Palmsonntag, Predigt des Stadtdechanten

13. April 2014; Wilfried Schumacher

Fastenpredig-Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am Palmsonntag, 13. April 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Mt 21 1-11, Jes 40, 4-7, Phil 2,6-11, Mt 27, 11-54


Hoffnungszeichen

Die älteren unter Ihnen werden vielleicht bestätigen können, was meine Großeltern und Eltern mir immer erzählt haben: die Not und das Elend waren in den Jahren nach dem Krieg oft größer als in den Jahren davor.
Wer das Grauen des Krieges überlebt hatte, sah sich einem neuen Überlebenskampf ausgesetzt. Zur materiellen Not kam angesichts der zerbombten Städte und der zerstörten Existenzen die innere Verzweiflung hinzu: wie sollen wir das nur alles wieder aufbauen? Wie sollen wir auf die Dauer unseren Hunger stillen und unser Leben sichern?
Es gab auch Hoffnungszeichen: die Menschen gerade in unserer Stadt nahmen wahr, wie sich die Institutionen einer neuen Demokratie in unserer Stadt niederließen. Auch die Währungsreform im Juni 1948 verstanden sie als ein Signal, das ihnen wieder Mut machte.
Und in der Tat: was unsere Großväter und Großmütter unsere Väter und Mütter geleistet haben, kann sich sehen lassen.

Ähnlich erging es den Menschen in Jerusalem nachdem sie aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Sie kamen aus der Deportation in die Fremde wieder in die Heimat zurück, in eine zerstörte Stadt.
Das ist die Zeit des Propheten Sacharja. Seine Botschaft treibt die Menschen an, einen Neuanfang zu wagen und den Tempel Gottes wieder aufzubauen. Er gibt den Menschen Perspektiven, die weit über den Horizont ihrer Alltäglichkeit hinausreichen. Die Offenbarung des Propheten stellte eine große Ermutigung für das Volk dar, zu einer Zeit, da jede nationale Hoffnung entschwunden schien.
Hinzukommt, dass seine letzten Prophezeiungen den Messias ankündigen: "Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin."
Er befreit von aller Unterdrückung und jeglicher Fremdherrschaft und sorgt für Frieden und Gerechtigkeit. Die Botschaft des Sacharja - ein Hoffnungszeichen in schwerer Zeit.

Vor diesem Hintergrund wird das Zitat aus dem Buch des Propheten Sacharja, das Matthäus in seinem Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem dokumentiert, verständlich. Der Einzug Jesu wird für die Menschen seiner Zeit zu einem Hoffnungszeichen. "Hosanna" rufen sie dem Mann aus Nazareth zu. Das heißt übersetzt: "Ach, Herr, bring doch Hilfe!" Das ist die Bitte des alttestamentlichen Beters, die im Psalm 118 niedergeschrieben wurde. Aber auch die Bitte, die die Menschen an die Könige richteten, wenn sie selbst nicht mehr weiter wussten.
Ach Herr bringt doch Hilfe - für die Menschen ist dieser Jesu der erwartete Sohn Davids, der Messias. Dieser ist von Davids Samen, Gottes Sohn in Ewigkeit, haben wir im Lied zur Prozession gesungen. Wie Sacharja prophezeit hat, kommt er nicht auf einem Schlachtross, nicht im Streitwagen. Er kommt demütig, als Friedensfürst.

Allerdings: die Menschen in Jerusalem werden es bald merken, dass sie das Hoffnungszeichen falsch verstanden haben. Es folgt nicht der Umsturz mit Macht und Gewalt, sondern mit Ohnmacht und Liebe.

Ich möchte Sie heute einladen, sich selbst zu fragen, welche Hoffnungen Sie mit dem Herrn verbinden. Was bedeutet Jesus für Sie, wenn er einzieht in Ihre Lebensstadt, da, wo sie sich niedergelassen haben, da wo sich der Alltag des Lebens vollzieht? Heißen Sie ihn willkommen? Oder versperren Sie lieber das Stadttor?

Und ich möchte Sie einladen, Ausschau zu halten, nach den Hoffnungszeichen Ihres Lebens? Was macht Ihnen Mut? Wer oder was befreit sie aus Niedergeschlagenheit und Depression? Wer oder was hilft Ihnen auf, wenn alles in Trümmern zu liegt?
Die Palmzweige, die Sie erhalten haben und mit nach Hause nehmen, können Sie dankbar an diese Hoffnungszeichen erinnern und gleichzeitig Ihnen immer wieder diese Frage stellen, welche Hoffnungen verbinde ich mit dem Herrn?

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