Silvester, Predigt

31. Dezember 2015; Wilfried Schumachder

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Silvester, am Donnerstag, 31. Dezember 2015, im Bonner Münster

 

Die einen gießen Blei, die anderen – etwa in Tschechien - halbieren Äpfel, um am Kerngehäuse das Schicksal abzulesen. In Spanien verspeist man um Mitternacht zwölf Trauben und andernorts isst man Linsensuppe als Hoffnung auf größeren Wohlstand. Es gibt auf dem Globus viele Bräuche, mit denen der Jahreswechsel begangen wird, den wir erst seit 325 Jahren in der Silvesternacht feiern.

 

Vorher gab es unterschiedlichen Neujahrstermine. Vor allen Dingen die Buchhalter benötigen ein festes Datum, um ihre Bilanzen anzufertigen – für uns ändert sich eigentlich nichts in dieser Nacht. Die Zeit läuft ungebremst weiter. Von einem amerikanischen Schriftsteller Hal Borland (1900 - 1976), stammt das Wort: „Das Jahresende ist kein Ende und kein Anfang, sondern ein Weiterleben mit der Weisheit, die uns die Erfahrung gelehrt hat.“

 

Es tut trotzdem gut, einen Augenblick inne zu halten und ein wenig der „Weisheit“ und den „Erfahrungen“ nachzuspüren, die uns das Jahr 2015 gelehrt hat. Dabei steht gewiss im Vordergrund unser persönliches Leben: wir schauen zurück auf viele schöne Erlebnisse, auf manches Traurige, vielleicht auch auf einen schweren Schicksalsschlag, der einen getroffen hat. Und wir alle hoffen und wünschen uns, dass 2016 ein gesundes, friedliches und glückliches Neues Jahr wird – manche werden sogar sagen: ein besseres Jahr!

 

Ich wünsche mir und uns, unserer Kirche und unserer Gesellschaft ein Jahr, in dem oft zu hören ist: Du fehlst mir! - nicht so, wie ein Grundbesitzer über das Feld seiner Nachbarn spricht, sondern wie ein Liebender.[1]

 

Menschen, die einen anderen Menschen gern haben, die einen anderen Menschen wissen, was gemeint ist. Das Leben wird erst rund, wird erst vollkommen, wenn der andere da ist, wenn ich spüre, der oder die ist mit mir unterwegs.

 

Lassen Sie mich das Wort in drei Variationen bedenken:

 

1. Im privaten Bereich

 

Du fehlst mir! – Was würde sich in meinem privaten Umfeld verändern, wenn ich das nicht nur zu einem geliebten Menschen sage, sondern in meinem Herzen und in meinem Verhalten auch auf andere ausdehne? Wenn zum Beispiel der Arbeitskollege, die Arbeitskollegin mir wirklich fehlt, weil nur mit ihm, nur mit ihr das Gemeinsame wirklich gelingen kann.

 

Du fehlst mir! – Das kann mir die Angst nehmen vor dem Fremden, vor dem Neuen – das gibt die Chance das neue als Bereicherung meines Lebens zu erfahren, als ein Puzzle-Teil, das mein Lebensbild bunter machen kann. Der Apostel Paulus verwendet das Bild des Leibes und sagt: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht.“ (1 Kor 12, 21)

 

Nun müssen wir auch realistisch bleiben: Es wird Situationen geben, die uns nicht fehlen, die wir nicht gebrauchen können, Menschen, denen wir lieber abwehrend und ironisch sagen: Du hast mir gerade noch gefehlt. – Und trotzdem: Es käme auf den Versuch an.

 

2. In der Kirche

 

Für die Kirche wünsche ich mir, dass das Wort „Du fehlst mir“ ein Schlüsselwort ihres Handelns, auch hier bei uns wird. Eigentlich fehlt uns ja nichts. Wir sind gläubig, das mit den Geboten kriegen wir auch so einigermaßen hin, es gibt noch ausreichend Gottesdienste. Wenn das so weitergeht, werden wir unbeschadet im Himmel ankommen – was wollen wir mehr?

 

Was aber ist mit den Nicht-Kirchgängern, mit den liturgisch Ungeübten? Was ist mit den Halbgläubigen und Ungläubigen? Was ist mit den Wiederverheirateten Geschiedenen, mit den Homosexuellen? Was ist mit allen denen am Rand, denen die besondere Zuwendung Jesu galt und die Papst Franziskus immer wieder in die Mitte rückt? Schaffen wir es, zu den auch zu sagen „Du fehlst uns!“ – Das würde ja bedeuten, ohne Dich, ohne Euch sind wir nicht vollkommen.

 

Von Bischof Hemmerle stammt in diesem Zusammenhang das Wort: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe." Das ist der notwendige Perspektivwechsel – nicht der andere soll zuerst von uns lernen, sondern wir wollen von ihm lernen. Wir sind hier am Münster, wir sind in der Kirche noch weit entfernt davon.

 

Das Jahr der Barmherzigkeit könnte genau das bedeuten: wir gehen mit dieser Haltung auf die Menschen zu: Du fehlst uns!

 

3. Gesellschaftlich

 

Schauen wir schließlich noch auf unsere Gesellschaft. Angesichts der über eine Million Flüchtlinge wahrscheinlich der schwerste Schritt, zu sagen: Du fehlst uns – Ihr fehlt uns. Abgesehen von der deutschen Wirtschaft, die sich zusätzliche Kräfte auf dem Arbeitsmarkt freut. Noch nie ging es so vielen Deutschen so gut wie heute. Noch nie hatten so viele Menschen Arbeit und blieben so wenige ohne Beschäftigung.

 

Die Flüchtlinge haben uns zuerst einmal nicht gefehlt. Aber die weltpolitische Großwetterlage hat sie uns gebracht. Jetzt gilt es, sie zu integrieren. Wahrscheinlich die größte Herausforderung des kommenden Jahres. Es ist jetzt nicht mehr nur damit getan, sie willkommen zu heißen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Jetzt müssen sie lernen, was uns wichtig ist, auf welchen Werten unsere Gesellschaft gegründet ist. Das können wir am besten, indem wir versuchen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Das könnte die Haltung sein: Du fehlst mir!

 

Die meisten Flüchtlinge sind Muslime. Da macht vielen hier Angst. Aber wir müssten keine Angst haben, wenn die Christen in unserem Land ihr Christsein überzeugt leben würden. Dafür braucht man keine Demonstrationen und Hassparolen.

 

„Das Jahresende ist kein Ende und kein Anfang, sondern ein Weiterleben mit der Weisheit, die uns die Erfahrung gelehrt hat.“ Die Erfahrung lehrt uns, dass wir mit Gottes Hilfe bis zu diesem Jahreswechsel gekommen sind.

 

Vertrauen wir nicht den Bleifiguren, den Trauben, Apfelkernen oder Linsen, sondern einzig und allein seinem Segen, dass uns das Neue Jahr auch gelingen wird, dass das Neue Jahr zu einem Gnadenjahr wird.



[1] 'Missionarisch' zu sein heißt für die Kirche, zu anderen Generationen, zu fremden Kulturen, zu neuen menschlichen Strebungen zu sagen: 'Du fehlst mir' - nicht so, wie ein Grundbesitzer über das Feld seiner Nachbarn spricht, sondern wie ein Liebender. Wenn sie als 'katholisch' qualifiziert wird, wird sie definiert durch den Bund zwischen der Einzigkeit Gottes und der Pluralität menschlicher Erfahrungen: Immer neu dazu aufgerufen, sich zu Gott zu bekehren (der sie nicht ist und ohne den sie nichts ist), antwortet sie, indem sie sich zu anderen kulturellen Regionen, zu anderen Geschichten, zu anderen Menschen hinwendet, die der Offenbarung Gottes fehlen." (Michel de Certeau SJ)

Links:

Zurück