Stadtpatronefest 2017, Predigt

15. Oktober 2017; Schumacher, Wilfried (sebastian.eckert@katholisch-bonn.de)

 

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher beim Fest der Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius

 

„Unsere Heimat – Euer Land“

 

Wenn man ein wenig die öffentliche Diskussion verfolgt, dann stellt man fest, dass in den letzten Jahren wieder ein Begriff vermehrt gebraucht wird, der lange Zeit verpönt war: das Wort von der „Heimat“. Auch im Lied unserer Stadtpatrone ist die Rede von der Heimat. „Unsere Heimat, Euer Land“, singen wir.

 

Besonders nach dem Krieg war es nicht angebracht von der „Heimat“ zu sprechen, weil die Nationalsozialisten diesen Begriff für ihre Ideologie missbraucht und entwürdigt hatten.

 

Heimat - ein alter neuer Begriff

Was ist eigentlich Heimat? Für uns Bonner gehören dazu der Rhein und das Siebengebirge, Beethoven und das Münster, Sankt Martin und die Stadtsoldaten, Kesselsknall und Rübenkraut. Und Ihnen fällt gewiss noch viel mehr ein.

 

Für viele ist Heimat der Ort, an dem sie aufgewachsen sind, wo sie jede Straßenecke kannten. Die ersten Schritte. Der erste Kuss. An die eigene Heimat zu denken lässt in vielen Menschen ein warmes Gefühl aufsteigen. Man kann Heimat fast schon riechen, schmecken. Heimat hat uns geprägt. Heimat lässt uns nicht los.

 

Heimat ist für viele verbunden mit einer großen Sehnsucht. „Sehnsuchtsort Heimat“ titelte die Zeit im vergangenen Jahr und stellte fest, je unübersichtlicher die Welt wird, je komplexer die Zusammenhänge sind, je chaotischer die Welt sich entwickelt, umso mehr sehnen sich Menschen nach Heimat, sehnen sie sich vielleicht nach einer heilen Welt, die es in ihrem Herzen immer gegeben hat.

 

In diesen Zeiten wächst das Bedürfnis nach Orientierung, nach Sicherheit, nach Geborgenheit. Oder wie es die Psychologen sagen: Es wächst die Sehnsucht nach Beheimatung. – Unser Bundespräsident hat es am Tag der Deutschen Einheit deutlich gesagt: „Diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein ‚Wir gegen Die‘; als Blödsinn von Blut und Boden; die eine heile deutsche Vergangenheit beschwören, die es so nie gegeben hat. Die Sehnsucht nach Heimat – nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt und vor allen Dingen Anerkennung –, diese Sehnsucht dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen.“

 

Die Kehrseite

Es gibt diese Sehnsucht nach Heimat – und gleichzeitig als die Kehrseite der Medaille die Heimatlosigkeit. Nicht nur, wenn wir auf die Flüchtlinge schauen, auf die Menschen, die oft unter großen Anstrengungen und Mühen ihre Heimat, in der sie aufgewachsen in, verlassen haben und die jetzt bei uns Zuflucht suchen. Das ist viel getan worden in den letzten Jahren von Christen und Nicht-Christen, von Glaubenden und Nicht-Glaubenden. Vieles, was unsere Anerkennung verdient.

 

Heimatlosigkeit ist ein Gefühl, das viele unserer Zeitgenossen beschleicht. Nicht mehr zu wissen, wo man hingehört; keinen Ort zu haben, wo man Geborgen ist. Wenn Lebensentwürfe zerbrechen, wenn Träume zerplatzen wie Seifenblasen, wenn man vor einem persönlichen Scherbenhaufen steht, dann ist man plötzlich heimatlos!

Hier sind wir als Kirche, hier sind wir als Einzelne gefordert, den Seelen dieser Heimatlosen ein Obdach zu geben. Einen Ort, wo sie sich niederlassen können, wo sie Sicherheit finden, Geborgenheit.

 

Unsere Heimat ist im Himmel

In der Lesung aus dem Philipperbrief hat der Apostel Paulus uns zugerufen: „Unsere Heimat ist im Himmel“! Jetzt werden einige sagen: typisch Religion, typisch Glaube – alles wird vertröstet auf das Jenseits. Aber es geht nicht um das Vertrösten auf das Jenseits.

Zuerst einmal: wenn unsere Heimat im Himmel ist, dann relativiert das viele menschliche Bemühungen. Dann wird manches, was so wichtig ist, plötzlich doch nicht mehr so wichtig. Dann wird mancher, der sich so wichtig nimmt, plötzlich doch nicht mehr so bedeutend.

 

Unsere beiden Stadtpatrone Cassius und Florentius, die Märtyrer der Thebäischen Legion sind ein gutes Beispiel. Als sie antreten mussten, um dem Kaiser als Gott zu opfern, hat ihr Anführer Mauritius mutig widersprochen: Kaiser, wir sind zwar deine Soldaten, du bist uns wichtig, wir stehen unter deinem Befehl, aber wir sind auch die Soldaten Jesu Christi. Der ist uns viel wichtiger. Wenn wir die Treue, die wir ihm geschworen haben, dadurch verletzten würden, dass wir dich als Gott verehren und anbeten, dann könntest Du Dich auf uns auch nicht mehr verlassen. Du magst zwar mächtig sein, aber es gibt einen, der mächtiger ist als Du. Das ist die Konkretion dieses Paulus-Wortes: „Unsere Heimat ist im Himmel“.

 

Sie fängt damit, dass jeder und jede seine/ihre eigene Heimat in Gott sucht. Dass Gott der ist, von dem sein Leben ausgeht, dass Gott, der ist, der ihn prägt, dass Gott der ist, der sein Leben bestimmt. Zu erleben, dass dieser Gott uns begleitet durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens, dass dieser Gott uns begleitet durch die Schwierigkeiten, durch die Momente von Angst, von schwäche, von Unsicherheit, dass der Glaube an diesen Gott uns trägt und wir so Heimat haben in Gott.

 

Unsere Heimat ist im Himmel – das ist auch ein Blick in die Zukunft. Wir sind es gewohnt, alles zu tun, damit wir in den Himmel kommen. Drehen wir den Spieß doch einmal um: was können wir tun, damit der Himmel zu uns kommt?

 

Darum ging es Jesus in seinem Reden und Tun: der Himmel soll zu den Menschen kommen, biblisch gesprochen „das Reich Gottes soll unter uns erfahrbar werden“. Hier und jetzt: Dadurch wie wir reden und handeln, wie wir miteinander umgehen. Hat das etwas mit dem Gefühl von Heimat und Himmel zu tun? Himmel ist nicht zu verwechseln mit dem Schlaraffenland, in dem man nur egoistisch den eigenen Magen füllt.

 

Unsere Heimat ist der Himmel - das relativiert vieles, entbindet uns aber nicht von der Pflicht – auch Sie nicht in Rat und Verwaltung – den Menschen Bedingungen zu schaffen, dass sie in unserer Stadt eine Heimat haben: – das ist nicht eine Frage der Infrastruktur oder der Logistik, sondern der Erfahrung des Dazugehörens, des Sich-Wohlfühlens, des Miteinanders. Wir müssen kein Paradies schaffen, das haben schon andere vergeblich versucht – aber als Heimat ein wenig Himmel auf Erden wäre schon ein Anfang.

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