Ostern, Predigt - "Auf nach Galiläa"

5. April 2015; Wilfried Schumacher

Predigt

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Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Ostern, 5. April 2015, im Bonner Münster

 

Sie haben es gehört: „Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“ – Also dann auf nach Galiläa. Dort werden wir ihn sehen. Aber wo ist dieses Galiläa?

 

Wer schon einmal in Israel war, weiß es. Auf der Landkarte finden wir es. „Galiläa“ ist der Name der Gegend im Norden Israels westlich des Sees Genezareth. Der Name „Galiläa“ ist wohl eine Abkürzung von galil ha-gojim, das heißt: „Bezirk der Heiden“.

 

In Jerusalem verachtete man diesen Teil des Landes, denn da wohnten Juden und Heiden. Die „reine Religion“ war da kaum zu praktizieren. „Kann aus Nazareth (in Galiläa) etwas Gutes kommen?“ Wir kennen die Frage des Nataneal, der die Vorbehalte der Frommen ins Wort bringt.

 

Geografisch ist die Frage beantwortet. Aber wissen wir damit jetzt wo wir hin müssen? Schauen wir bevor wir aufbrechen einen Moment auf den Ostermorgen in Jerusalem, so wie Markus ihn überliefert hat.

 

Es gibt gleich zwei Zeitangaben:

Die erste: Als der Sabbat vorüber war, kauften die Frauen die Öle. – Der Sabbat markiert den letzten Tag der Schöpfung, einen Abschluss. Eine Zeitangabe, die rückwärts gerichtet ist.

Die zweite: Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab. – Der erste Tag der Woche steht für den Neuanfang. Nichts ist an diesem Morgen alt, vertraut oder bewährt. Der Stein ist weggewälzt und das Grab ist leer!

 

Ein junger Mann gibt den Frauen drei Aufträge: „Seht – geht – sagt!“

  • „Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte“. – Das ist ein letzter Blick in die Vergangenheit. Ein letzter Blick auf den Karfreitag.
  • „Geht“ –hier könnt Ihr nicht bleiben. Das ist der Ort der Toten. Immer dann wenn in der Schrift Menschen mit Gott in Berührung kommen, trifft sie das Wort „Geh!“, können sie nicht bleiben, sondern müssen aufbrechen.
  • „Sagt es seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa“ – die Botschaft von der Auferstehung will verkündet werden. „Zeugen der Auferstehung“ sind nötig. (Apg 1,22)
 

Und jetzt beginnt das Problem. Haben Sie noch den letzten Satz des Evangeliums im Ohr? „Sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ Damit endet ursprünglich das Markus-Evangelium.

 

Und jetzt? Keine der Ostergeschichten, die so schön helfen, im Ansatz zu verstehen, was geschehen ist. Kein Wort über die Begegnung des Auferstandenen mit Maria von Magdala, kein Wort von den Emmaus-Jüngern, keine Erzählung von dem zweifelnden Thomas. Nur dieser eine Hinweis: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

 

Wir werden uns also aufmachen müssen, so wie die Jünger damals. Allerdings dieses Galiläa finden wir auf keiner Landkarte, dieses Galiläa ist unsere Welt, die Glaubenden und die Ungläubigen, die Frommen und die Lauen, die Heiligen und die Sünder, die Guten und die Bösen. Dieses Galiläa ist unsere Alltagswelt, das, was wir tagtäglich erleben. Dort finden wir den Auferstandenen.

 

Jetzt sind eigentlich Sie an der Reihe. Sie müssten sich jetzt erzählen, wie sie in Ihrem Alltag die Spuren des Auferstandenen entdecken. Dort nämlich, wo das, was Jesus gesagt und getan hat, nicht beschränkt bleibt auf seine irdischen Jahre, sondern auch heute noch erlebt wird: Zuwendung, Heilung, Versöhnung, Vergebung. Wo all die Geschichten, die sie aus den Städten und Dörfern Galiläa kennen, sich heute in unserer Stadt ereignen.

 

Jetzt müssten Sie davon sprechen, wie Sie den Herrn getroffen haben: in all den Menschen, mit denen er sich solidarisierte: mit den Kranken, den Fremden, den Ausgestoßenen, den Leidenden. Jetzt müssten Sie berichten von den Augenblicken in Ihrem Leben, wo es nach langer Nacht in Ihrer Seele wieder Tag wurde, wo Sie neue Hoffnung schöpften, wo es plötzlich doch wieder Zukunft gab! „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, heißt es in einem Kirchenlied.

 

„Ich finde es richtig schade, wenn an und nach Ostern das helle Fastentuch nicht mehr hängt“, sagte mir gestern jemand. Sechs Wochen lang hatten wir diesen Blick ins Licht, lud uns das Tuch ein und gab uns Hoffnung in der Dunkelheit des Lebens.

 

Wir brauchen es nicht mehr an diesem Osterfest. Denn die Hoffnung wird uns nicht mehr auf einem Tuch geschenkt. Wir finden sie mitten in dieser Welt in vielen kleinen Hoffnungsgeschichten. Unser Fastentuch ist jetzt nur noch auf der Osterkerze sichtbar. Ihr Licht steht stellvertretend für die vielen kleinen Lichter, die im Galiläa unseres Lebens brennen und dort die Dunkelheit besiegen.

 

Machen wir es nicht wie die Frauen im Markus-Evangelium. Schweigen wir nicht! Haben wir keine Angst, reden wir davon, wie wir dem Auferstandenen in unserem Galiläa begegnen. Wir brauchen keine Ostergeschichten: wir sind Maria von Magdala, wir sind die Emmaus-Jüngern, wir sind der ungläubige Thomas.

 

Also dann: auf nach Galiläa.Ich bin dabei.Gehen Sie auch mit?

  


Bibel, Evangelium nach Markus, Kapitel 16, Verse 1-7

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

 

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