Silvester 2016, Predigt

31. Dezember 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Silvester 2016 im Bonner Münster

  

Hat man Ihnen auch einen „guten Rutsch“ gewünscht? Dutzendfach habe ich das in den letzten Tagen immer wieder gehört. Mit „Rutschen“ hat der Wunsch wenig zu tun, eher mit einem hebräischen Wort: Rosh, das Haupt. Rosh ha shana – heißt der Neujahrstag bei den Juden – das Haupt des neuen Jahres. „Der gute Rutsch“ ist also ein guter „Neujahrstag“.

 

Die Liturgie kennt den Neujahrstag als solchen nicht. Für sie gibt es im Lauf der Zeit keinen Bruch. Sie hat nur ein Ziel – die Vollendung bei Gott! Trotzdem der Wechsel im Kalender, die Berührung von unwiederbringbarem Alten und völlig ungewissem Neuen kennt viele unterschiedliche Bräuche in den verschiedenen Kulturen. Vor allem macht er Angst – man weiß nicht, was kommt – und schon immer haben die Menschen die Angst mit Lärm vertrieben. In dieser Nacht in unserem Land für über 130 Millionen Euro.

 

Aber kann Lärm wirklich die Angst vertreiben? Was ist wenn der Krach verhallt und sich der Rauch der Feuerwerkskörper verzogen hat? Es gibt um Mitternacht nicht nur das Feuerwerk. Es läuten auch die Glocken. Manchmal müssen sie gegen den Krach der Böller ankämpfen – aber tröstlich ist, dass ihr Klang bleibt – über das ganze neue Jahr.

 

Der Ursprung der Glocken liegt im alten China. Seit dem fünften Jahrhundert sind sie im Abendland in Gebrauch. Als es noch keine Uhren für jedermann gab, war man auf Glockenzeichen angewiesen. So hatte die Morgen-, Mittags- und Abendglocke nicht nur an das Gebet zu erinnern, sie markierte auch das alltägliche Leben, Arbeitsbeginn, Mittagspause und Arbeitsende, den Feierabend.

 

Friedrich Schiller hat sein Lied von der Glocke überschrieben: “Ich rufe die Lebenden, ich beweine die Toten, ich breche die Blitze.“ Im Gebet zur Glockenweihe heißt es: sie sollen „zum Gottesdienst rufen, die Säumigen mahnen, die Mutlosen aufrichten, die Trauernden trösten, die Glücklichen erfreuen und die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg begleiten.“.

In unserem Münsterturm läuten seit 260 Jahren acht Glocken das neue Jahr ein. Ich lade Sie ein, dass unsere Glocken uns auch heute Abend durch unsere Gedanken zum Jahreswechsel begleiten:

 

Die größte Glocke, gestiftet vom Kurfürsten Clemens August, hat den Heiligen Clemens und die Gottesmutter als Patrone. Sie erklingt zu besonderen Festtagen und erinnert uns an die Geschichte unserer Stadt, die einmal über viele Jahrhunderte Residenz des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten war.

 

Wenn ich auf die Gegenwart unserer Stadt schaue, dann überwinden wir wohl langsam den rückwärtsgewandten Blick auf die alte Hauptstadt-Herrlichkeit. Aber was fehlt sind nach wie vor Visionen von der Zukunft unserer Stadt, wie sie etwa schon 2012 von Kirchen, Sozialverbänden, Wirtschaft und Gewerkschaften unter dem Titel „Vision Bonn 2025“ formuliert wurden.

 

Die zweite Glocke, die Glocke der Stadtpatrone, ist die Totenglocke. Sie erinnert uns in dieser Nacht an die Menschen, die wir 2016 verloren haben. Menschen, die wir geliebt, gekannt, geschätzt haben. Der Glocke fehlt seit 1945 eine kleine Ecke; denn als sie nach dem Krieg wieder aufgezogen wurde, stürzte die 50 Zenter Glocke aus 20 in die Tiefe. Sie mahnt seitdem die Menschen zum Frieden; aber ihr Klang wird nicht gehört wie ein Blick in die Medien beweist. Weltweit gibt es zur Zeit 32 Kriege!

 

Die Helena-Glocke ist die Glocke, die am häufigsten erklingt. Sie ruft zum Gottesdienst an Sonntag und Werktagen. Nennen wir sie die „Glocke des Alltags“. Sie erinnert daran, dass der Alltag der Ort Gottes, der „Tag Gottes“ ist – wie Karl Rahner einmal gesagt hat. Im alltäglichen Vielerlei unseres Lebens erweist es sich, ob ich Gutes tue und Böses unterlasse. Oft suchen wir Gott im Besonderen, statt ihn im Alltäglichen zu entdecken.

 

Die vierte Glocke ist dem Heiligen Donatus und der Heiligen Agatha geweiht, den Patronen gegen Blitz und Feuer. Sie kündigte in früheren Zeiten die Unwetter an. Ihr Klang spricht von den Katastrophen des Jahres 2016, die uns ganz persönlich heimgesucht haben oder von denen wir verschont wurden. Sie trägt unseren Schmerz und unsere Klage oder aber auch unseren Dank zum Himmel.

 

Mehrmals am Tag läutet die fünfte Glocke, die den Namen des Heiligen Josef trägt. Wenn sie erklingt beten Menschen den sog. „Engel des Herrn“ und bestärken sich so darin, dass Gott diese Welt nicht im Stich gelassen hat und nicht im Stich lässt.

 

Unsere sechste Glocke mit dem Patron des Heiligen Johannes Nepomuk erklingt nicht häufig, sondern vervollständigt das Geläut an besonderen Festtagen. Johannes Nepomuk ist der Brückenheilige, weil er von der Brücke über die Moldau in Prag in den Tod gestürzt wurde. Brücken verbinden die Ufer von Flüssen und Strömen, Brücken gibt es aber auch zwischen Menschen. In dieser Nacht erinnert mich ihr Klang an Brücken, die ich 2016 zu anderen gebaut habe, an Brücken, die ich beschritten habe und an Brücken, die in meinem Leben zu Bruch gegangen sind.

 

Die siebte Glocke gehört wie die achte nicht zum ursprünglichen Geläut. Sie kamen später in den Turm und dienten als Glocken, die als Uhrenschlag-Glocken die Zeit anzeigten.
„Postfaktische Zeit“ nennt man unsere Zeit seit diesem Jahr. „Postfaktisch“ heißt man glaubt Gefühlen und Spekulationen mehr als Fakten und Tatsachen. Gerüchte und gefährlicher Nonsens zirkulieren blitzschnell im Netz.

 

Aber es geht nicht um Fakten hier oder postfaktischem Verhalten dort. Es geht im Tiefsten um die Weltanschauung, um Standpunkte, Blickwinkel, aus denen man die Welt betrachtet und um Glaubenshaltungen, die dahinterstehen. Diese gilt es aufzudecken und zu entlarven! Auch wenn die Trinitatis-Glocke nicht oft erklingt, ihr Klang wird im kommenden Jahr sehr notwendig sein, wenn es bei den Wahlen gilt, die Geister zu unterscheiden!

 

Die kleinste unserer Glocken, der Heiligen Familie geweiht, erklingt zu den Taufen, die es auch regelmäßig in unserem Münster gibt. Unsere Sorge in dieser Stadt muss vor allem den Familien gelten, die nicht wie andere teilhaben können am gesellschaftlichen Leben. Über 11.000 Kinder in Armut sind über 11.000 zu viel. Wenn sie in dieser Nacht erklingt, dann erinnert sie uns daran und lässt viele Menschen dankbar sein, die in einer Familie geborgen sind.

 

Die Glocken des Münsters, die auch in dieser Nacht das neue Jahr einläuten, haben eine Botschaft, die das ganze Jahr über gilt. Sie sind der Klang der Ewigkeit, die künden von einer Zeit, die keinen Jahreswechsel mehr kennt. Sie schenken Hoffnung und vertreiben eher die Angst als Millionen von Böllern und Raketen.

  

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