Pfingsten, Predigt

8. Juni 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Pfingsten, 8. Juni 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Apg 2, 1-11, 1 Kor 12, 3b-7.12-13, 17-23, Joh 20, 19-23

 

Mehr als die Hälfte der Deutschen weiß nicht mehr, was Pfingsten bedeutet. Und wenn doch, dann ist der Heilige Geist für viele eine große Unbekannte.
„Gott ist schwierig“, sagt Hans Dieter Hüsch. Neben dem Vater und dem Sohn ist es der Heilige Geist allemal.

Wenn ich jetzt durch die Kirche gehen würde und Sie fragen würde, was bedeutet Pfingsten für Sie. Ich fürchte, es gäbe ein großes Durcheinander.
Da wären einige, die könnten den Katechismus aufsagen, andere würden sich vielleicht sogar fürchten vor so viel Wissen oder sehr beschämt sein. Einige hätten vielleicht nur eine kleine Ahnung, andere vielleicht Fragen; sogar Zweifel.
Wieder andere hätten vielleicht das Thema noch gar nicht bedacht, aber sie schwingen mit ein in die Feier dieses Festes. Es ist schon eine bunte Gemengelage, die hier zusammengekommen ist. Wie damals in Jerusalem, Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, und wo sie alle herkamen.
Jeder mit einem anderen Hintergrund, wie heute zu sagen pflegt. Und doch bekennen sie: Wir hören sie(die Jünger Jesu) in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

Was ist passiert? Der Autor der Apostelgeschichte beschreibt es mit wenigen Worten: alle, und damit meint er die Apostel und die Jünger die seit der Himmelfahrt an einem Ort versammelt waren, alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt!
Wie das geschehen ist, das kann keiner letztlich beschreiben: es war so wie wenn ein gewaltiger Sturm daherkommt, verbunden mit Zungen wie von Feuer.
Es ist hier wie an allen Stellen, an denen das Neue Testament vom Heiligen Geist spricht: es beschreibt vor allem, wie der Geist wirkt, es benennt die Früchte des Geistes.
Ich möchte drei Wirkweisen des Gottes Geist Ihnen bedenken:

 

1. Der Heilige Geist bewirkt Verständigung

 

„Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“, schreibt die Apostelgeschichte. Mir fällt auf, dass dort nicht steht, die Apostel seien zu Sprachgenies geworden, die plötzlich alle damals bekannten Sprachen sprechen konnten. Das Wunder geschieht vielmehr auf Seiten der Hörer.

Heute ist es so, dass viele Menschen, die die Kirche hören, die uns Christen hören, nicht mehr bekennen, dass sie uns in ihren Sprachen verstehen.
Das Sprachproblem ist eines der größten Probleme, die die Kirche heute hat. Wir können uns nicht mehr verständlich machen. Da könnte man kritisch fragen: Ist der Geist Gottes nicht mehr an Werk? Ist das der Grund, weshalb die Menschen uns nicht mehr verstehen?

Ich glaube eher, es ist unser Hochmut und unsere Arroganz, mit der wir glauben, uns den Menschen von heute nähern zu können. Nach dem Motto: wir sprechen doch deutsch, wieso verstehen die Menschen uns nicht. Oder: das sind alte und heilige Texte, die hat man doch früher auch verstanden.
Hochmut und Arroganz aber sind keine Früchte des Geistes. Die Früchte des Geistes sind nach dem Apostel Paulus vor allem Liebe, Freude und Frieden, aber auch Geduld und Freundlichkeit, Güte und Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung (Galater 5, 22)

Viele Worte, die uns Theologen geläufig sind, scheitern wahrscheinlich schon bei Ihnen - oder wissen Sie alle genau was Gnade ist, was Opfer bedeutet, was Hingabe heißt. Wir müssen uns um eine neue Sprache bemühen, um die Herzen der Menschen zu erreichen. Es wird dabei nicht anders gehen, als dass wir von den Menschen lernen. Bischof Hemmerle hat einmal gesagt: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich Dir zu überliefern habe.“
Eine Kirche, die sich auf diesen Weg begibt, wird eine Sprache sprechen, bei der der Heilige Geist auch eine Chance hat für Verständigung zu sorgen.


2. Der Heilige Geist bewirkt Harmonie

 

Einer der Kirchenväter hat gesagt: der Heilige Geist selbst ist Harmonie. („ipse harmonia est“).

Wie kann man Harmonie übersetzen? Vielleicht mit Eintracht, Einklang. Harmonia ist der Name einer griechischen Göttin. In der lateinischen Mythologie heißt sie Concordia - vielleicht zu übersetzen mit „eines Herzens sein“.

Dass alle verschieden sind, davon war schon am Anfang die Rede. Unsere Versammlung hier heute Morgen ist ein Abbild der ganzen Kirche, die sich zusammensetzt aus Menschen aller Völker und Nationen, aller Hautfarben, aller Sprachen - und was es sonst noch für Differenzierungen geben mag.
Eine solche Vielfalt ist nicht einfach. Wenn der Heilige Geist Harmonie ist, Harmonie bewirkt, dann geht es um Eintracht, um eines Herzens sein, um Einheit - aber nicht um Einförmigkeit und Uniformität. Dann geht es um Einheit in der Vielfalt.
Paulus schreibt im ersten Korinther Brief: Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.“ Papst Franziskus lässt nicht nach darin, immer wieder uns einzuladen, die Vielfältigkeit im Miteinander der Kirche zu leben. „Wir sind alle verschieden, wir sind nicht gleich, Gottseidank“, sagte der Papst am Donnerstag dieser Woche, „sonst wäre es die Hölle!“ Er warnte vor jenen, die Harmonie mit Uniformität, Gleichförmigkeit und Steifheit gleichsetzen. „Diese Menschen haben nicht die Freiheit, die der Heilige Geist gibt. Sie sind erklärte Katholiken, aber ihre steife Haltung entfernt sie von der Kirche.“ - Eine klare Sprache! Das muss man, wenn man betroffen ist, auch erst mal verdauen.


3. Der Heilige Geist bewirkt Aufbruch

 

Nach Pfingsten ist für die Apostel und die Jünger Jesu nichts mehr wie vorher. Sie bleiben nicht in ihren vier Wänden, wohin sie sich zum Gebet zurückgezogen hatten. Sie brechen aus und brechen auf und tragen ihre Botschaft bis an die Grenzen der Erde.
Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Be- geister-te.

Pfingsten ist also nicht nur das Fest des Heiligen Geistes, sondern mehr noch das Fest der Begeisterten, die den Aufbruch wagen.
Die meisten von uns sind gefirmt, haben den Geist Gottes empfangen.

Aber was ist daraus geworden? Bischof Kamphaus bringt es auf den Punkt: Die Gottesmüdigkeit, die mangelnde Glaubenslust ist unsere eigentliche Schwäche. Wir leugnen Gott nicht, aber wir rechnen auch nicht ernsthaft mit ihm. Unser Gott ist weder zu fürchten noch zum Verlieben. Fängt jemand damit an, wird er schnell in die charismatische Ecke gestellt. So reden und erklären wir alles Mögliche, aber es kommt kaum durch, was wir der Welt schulden: das Zeugnis vom lebendigen Gott“

Da ist nichts mehr mit Aufbruch! Statt aufzubrechen, brechen wir ein. Hans-Dieter Hüsch, den ich eingangs schon zitierte mit seinem Wort vom schwierigen Gott, sagt in dem gleichen Text:

Und er (Gott) schickt seit Jahrtausenden
Den Heiligen Geist in die Welt
Dass wir zuversichtlich sind
Dass wir uns freuen
Dass wir aufrecht gehen ohne Hochmut
Dass wir jedem die Hand reichen ohne Hintergedanken
Und im Namen Gottes Kinder sind
In allen Teilen der Welt
Eins und einig sind
Und Phantasten dem Herrn werden
Von zartem Gemüt
Von fassungsloser Großzügigkeit
Und von leichtem Geist.
Ich zum Beispiel möchte immer Virtuose sein
Was den Heiligen Geist betrifft.


Genau das wäre jetzt zu tun - damit Pfingsten nicht länger ein Fest bleibt, unter dem sich immer weniger etwas vorstellen können.

Datei-Anhänge:

Links:

Zurück