nicht erklären konnten.

 

Diese Menschen sind Zeugen der Auferstehung, sie allein. Für die Auferstehung gibt es nur einen einzigen Beweis: die Menschen, die sich aufmachen und die unglaubliche Botschaft in die Welt rufen: Jesus hat dem Tod seine abgrundtiefe Grausamkeit und Aussichtslosigkeit genommen. Das war damals und immer wieder. Nur das eine Beispiel: Im Jahre 2015 wurden 21 junge koptische Christen an der Künste Lybiens enthauptet. Der IS hatte diese barbische Szenerie per Video um die Welt geschickt. Immer wieder hört man die Rufe der jungen Christen: Jesus Christus ist der Herr. Das war ihr Zeugnis für Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

 

Gesungen:  Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.

 

Hinter dem Tod steht nicht mehr ein Punkt, sondern ein Doppelpunkt. Der Tod wird zum Durchgangstor. Noch deutlicher: Durch seinen Tod hat er unseren Tod überwunden. Welch eine Behauptung! Welche „Ver-rücktheit“! Auch dies eine Zumutung, besonders in den Augen und Ohren der Machtgierigen und Penetranten, der Dreisten und Dummen.

 

Mit dieser Zumutung steht und fällt aber unser christlicher Glaube. Er ist der Dreh- und Angelpunkt. Immer wieder haben Christen dies auszudrücken versucht in Worten, in der Kunst, in der Musik. Z.B. Die Kartäuser in ihrem Wahlspruch: Das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht. Das Kreuz bleibt, was es war: ein Skandal und ein Horrorzeichen. Genau dies wird zum Erlösungszeichen mit der Wahnsinnsbotschaft: In Jesus, dem getöteten und auferstanden, findest du Freiheit, Befreiung, unvergängliches Leben.

 

Auch das eine Botschaft, die unserer hysterischen Selbstsuche diametral entgegensteht.  

Selbstverwirklichung und Emanzipation, Selbstoptimierung und Selbstbestimmung, das sind doch unsere Lebensziele. Früher waren wir sicher zu viel von oben bestimmt worden, auch in der Kirche. Dann kam die Gegenbewegung. Und sie katapultierte uns ins andere Exrem. Ist da noch Platz für einen Erlöser, für das Eingeständnis, dass ich bei all meinen Fähigkeiten am Ende doch nicht alles im Griff habe? Könnte es nicht sein, dass ich ganz neue Freiräume geschenkt bekomme, wenn ich mich im letzten in meinem Erlöser festmache? Dass ich viele Ängste und Frustrationen loswerde, wenn ich nicht unbedingt das erreichen will, was ich gar nicht erreichen kann, wenn ich nicht auf Biegen und Brechen mich ständig selbst überschätze? Dann könnte ich die Osterbotschaft neu hören: Zur Freiheit seid ihr befreit. Welch eine Vision! Welche Gedanken, welche Kräfte könnte sie freisetzen!

 

Ich habe ein Blatt Papier mitgebracht. Unbeschrieben, unbedruckt! Ganz weiß. Und doch trägt dieses Blatt eine Botschaft in sich. Wenn ich es gegen das Licht halte, entdecke ich eine Botschaft, ein Wasserzeichen, es verrät mir die Herstellerfirma, die Papiermühle. Wir kennen solche Wasserzeichen von Banknoten, Briefmarken und anderen Personaldokumenten. Sie schützen vor Fälschungen. Dieses Bild kam mir in den Sinn. Könnte es nicht ein Bild für uns sein? Menschen mit dem österlichen Wasserzeichen, die daran glauben, dass die endgültige Zukunft schon begonnen hat! Unser Echtheitszeichen, unser Erkennungszeichen. Ich wünsche es uns allen.

 

Gesungen:  Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung. Hallaluja.

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