Pontifikalamt zur Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II., Predigt des Apostolischen Nuntius

11. Mai 2014; Erzbischof Dr. Nikola Eterovic

Pontifikalamt anlässlich der Danksagung für die Heiligsprechung von Johannes XXIII. am 11. Mai 2014 im Bonner Münster
Predigt S. E. Apostolischer Nuntius, Erzbischof Dr. Nikola Eterović

Texte aus der Bibel in der Liturgie: Apg 2,14.36-41; Ps 23; 1 Petr 2,20-25; Joh 10,1-10

MANUSKRIPT – ES GILT DAS GESPROCHENE WORT.


Sehr geehrter Herr Stadtdechant Monsignore Schumacher,
verehrte Mitbrüder im priesterlichen und diakonischen Dienst,
verehrte Brüder und Schwestern des geweihten Lebens,
liebe Brüder und Schwestern,

„Ich bin der gute Hirt, ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“ (Joh 10,14).

Diese Worte Jesu führen uns gut ein in das Thema des vierten Ostersonntags, des Sonntags des Guten Hirten, der traditionsgemäß der Welttag der Geistlichen Berufe ist. Der Heilige Vater, der Bischof von Rom und Hirte der universalen Kirche, schreibt gewöhnlich aus diesem Anlass eine Botschaft, um alle Glieder der Katholischen Kirche zu sensibilisieren, über die Berufung zum Priestertum und zum geweihten Leben nachzudenken und dafür zu beten. Papst Franziskus hat in diesem Jahr eine Botschaft geschrieben zum Thema: Die Berufungen - Zeugnis der Wahrheit, in der er dazu einlädt, Jesus zu bitten, „die Zahl derer wachsen zu lassen, die bereit sind zum Dienst in seinem Reich“. Das Gebet, das sich auf alle Glieder der Kirche ausweitet, die das priesterliche Volk bilden, meint in besonderer Weise diejenigen, die im Dienst am Volke Gottes im Priesteramt stehen. Sie ermöglichen, dass das Werk Jesu Christi, des Hirten, Priesters und Propheten, sich fortsetzt und sich die Fülle der Gnade Gottes ausgießt auf die Gläubigen, die über die ganze Erde zerstreut sind.

Im Johannesevangelium haben wir begonnen, das Kapitel zu lesen, in dem sich Jesus Christus als der Gute Hirt präsentiert, der seine Schafe kennt und mit Namen ruft. Sie kennen seine Stimme, sie vertrauen ihm und treten ein oder verlassen eins nach dem anderen den Schafstall durch die Tür. Jesus geht voran, und die Schafe folgen ihm. Er bezeichnet sich selbst als die Tür zum Schafstall. Mit diesem Bild zeigt er seine Vermittlung im Heilswerk. Über ihn, den gestorbenen und auferstandenen Herrn, treten die Schafe in das Reich Gottes, geeint vom ihm durch das Sakrament der Taufe. Der auferstandene Jesus schenkt ihnen die Fülle seines Geistes (vgl. Joh 3,34) und führt sie zu Gott, dem Vater (vgl. Joh 14,6).

An diesem Sonntag des Guten Hirten sind wir auf besondere Weise versammelt, um dem einen und dreifaltigen Gott Dank zu sagen, dass er seiner Kirche zwei außergewöhnliche Hirten gegeben hat, zwei Päpste, die am 27. April 2014, dem zweiten Ostersonntag, dem Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit, heiliggesprochen worden sind. Es sind die Heiligen Päpste Johannes XXIII. (1958-1963) und Johannes Paul II. (1978-2005). Ich bin Ihrem Herrn Pfarrer, Monsignore Schumacher, dankbar, dass er mich eingeladen hat, mit Ihnen Dank zu sagen für das große Geschenk, das Gott seiner Kirche und den Menschen guten Willens gemacht hat. Diese Geste erneuert und festigt auch das Band zwischen der Apostolischen Nuntiatur und der Münsterbasilika. Sie sind auf zwei Weisen besonders verbunden:
1. In der Verehrung der Reliquien der Heiligen Cassius und Florentius. Einige ihrer Reliquien wurden von Bonn nach Berlin in die Apostolische Nuntiatur übertragen, die dort als große Märtyrer des dritten Jahrhunderts, gemeinsam mit den Reliquien des Heiligen Bonifatius die fruchtbaren Wurzeln des Christentums in Deutschland bezeugen.
2. In der liturgischen Feier der Papstfeste. Solange die Apostolische Nuntiatur ihren Sitz in Bonn hatte, wurde der Jahrestag der Papstwahl hier in dieser Basilika festlich gefeiert. Hier schließlich haben die Gläubigen gebetet, dass Johannes XXIII. und Johannes Paul II. ihren Dienst gut erfüllen als Nachfolger des Heiligen Apostels Petrus, dem sichtbaren Fundament der Einheit der Kirche, der vor der Welt verkündet hat, dass Jesus „der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ ist (Mt 16,16), und dass sie die Christen im katholischen Glauben stärken können (vgl. Lk 22,32). Im Rahmen seines Apostolischen Besuches in Deutschland im Jahre 1980 hat der Heilige Johannes Paul II. am 15. November auch Bonn besucht und auf dem Münsterplatz den Schrein mit den Reliquien der Heiligen Cassius und Florentius im Gebet verehrt, der damals erstmals aus der Basilika herausgetragen worden war.

Der Heilige Vater Franziskus, von dem ich Euch gerne Grüße übermittle und den Apostolischen Segen, hat an den Heiligen Johannes XXIII. erinnert „als Papst der Folgsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist“ (Predigt der Heiligsprechung am 27.04.2014). Dies zeigte sich in der Entscheidung, das Zweite Vatikanische Konzil einzuberufen. Das Konzil ist nach einem Satz des Heiligen Johannes Pauls II. „die große Gnade […], in deren Genuss die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompass geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren“ (Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte vom 06.01.2001, Nr. 57). Von der Folgsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist zeugt Johannes XXIII., der gute Papst, auch durch die Inspiration zur Förderung des Friedens in der Welt in einem kritischen Moment in den internationalen Beziehungen. Es genügt, mit Blick darauf, an seine Rolle zur Überwindung der Raketenkrise auf Kuba zu erinnern und an seine letzte Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963).

Was lässt sich in Kürze über den Heiligen Johannes Paul II. sagen, mit dem ich die Freude hatte, viele Jahre zusammen zu arbeiten? Die göttliche Vorsehung hat es gefügt, dass ich anwesend war auf dem Petersplatz in Rom bei den entscheidenden Momenten seines Lebens: bei seiner Wahl auf den Bischofsstuhl von Rom, bei seinem Tod, seiner Seligsprechung und jüngst bei der Heiligsprechung. Ich erinnere an seine 104 Auslandsreisen, von denen mir wichtig ist, an die drei Besuche in Deutschland zu erinnern (1980, 1987 und 1996) und an seine Apostolische Reise in die Ukraine im Jahr 2001, in ein Land, wohin er reisen wollte, um den Frieden, die Einheit, den Dialog und den Zusammenhalt zu verkünden, Werte, die angesichts der dramatischen Nachrichten aus diesem europäischen Land, so sehr aktuell sind. Johannes Paul II. ist auf den Straßen der Erde ein unermüdlicher Pilger gewesen, der die gute Botschaft des Evangeliums Jesu Christi, des Erlösers des Menschen, Redemptor hominis, verkündete.

Papst Franziskus hat in seiner Predigt der Heiligsprechung unterstrichen, dass „der Heilige Johannes Paul II. ein Papst der Familie gewesen ist“. Indem er sich vom Heiligen Geist führen ließ, war er sich bewusst, dass die Familie die grundlegende Keimzelle der Kirche und der Gesellschaft ist, so dass er diese fundamentale Einrichtung mit aller Kraft gegen die vielfältigen Attacken verteidigte und die Werte der Liebe, der Gemeinschaft, der Großherzigkeit, der Solidarität förderte, wobei die Familie die erste Schule des personalen wie gemeinschaftlichen Lebens ist. Aus zahlreichen gesunden Familien kommen auch die Berufungen zum priesterlichen und zum religiösen Leben. Bitten wir beide Päpste, unsere Zeitgenossen, um Fürsprache beim allmächtigen Gott, damit viele junge Menschen mit Großherzigkeit auf den Ruf zum Priestertum oder zum geweihten Leben antworten. So wie uns der Heilige Vater Franziskus oft daran erinnert, dass uns der gute Gott niemals im Stich lässt; wir sind es leider, die ihn oft im Stich lassen und seine Barmherzigkeit nicht annehmen, genauso wenig wie seine Einladung zur Umkehr und zum Dienst in der Kirche.

„Ich bin der gute Hirt, ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“ (Joh 10,14). Zu Jesus Christus, dem guten Hirt, tragen wir zusammen mit unserer Danksagung für das Beispiel heiligen Lebens der großen Hirten unserer Zeit, der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II., das leidenschaftliche Flehen, so wie er uns selbst gelehrt hat, als er sagt, dass die Ernte groß ist, aber der Arbeiter nur wenige: „Bittet also den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte aussende“ (Mt 9,38). Seinem Gebot gehorsam, bitten wir den Herrn, den Guten Hirten, daß er viele junge Menschen in seine Ernte schicken möge, die aufmerksam und großherzig auf die Berufung antworten.

Wir vertrauen diese Bitte der Fürsprache der Heiligen Märtyrer Cassius und Florentius an und ganz besonders der seligen Jungfrau Maria, welche die Heiligen Johannes XXIII. und Johannes Paul II. in besonderem Maß geliebt haben. Wir rufen ihren mütterlichen Schutz an über uns, über die heilige Mutter Kirche, über Deutschland und über Europa und über alle Völker auf dem Erdenrund.
Amen.

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