Pfingsten, Predigt

24. Mai 2015; Wilfried Schumacher

Aussendung des Heiligen Geistes - Fenster im südlichen Querhaus

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Aussendung des Heiligen Geistes - Fresko im südlichen Querhaus

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst an Pfingsten, 24. Mai 2015, im Bonner Münster

 

Glückwunsch dem Geburtstagskind.

 

Herzlichen Glückwunsch, Kirche. Pfingsten gilt als das Geburtsfest der Kirche. Kommen Sie mit zur Gratulation und halten wir eine Rede auf das Geburtstagskind!

 

Herzlichen Glückwunsch, Kirche, du hast dich gar nicht verändert, möchte man sagen. Du sitzt noch immer wie damals in Jerusalem hinter verschlossenen Türen. Du bejammerst deine Situation und trauerst alten Zeiten nach, als noch über die Hälfte deiner Mitglieder regelmässig zum Sonntagsgottesdienst gingen.

 

Hinter verschlossenen Türen streitest Du Dich um Dinge, die die Menschen draußen nicht mehr verstehen. Die einen predigen Barmherzigkeit, die anderen meinen, mit forcierter Dogmentreue könne man deine Attraktivität steigern.

 

Du hast die Türen verschlossen, weil du meinst, nur so könntest du dir die heile Welt bewahren, Dich gegen den bösen Zeitgeist behaupten und mit reiner, unbeschmutzter Seele davon kommen. Du hast die Türen verschlossen, weil Du Angst hast vor denen draußen und Angst hast vor der eigenen Courage.

 

Ich gestehe, diesem Geburtstagskind gratuliere ich nicht gerne.

 

Wie wäre es denn stattdessen damit: Herzlichen Glückwunsch, Kirche, du bist richtig jung geblieben und immer noch attraktiv.


Du hast um den Geist Gottes gebetet und ihn auch erhalten. Du hast die verschlossenen Türen geöffnet, trittst mit Mut vor die Welt, die deine Sprache versteht. Die offenen Türen symbolisieren deine Bereitschaft zum Aufbruch. Vieles, was einmal war, war damals gut. Jetzt schaust du auf die Zeichen der Zeit und deutest sie im Licht des Evangeliums!


Es ist wie in unserem persönlichen Leben - wir stehen zu unserer Biografie -und versöhnen uns mit ihr. Denn wenn wir nur in der Vergangenheit leben, finden wir nicht die Zukunft. Statt sich nur von alten Zeiten zu erzählen, erlebst Du immer wieder Pfingsten. Sturmesbraus und Feuerzungen. Den Wind im Rücken und Feuer im Herzen.


Herzlichen Glückwunsch Kirche - deine ganze Geschichte ist voll von Menschen, die in immer wieder neuen Anläufen Deine Türen und Fenster geöffnet haben, und dafür sorgten, dass ein neuer Geist durch alte Gemäuer fegt.

 

Ich denke an den Hl. Franziskus von Assisi, an Katharina von Siena, an Ignatius von Loyola, an Adolf Kolping, Mutter Theresa, Johannes XXIII. oder den neuen seligen Kardinal Oscar Romero. Um nur einige zu nennen. Mitreißende, begeisterte Zeitgenossen ihrer Zeit. Was für die Anfänge in Jerusalem galt, kann man auch von ihnen sagen: Sie verstehen Gott, sie verstehen die Welt und die Welt versteht sie.


Herzlichen Glückwunsch, Kirche! Damit meine ich nicht eine anonyme Größe. Nicht die da oben, nicht die Kleriker und Amtsträger, nicht andere - sondern uns! Wir sind Kirche, wir haben heute Geburtstag!

 

Wir sind die Kirche von 2015 - nicht mehr die von 1950, 60 oder 70 - auch wenn manche daran schöne Erinnerungen haben mögen. Es liegt an uns, ob wir hinter verschlossenen Türen allein bleiben oder vom Geist erfüllt, die Türen öffnen und nach draußen gehen.

 

Bertolt Brecht erzählt die "Geschichten vom Herrn Keuner". Eine ganz kurze Geschichte lautet so: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.’ ‚Oh!’, sagte Herr K. und erbleichte.“

 

Eine Kirche, die sich nicht verändert, lässt mich auch erbleichen - denn hinter verschlossenen Türen weht kein frischer Wind, vom Geist Gottes ganz zu schweigen.

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