Ostern, Predigt des Stadtdechanten

20. April 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst an Ostern, 20. April 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Gen 1,1-2,2, Ex 14,15-15,1, Jes 54, 4-14, Röm 3,6-11, Mt 28,1-10

 

„Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort.“ - So endete die Passionsgeschichte am Karfreitag. Diejenigen, die für den Tod Jesu gesorgt hatten, sicherten das Grab mit Wachen und versiegelten den Eingang Sie wollten ganz sicher sein. Mit einem schweren Stein blockieren sie das Grab, mit einem schweren Stein blockieren sie das Leben.

Schon oft haben die Mächtigen dieser Welt ‒ der Welt, für die Christus sterben wollte ‒ versucht, ein für alle Mal einen Stein vor sein Grab zu wälzen. Mich beunruhigt sehr, wie tatenlos wir Christen dabei zuschauen.
Wir lassen es zu, wie die christliche Tradition unseres Landes und Kontinents immer mehr in den Hintergrund gerät, als Totes in einem Grab verschlossen wird.
Vieles, was Christen in und für diese Gesellschaft tun, gerät unter Generalverdacht, weil Religion und die religiöse Überzeugung immer mehr an Achtung in der Gesellschaft verlieren.
Wenn ich Atheist wäre oder einer anderen Religion angehörte, ich würde genüsslich zuschauen, wie die Christen selbst ihren Herrn begraben und ihn hinter dicken Steinen verstecken, wie sie sich selbst abschaffen.

Ein amerikanischer christlicher Philosoph hat jüngst vom „Nihilismus“ gesprochen, der sich überall breit mache. Er meinte damit den „Triumph von Macht und Gewalt über alle Moral, ohne Rücksicht auf die Schwachen und Verwundbaren“. Er nennt sich selbst einen „Karsamstag-Christen“. „Karsamstag-Christen“ halten es aus vor dem mit einem Stein verschlossenen Grab. Statt vorschnell in den österlichen Jubel einstimmen, wollen sie das Leiden und das Übel in der Welt wahrnehmen, dieses aufdecken und die Kraft mobilisieren, dagegen anzukämpfen.

Der Stein, mit dem das Grab verschlossen ist, spielt in allen Osterevangelien eine Rolle: hinter dieser wuchtigen Barriere vollzieht sich in der Stille des Grabes das Werk des Todes: Der Mensch, der aus Staub entstanden ist, kehrt langsam wieder zu Staub zurück.

Darüber hinaus schafft der Stein Ordnung: vor ihm stehen die Lebenden, hinter ihm liegen die Toten. Selbst wenn man diese Trennung als schmerzvoll, bitter und traurig erfährt, weiß man doch, wo der Mensch ist, den man geliebt hat. Der Stein ist der Zeuge des Todes. Der Stein besiegelt den Tod.

„Wer rollt uns den Stein weg?“, fragen die Frauen voll Sorge im Markusevangelium. Matthäus gibt die Antwort: „Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.“ Nicht irgendwer, nicht irgendeiner – nein, Gott selbst rollt den Stein weg.

Was vorher so sicher und geordnet erschien, ist mehr als auf den Kopf gestellt: „Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ Der Stein, der Zeuge des Todes, ist zum Zeugen der Auferstehung geworden. Der Engel sitzt triumphierend auf ihm.

Wir wissen aus eigener Lebenserfahrung, wie das Leben blockiert werden kann. Wir alle kennen Menschen, die sich an Steinen stoßen, die sich blutige Füße und Köpfe holen an tausend Hindernissen, an Steinen, die sich ins Leben legen, die ihnen in den Weg gelegt werden, unverrückbar, lebenshemmend.

Uns und ihnen allen gilt die Botschaft dieses Morgens: Der Stein ist weg! Es ist nichts ist mehr zwischen uns und dem Leben, nichts ist mehr zwischen uns und dem Auferstandenen, nichts ist mehr zwischen uns und Gott.
Gott selbst, der Christus von den Toten auferweckt hat, rollt auch die Steine von unseren Herzen und von unserer Seele, von Euren Herzen und Eurer Seele.

Das lässt sich einfach sagen und singen. Aber es braucht seine Zeit bis wir es auch mit dem Herzen begreifen. Die Evangelien berichten dies auch von den Frauen am Grab und den Jüngern in Jerusalem. Sie brauchten ihre Zeit bis sie verstanden, was geschehen war.
Es ist wie im richtigen Leben: wer von Ihnen schon einmal trauernd vor einem Grab stand, der weiß, dass der Trost seine Zeit braucht, dass Zuversicht und Freude nicht sofort zur Stelle sind.

Hier sind heute wie damals diejenigen gefragt, die von dieser Botschaft schon überzeugt sind, denen diese Botschaft Beine macht, wie den Frauen, die zu den Jüngern eilen:

  • Wer noch keinen Trost gefunden hat, muss ihn bei uns, den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, finden.
  • Wer noch keine Freude im Herzen hat, muss sie bei uns, bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, finden.
  • Wer seine Zuversicht und seinen Glauben verloren hat, muss sie bei uns, den Jüngerinnen und Jüngern Jesu, finden.

Gott selbst hat den Stein weggerollt. Er kann auch uns die Kraft geben, selbst etwas ins Rollen zu bringen, selbst die Steine aus dem Weg zu räumen, die bisher Hindernisse waren für uns und andere.

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