Silvester & Neujahr, Predigt

31. Dezember 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, zu Silvester, Mittwoch, 31. Dezember 2014, im Bonner Münster

 

Wir sind dafür

 

„Deutsche sind einfach gerne wütend“, so überschrieb eine große deutsche Tageszeitung einen Kommentar vor einigen Tagen. Darin berichtete sie von einer Infobroschüre für britische Soldaten aus dem Jahre 1944, in der es unter anderem hieß: „Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff, sie weisen einen hysterischen Charakterzug auf. Sie werden häufig feststellen, dass Deutsche bereits in Wut geraten, wenn auch nur die kleinste Kleinigkeit danebengeht.“ Statt des Bürgers gebe es den Wutbürger.

 

Ich bin der Meinung, der Autor hat Recht: wir versammeln uns gerne hinter denen, die dagegen sind. So ist das in der Gesellschaft, so ist das in unserer Stadt, so ist das in unserer Kirche.

 

Vor zwei Tagen erschien in der Frankfurter ein Artikel mit dem Fazit „Das Christentum ist in Deutschland ideell bankrott.“ Starker Tobak. Allerdings auf weiten Strecken eine zutreffende Analyse.

 

Aber ich will an diesem letzten Tag des Jahres nicht einstimmen in das allgemeine Lamento, sondern möchte gerne für das neue Jahr die Parole ausgeben:

„Wir sind dafür!“

 

Es ist das Ziel, das mich zu diesem Optimismus veranlasst. Unser Ziel ist nicht der 31.12.2015, sondern die nächsten zwölf Monate sind ein weiterer Schritt hin zum Ziel unseres Lebens, der Begegnung mit dem lebendigen Gott am Ende unserer irdischen Tage, es ist ein Ziel der Hoffnung und ein Ziel des Glücks.

 

„Wir sind dafür!“ - Lassen Sie mich unsere Haltung in sieben Positionen darstellen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

 

1. Wir sind für Jesus

„Jesus soll mein erstes Wort im neuen Jahre heißen“, so beginnt eine Arie in Bach's Neujahrskantate (BMV 171). Nicht „Prosit Neujahr“ oder „Gutes Neues Jahr“, kein Böllerknall, sondern ein schlichtes „Jesus“ als Überschrift über ein ganzes Jahr.

Das Evangelium hat es eben auf höchst theologische Weise gesagt: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“.

Gott ist sterblich geworden, gebrechlich wie wir, er hat mit Ausnahme der Sünde unser Menschsein geteilt. Er ist in unsere Geschichte eingetreten, er ist ganz Gott-mit-uns geworden!

Der Gott, der uns liebt, der Gott, der mit uns geht. Diese Nähe Gottes zum Menschen, zu jedem Menschen, zu einem jeden von uns, ist ein Geschenk, das nie vergeht! Ich wünsche Ihnen ein neues Jahr, dass Sie in diesem Bewusstsein leben.

 

2. Wir sind für das Leben

Das klingt einfach und plausibel - aber es hat Konsequenzen. Wir sind für das Leben vom ersten Augenblick des Menschseins bis zum letzten Atemzug. Papst Franziskus spricht in diesem Zusammenhang von der „Wegwerf-Kultur“, die den Menschen nur noch nach seinem produktiven Wert beurteilt. Hinzu kommen Neid, Egoismus, Rivalität, Machthunger und Geldgier, die das Leben anderer zerstören.

Wir sind für das Leben - das geht um alle Bereiche, in denen menschliches Leben direkt oder indirekt in Gefahr ist. Ich wünsche Ihnen ein Jahr, in dem sie sich immer wieder für das Leben einsetzen können.

 

3. Wir sind für Dankbarkeit

Von Meister Eckhardt stammt das Wort „Wäre das Wort Danke, das einzige Gebet, das du je sprichst, so würde es genügen.“ – Wir brauchen eine neue Kultur der Dankbarkeit in dieser Welt der Selbstverständlichkeiten. Die wesentlichen Dinge des Lebens sind nicht bezahlbar und können nicht aufgerechnet werden. Da gibt es nicht das richtige Verhältnis von Preis und Leistung, da versagt das antike Prinzip des „Do ut des“, ich gebe Dir, damit Du mir gibst. Das fängt bei den Kleinigkeiten des Alltags an und setzt sich fort bis hin zu den großen Dingen, die uns das Leben ermöglichen. Die Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen viele Menschen Danke sagen und Sie auch dankbar vieles entgegen nehmen können.

 

4. Wir sind für die Liebe

Die Liebe zwischen Menschen ist eines der größten Geschenke, die Menschen sich machen können. Reden wir also von der Liebe zwischen Eltern und Kindern, sprechen wir von der Liebe in der Freundschaft, der Partnerschaft, der Ehe. Mag auch die Untreue Schlagzeilen machen, wir wissen, dass die Treue zwischen Menschen das Fundament einer guten Beziehung ist und dass sie hilft in guten wie in schweren Zeiten.

Liebe ist nicht einfach. Sie ist oft auch beschwerlicher Weg, den wir mit Geduld begehen müssen. aber sie ist der einzige Weg, der zum Ziel führt. Ich wünsche Ihnen viel Liebe, die Sie erfahren und die Sie verschenken.

 

5. Wir sind für Frieden

Auch das sagt sich leicht. Der selige Paul VI. schrieb: „Der Friede besteht nicht einfach im Schweigen der Waffen, nicht einfach im immer schwankenden Gleichgewicht der Kräfte. Er muss Tag für Tag aufgebaut werden.“ Was für die große Welt gilt, gilt auch für unsere kleine Welt. „Wir sind für Frieden“ heißt, in dieser Welt nicht aufgeben, auch wenn es viele Schwierigkeiten gibt. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre kleine Welt friedlich bleibt und Sie auf ihre Weise etwas zum Frieden in der großen Welt beitragen können.

 

6. Wir sind für Barmherzigkeit

Wer von der Liebe spricht, muss unweigerlich auch vom Scheitern der Liebe reden. Wer vom Leben spricht, darf nicht unerwähnt lassen, wie bedroht das Leben ist. Wer den Frieden fordert, muss sehen, wie er selbst zum Unfrieden beiträgt. Den Schuldigen gegenüber barmherzig zu sein, heißt nicht, ihr Verhalten gutheißen oder rechtfertigen, sondern bedeutet, anders damit umgehen als die Welt, die schnell über den anderen den Stab bricht.

Es ist erschreckend zu sehen, wie die öffentliche Meinung mit Menschen umgeht, die versagt haben oder Fehler gemacht haben.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie barmherzig sein können und Barmherzigkeit erfahren.

 

7. Wir sind für Humor

Als Papst Franziskus wenige Tage vor Weihnachten von den 15 Krankheiten der Kurie sprach, nannte er auch die Humorlosigkeit als ein Symptom. Auch der eingangs zitierte Artikel über die wütenden Deutschen nennt den Humor als Medizin gegen den deutschen Wüterich. Joachim Ringelnatz schrieb einmal: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt.“

Papst Franziskus sagt: „Ein von Gott erfülltes Herz ist ein glückliches Herz, das ausstrahlt und alle um sich herum mit Freude ansteckt: Das sieht man sofort! Lasst uns also nicht den Geist der Freude verlieren, voll Humor und Selbstironie; er macht uns liebenswert, auch in schwierigen Situationen. Wie gut tut uns eine gute Dosis gesunder Humor! Es tut gut, das Gebet des heiligen Thomas Morus zu sprechen: „Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.“

 

Ich wünsche Ihnen täglich den Humor, der nötig ist, um den Alltag zu meistern. - Sieben Positionen - fast schon zu viel für einen guten Vorsatz. Fangen wir mit einer an und arbeiten wir uns langsam durch: wir haben wieder einmal ein Jahr Zeit, geschenkt von Gott.

 

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