Stadtpatronefest, Kerzenopfer, Predigt

16. Oktober 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, in der Eucharistiefeier mit Kerzenopfer des Rates der Stadt Bonn anlässlich der Festdekade der Bonner Stadtpatrone Cassius, Florentius und Gefährten

 

Evangelium (Lukas, 6,17.20-26)

 

In jener Zeit stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei. Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht. Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.

  

Predigt – Manuskript. Es gilt das gesprochene Wort

 

Das Kerzenopfer unseres Stadtrates zu Ehren der Stadtpatrone Cassius und Florentius ist schon seit dem Mittelalter überliefert. Ich glaube, das hatte zwei Gründe: (1.) Einmal war man froh, Heilige in der Stadt zu haben. Sie versprachen Schutz und Sicherheit und gaben den Menschen das Gefühl, in ihrer Nähe dem Himmel nahe zu sein. (2.) Der andere Grund: Die Heiligen waren ein Wirtschaftsfaktor. Sie hatten zwar keine überregionale Bedeutung wie etwa die drei Könige im Kölner Dom oder der Jakobus Kult in Santiago de Compostella. Ihre nur regionale Bedeutung reichte aus, um Menschen in die Stadt zu bringen, die hier nicht nur beteten, sondern auch ihr Geld ließen. Immerhin gab es aus Anlass des Festes der Heiligen einen großen Jahrmarkt.

 

Nun werden Sie vielleicht einwenden - das brauchen wir in Bonn nicht mehr, wir kommen auch ohne Heilige ganz gut zurecht. Vor zwei Wochen konnte der Oberbürgermeister bei der Vorlage des Jahreswirtschaftsberichtes stolz verkünden: „Bonn boomt – nach wie vor!“ Die Bundesstadt Bonn sei weiterhin die wirtschaftsstärkste Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Nun muss ich leider an diesem Festtag etwas Wasser in den Wein schütten. Bonn ist auch überdurchschnittlich wenn es um Kinderarmut geht. 20,6 % der Kinder in der Stadt, das sind über 11.000 Kinder leben in Armut. Im bundesdeutschen Durchschnitt sind es 13,2 %, im nordrhein-westfälischen Durchschnitt 18,6 %. Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss steigt in unserer Stadt und es gibt eine hohe und verhärtete Langzeitarbeitslosigkeit.

Wir sind eine reiche Stadt! Aber die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern wächst bei uns besonders deutlich!

 

Im Evangelium haben wir eben die Seligpreisungen nach dem Evangelisten Lukas gehört. „Selig ihr Armen!“ (Lk 6,20) hieß es dort. – „Selig die Armen!“ Klingt das nicht wie ein Hohn in den Ohren derer, die ausgeschlossen sind von der Teilhabe in der Gesellschaft, die sich nichts leisten können, die jeden Cent umdrehen müssen und schon lange vor dem Monatsende mehr wissen, wie sie das Nötigste kaufen können? Diese Menschen leben unter uns in dieser Stadt, oft unerkannt. Wir begegnen ihnen täglich. Vielleicht sitzen einige auch in diesem Gottesdienst.

 

Wenn wir dieses Wort lesen würden im Sinne von „freut euch, dass ihr arm seid“ oder „seid doch zufrieden mit eurer Situation“ oder „wartet nur im Himmel wird alles besser“ dann wäre es wahrlich blanker Hohn. Aber wenn ich es lese als Kontrast zur herrschenden gesellschaftlichen Meinung, dann klingt dieser Vers schon ganz anders.

 

Denn in der Logik dieser Welt werden die, welche Jesus seligpreist, als „Verlierer“, als die Schwachen betrachtet. Dagegen werden der Erfolg um jeden Preis, der Wohlstand, die Arroganz der Macht, das Sich-Durchsetzen auf Kosten der anderen verherrlicht. Aber in diesem Jesus-Wort rücken plötzlich die Verlierer, und in diesem Vers die Armen, in den Fokus. Die, die oft verschämt ihre Armut leben, stellt der Herr ins Scheinwerferlicht, in die Mitte seiner Botschaft.

 

Papst Franziskus sagt: „Die Seligpreisungen sind der Personalausweis des Christen.“[1] Als Christ brauche man kein Dokument, um sich auszuweisen. Es reicht, wenn ich die Seligpreisungen in meinem Leben umsetze.

 

Das ist leicht gesagt – sowohl für die Kirche, als auch ganz persönlich. Wir als Kirche, ich und wahrscheinlich viele von uns müssen bekennen: „Manchmal sind wir hartherzig und starrsinnig, vergessen, vergnügen uns und geraten in Verzückung angesichts der unermesslichen Möglichkeiten an Konsum und Zerstreuung, die diese Gesellschaft bietet.“[2]

 

Wir sind auf weiten Strecken nicht eine arme Kirche für die Armen, sondern eine reiche Kirche für die Reichen oder für die Wohlhabenden. Dabei will ich das Engagement der vielen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen etwa in der Caritas-Arbeit und den sozialen Diensten nicht schmälern. Diese haben wir dankbar im Blick, wenn wir in dieser Festdekade die Patrone von heute besonders feiern. Aber sie dürfen nicht unser Feigenblatt sein. Für die Kirche ist die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage.

 

Deshalb werbe ich für die „Freundschaft mit den Armen“. „Es gibt immer jemanden in unserer Nähe, der in Not ist, materiell, emotional oder spirituell. Das größte Geschenk, das wir ihnen machen können, ist unsere Freundschaft, unser Interesse, unsere zärtliche Zuwendung“[3]. Es geht sowohl darum, die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben als auch um die einfachsten und täglichen Gesten der Solidarität angesichts des ganz konkreten Elends, dem wir begegnen.[4]

 

Wenn wir als christliche Gemeinde dies an diesem Festtag so thematisieren, dann deshalb weil wir den Schrei der Armen in dieser Stadt nicht ignorieren dürfen. Sie haben keine Lobby, sie starten kein Bürgerbegehren, sie machen sich nicht in der Öffentlichkeit bemerkbar. Am liebsten macht die Gesellschaft sie unsichtbar. Es gibt viele Formen von neuer Armut! Viel versteckte Armut. Wir sind mit unserem Papst überzeugt: „Die Zukunft der Armen in den Städten ist noch mehr Armut.“[5]

 

„Freundschaft mit den Armen“ ist vielleicht für die Politiker kein Wort, das auf Begeisterung stößt. „Option für die Armen“ könnte da schon eher eine Maxime politischen Handelns werden. Jeder Euro, der in Arme, besonders in Kinder und Jugendliche investiert wird, ist eine nachhaltige Investition.

 

Unsere Stadt schmückt sich mit vielen Titeln „Fair trade town Bonn“ heißt es. „Fahrradhauptstadt“ wollen wir noch werden. Wie wäre es mit „Bonn – die Stadt mit einer klaren Option für die Armen“? Amen.



[1] Papst Franziskus: Predigt in der Morgenmesse, 09.06.2014
[2] Evangelii Gaudium Nr. 196
[3] Papst Franziskus: Ansprache in Manila, 18.01.2015
[4] Vgl. Evangelii Gaudium Nr. 188
[5] Papst Franziskus: Kongress der Großstadtpastoral, 27.11.2015

 

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