Palmsonntag, Predigt des Stadtdechanten

20. März 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Palmsonntag, 20. März 2016, im Bonner Münster

 

„Der Herr braucht Dich“

 

Mit dem Beginn der Karwoche rückt das Leiden und Sterben Jesu unmittelbar in den Blick. Die Passion Jesu kennt keine Zuschauer, keine reinen Beobachter, keine Konsumenten. Sie ist kein Theaterspiel mit einer Bühne vorne und dem Zuschauerraum hinten.

 

Die Leidensgeschichte spielt sich nicht in einer Arena oder in einem Fußballstadion ab, wo es auf der einen Seite Akteure und Spieler gibt, auf den Rängen die Fans johlen und schreien. Die Passion Jesu ist keine Kinovorführung, die man nach ästhetischen oder kommerziellen Kriterien beurteilen könnte. Die Passion Jesu lässt uns nicht unbeteiligte Zuschauer sein. Die Passion Jesu kennt nur Beteiligte. Ich möchte sie heute einladen, die alten Texte nicht einfach nur an sich vorüberziehen zu lassen, sondern in sie einzusteigen, ein Teil von ihr zu werden.

 

Erinnern Sie sich noch an das Wort aus dem Evangelium zur Palmweihe. Die Jünger sollen den Esel mitnehmen mit der Begründung: „Der Herr braucht ihn!“ – Lesen Sie es persönlich auf sich bezogen: Der Herr braucht Sie, um in Ihre Lebensstadt einzuziehen. – Einige Personen bieten sich an, die Geschichte aus deren Perspektive zu betrachten:

 

Da ist Pilatus, der sich in der heutigen Passion des Lukas nicht als der Mächtige, der Urteilsfreudige offenbart, der zögert, Auswege sucht, Kompromisse schließen will, aber sich schließlich dem Mob beugen muss. Erkennen Sie sich oder andere vielleicht wieder?

 

Da ist Herodes. Von ihm und seinen Soldaten sagt Lukas: sie zeigten Jesu offen ihre Verachtung. Sie treiben ihren Spott mit ihm, nehmen ihn nicht ernst. Jesus schweigt und tut nichts – erst recht nicht das Wunder, das Herodes von ihm erwartete. Er ließ sich nicht einbeziehen in die Machtspiele, auch wenn er dadurch hätte sein Leben retten können. Stattdessen wird er zum Spielball derer, die das Sagen haben. Erkennen Sie sich oder andere wieder?

 

Da ist Simon von Zyrene, der gerade vom Feld kommt. Ihm laden die Soldaten das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage. Statt Feierabend Kreuzweg. Es gibt Situationen, da muss man ran. Anpacken, zupacken, helfen. Erkennen Sie sich oder andere wieder?

 

Da sind die Klageweiber, die schon vorab den Tod beklagen. Jesus kann ihnen die Tränen nicht ersparen; aber er nutzt ihr Mitleid, um sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen, in der sie selbst schweben. Jesus wendet sich gegen eine Trauer, der keine Veränderungskraft erwächst. Er wendet sich gegen eine Betroffenheit, die das eigene Beteiligt-sein am Elend ausklammert. Erkennen Sie sich oder andere wieder?

 

Da sind die Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt werden. Der eine, der sich dem Spott der Menge anschließt, und der andere, der angesichts der Ereignisse zur Umkehr fähig ist. Er hat den Mut, dem anderen und damit der Masse zu widersprechen, und bittet ganz bescheiden: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Erkennen Sie sich oder andere wieder?

 

Wir können uns in die unterschiedlichen Personen der Leidensgeschichte Jesu hineindenken und hineinfühlen. Der Kreuzweg Jesu ist auch in unser Leben eingraviert. Jede und jeder von uns hat eine Leidensbiographie, die Erinnerungen an schmerzliche Ereignisse im Leben, die immer noch wehtun.

 

Im Hören der Passion Jesu können wir einen Weggefährten für unser eigenes Leben finden.

Aber wir stehen auch auf der anderen Seite. Wir sind Täter in der Passion Jesu, wenn wir die Liebe zu kurz kommen lassen, wenn wir sie sprachlos machen, wenn wir feige sind, uns heraushalten. Bequemlichkeit, Desinteresse, Gleichgültigkeit, bringen Gott zum Schweigen.

Wir sind eingeladen, uns in dieser Woche in die unterschiedlichen Personen hineinzudenken und zu fühlen. Aus ihrer Perspektive die Passion zu betrachten und – wenn es uns gelingt – aus dieser Perspektive mit dem Herrn selbst ins Gespräch zu kommen.

 

Versuchen Sie es!

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