Palmsonntag, Predigt

29. März 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Palmsonntag, 29. März 2015, im Bonner Münster

 

„Eine Woche geht zu Ende – eine Woche mit furchtbaren Nachrichten.“ So verabschiedete sich am Freitag eine Moderatorin von ihren Zuschauerinnen und Zuschauern. Ja, es waren furchtbare Nachrichten. Die Medien haben sich überschlagen in ihren Sondersendungen und sind von einer Spekulation zur nächsten gejagt. Dabei blieben die Menschen hinter den Schlagzeilen letztlich auf der Strecke. Je weiter man entfernt ist von dem persönlichen Schicksal, je schneller löst sich das Individuum auf in der Zahl 150.

 

Aber da sind die jungen Menschen, die das Leben noch vor sich hatten, die beiden Babys, die Opernsänger, die Lehrerinnen, die Studentin, die Crew, viele Menschen mit ihrer je eigenen Lebensbiographie, mit ihren Träumen, ihren Hoffnung. Und da ist der Co-Pilot, dessen Rolle bei der Tragödie noch mit Mutmaßungen verbunden ist. Alle zerschellt an einem Berg in den französischen Alpen.

 

Wie gehen wir als Christen damit um? Natürlich stellen wir die Frage nach dem „Warum.“ – Sie verhallt ohne dass wir eine Antwort bekommen. Wir werden sie mitnehmen müssen im Vertrauen darauf, dass es am Ende eine Antwort gibt.

 

So verschieden wie wir Menschen sind, so verschieden sind auch unsere Reaktionen auf das Ereignis und seine Folgen. Mich bewegt die ganzen Tage schon das Schicksal der Einzelnen. Sie hinterlassen einen leeren Platz in ihren Familien, an ihrem Arbeitsplatz, in der Schule, bei Ihren Freunden. In dieser Gemütslage höre ich die Passion heute, die der Evangelist Markus aufgeschrieben hat.

 

Dabei schaue ich mit Interesse auf den wohl ältesten Bericht von der Kreuzigung, den Markus dann später verwendet hat. Er ist leicht aus dem Text des Markus-Evangeliums herauszuschälen. Hören wir die wenigen Zeilen, das älteste Dokument der Kreuzigung:

 

Und hinausführen sie ihn, damit sie kreuzigen ihn.

Und sie zwingen einen Vorbeigehenden, Simon, einen Kyrenaier, kommend vom Acker, den Vater von Alexandros und Rufos, dass er trage sein Kreuz.

Sie bringen ihn zu dem Golgotha-Ort,

Und sie kreuzigen ihn und aufteilen sie seine Gewänder, werfend ein Los über sie, wer was nähme.

Und mit ihm kreuzigen sie zwei Räuber, einen zur Rechten und einen zur Linken von ihm.

 

Wahrscheinlich ein Augenzeugenbericht. Er ist in der Gegenwartsform geschrieben und jeder Satz beginnt mit „und“. Ebenso wie Kinder eine Geschichte erzählen, ganz ursprünglich, ohne jede sprachliche Glättung.

 

Vom Tod ist hier nicht die Rede – das schreckliche Ende Jesu kannte jeder, der den Text hörte. Und doch haben es diese wenigen Zeilen in sich, denn plötzlich treten aus dieser Geschichte ganz konkrete Menschen heraus:


1. Einer, der am Vorabend des Paschafestes vom Feld kommt. Er übertrat nach den streng jüdischen Vorstellungen das Gesetz und war der einzige, der Jesus in seiner Not half –wenn auch gezwungenermaßen. Der Mensch steht über dem Gesetz – auch auf dem Kreuzweg!

 

2. Gekreuzigt wurde Jesus wie ein Verbrecher, mitten unter zwei Räubern. Das hat wohl die Menschen damals sehr beeindruckt, wenn es in diesem ältesten Text eigens erwähnt wird. Selbst im Tod leistet er denen Gesellschaft, zu denen er sich besonders hingezogen fühlte, den Outlaws, den Ausgestoßenen, mit denen niemand Gemeinschaft haben wollte, nicht einmal beim Gottesdienst. Jesus bleibt sich und seiner Sendung treu – auch im Angesicht des Todes.

 

3. Und schließlich die Soldaten. Sie ließen dem Gekreuzigten nichts. Es gibt kaum eine größere Erniedrigung als wenn ein Mensch seiner Kleider beraubt wird und man sie aufteilt und weggibt. Da ist es mit der menschlichen Würde vorbei. Für mich wird hier offenbar, wie Jesus solidarisch wird mit allen Menschen, die täglich auf dieser Welt erniedrigt werden. Wer nackt ist, ist ganz geworfen auf seine Geschöpflichkeit, nichts Äußeres, das ihm Wert geben könnte, nur seine Gottebenbildlichkeit. Ist das nicht die größte Würde des Menschen?

 

Die Geschichte der letzten Tage hat viele Facetten. Mir hilft die Passionsgeschichte heute, weniger hysterisch, weniger sensationslüstern, weniger spekulativ die Geschichte zu verarbeiten. Und mehr den einzelnen Menschen zu sehen, der unseres Mitgefühls, unseres Mitleids, unserer Solidarität, unseres Gebetes bedarf.

 

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