Stadtpatronefest, Moderne Patrone in der Stadt - Ökumenischer Gottesdienst für die Stadtpatrone von Heute

Predigt des Bonner Superintendenten Eckart Wüster
11. Oktober 2016;

Predigt des Superintendenten Eckart Wüster im Rahmen des ökumenischen Gottesdienstes für die Stadtpatrone von heute anlässlich des Stadtpatronefests 2016. Montag, 10. Oktober 2016, 19.30 Uhr, Krypta im Bonner Münster

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Manche biblischen Texte sind so bekannt und vertraut, dass wir ihre Herausforderung gar nicht mehr spüren. Es geht uns mit ihnen wie mit Sendungen im Fernsehen, die zum gefühlt einhundertsten Mal wieder-holt werden. Die schauen wir uns irgendwann auch nicht mehr an, weil wir ja schon wissen, wie die Geschichte abläuft und wie sie endet.

 

Das gerade gehörte Gleichnis Jesu ist von dieser Art. Der „barmherzige Samariter“ ist so gut bekannt, dass es hierzulande ja sogar bis in die geflügelten Worte geschafft hat. Er ist geradezu zu einem Synonym geworden für den mitleidigen und hilfsbereiten Menschen. Und deshalb haben Sie, liebe „moderne Patrone“ unserer Stadt, bei verschiedenen Anlässen dieses Gleichnis vermutlich schon häufiger gehört.

 

Die Botschaft des Gleichnisses ist ja im Grunde völlig klar: Wir sollen nicht nur an uns selbst denken, sondern ebenso an die anderen. Wir sollen die Menschen im Blick haben, die unsere Hilfe und Unterstützung brauchen, und zwar völlig unabhängig davon, welcher Nationalität, welcher Kirche oder welcher Religion diese Hilfsbedürftigen angehören. Die Not, die ein Mensch erleidet, macht meine Nähe und Hilfe erforderlich.

 

Das alleine macht das Gleichnis für manche Zeitgenossen schon zu einer Provokation; vor allem angesichts der immer häufiger anzutreffenden anzutreffenden Hass-  und Wutausbrüchen in unserer Gesellschaft gegen alles, was anders ist als man selbst. Immer wieder und vermehrt gibt es Berichte über Behinderungen bei Hilfseinsätzen.

 

Das Gleichnis, das zunächst unmittelbar einzuleuchten scheint, enthält aber noch eine andere Herausforderung. Wir spüren sie nur evt. nicht. Aber der Gesprächspartner Jesu, der Gesetzeslehrer, hat diese Spitze Jesu sehr wohl wahrgenommen.

Scheinbar sind die Rollen von Gut und Böse im Gleichnis klar verteilt. Da sind die einen – ein Priester und ein levitischer Tempeldiener – die nur einen flüchtigen Blick auf den Verletzten am Wegesrand werfen und dann rasch weitergehen. Ein klassischer Fall von unterlassener Hilfeleistung, möchte man meinen, traurig und beschämend, aber nicht ungewöhnlich. So etwas kommt leider immer wieder vor.

 

Und da ist der andere, ein Mann aus Samarien, den der Anblick des Elends nicht kalt lässt und der tatkräftig zu Hilfe eilt; der es sich Zeit, Mühe und Geld kosten lässt, um dem Überfallenen beizustehen. Ein Vorbild an Solidarität und Tatkraft, dieser Mensch.

 

Wir nicken zu der Geschichte: Ja, so soll es sein. Und wir wissen, wie viele barmherzige Samariter und Samariterinnen heute unterwegs sind. Freiwillig, ehrenamtlich. Menschen, die zupacken und nicht flüchten, wenn sie mit der Not eines Menschen konfrontiert werden. Aber auch organisierte, professionelle Hilfe ist bei uns stark ausgebaut. Kein Führerschein ohne Erste-Hilfe-Kurs, die Notrufnummer 112 funktioniert auf unseren Handys und Smartphones kostenlos. Ein Hilfesystem kommt schnell in Gang. Vielen, vielen Menschen ist dadurch das Leben gerettet worden. Ich bin Ihnen, liebe Patrone unserer Stadt, sehr dankbar, dass es diese gelebte, die spontane und die organisierte Hilfe bei uns gibt. Das ist weltweit längst nicht überall so. Ich bin auch überzeugt, dass das Gleichnis Jesu Pate gestanden hat beim Ausbau dieses Hilfsdienstes. Jahrhundertlang haben Menschen diese Geschichte gehört. Das ist nicht ohne Wirkung geblieben. Nicht zu Unrecht werden wir Christinnen und Christen an der gelebten Nächstenliebe gemessen.

 

Also: wir nicken innerlich, wenn wir das Gleichnis Jesu hören.  

 

Der Gesetzeslehrer aber wird nicht zustimmend genickt haben. Es dürfte ihm überhaupt nicht gefallen haben, dass Jesus hier – wie so oft – den frommen Leuten die negative Rolle zuweist. 

 

Man kann ja mit Recht gegen Jesus einwenden, dass pauschale Kritik unangebracht sei. Der Gesetzeslehrer aus dem Gleichnis könnte darauf verweisen, dass es durchaus gute Gründe für das scheinbar inhumane Verhalten von Priester und Levit in der Geschichte gibt. So klar und eindeutig, wie die Sache scheint, ist sie für die Frommen nämlich keineswegs.

 

Der Weg von Jerusalem hinab nach Jericho gilt damals nicht von ungefähr als extrem gefährlich. Die siebenundzwanzig Kilometer lange Strecke fällt in gewundenen Serpentinen steil ab, ist felsig und einsam. Wer da durch muss, tut gut daran sich zu beeilen, denn Raubüberfälle, Körperverletzung und Mord sind an der Tagesordnung. Sogar bei einem Verletzten am Wegesrand gilt es, auf der Hut zu sein; vielleicht dient er ja nur als Lockvogel, und der Rest der Bande lauert im Gebüsch.

 

Die Tempelbedienstete, wie es Priester und Levit nun einmal sind, dürfen zudem nicht mit Blut in Berührung kommen, da sie sich sonst kultisch verunreinigen würden. So schreibt es das jüdische Gesetz vor. Demnach handeln die beiden nicht nur vernünftig, sondern auch gesetzestreu, wenn sie ihren Weg unbeirrt fortsetzen.

 

Den Gesetzeslehrer wird aber noch etwas anderes gestört haben. Ausgerechnet einen Samariter stellt Jesus als leuchtendes Vorbild hin. Samariter haben in den Augen frommer Juden den falschen Glauben. Samariter sind eine mit Heiden durchsetzte Mischbevölkerung, ansässig in einem geschlossenen Siedlungsgebiet und, was das Schlimmste ist, mit einem eigenen Tempel. Und das Verhalten eines solchen Ungläubigen erhebt Jesus nun zum Maßstab für einen gläubigen Gesetzeslehrer: „Gehe hin und handle so wie er!“ Das muss in dessen Ohren unerhört klingen.

 

Wenn man das Gleichnis in die heutige Zeit übertragen würde, dann würde man anstelle des Samariters jemand anderen auftreten lassen. In Israel vermutlich ein Palästinenser und in Palästina einen Juden. In Griechenland wäre er ein Türke. In der Türkei ein Kurde. In Serbien ein Kosovo-Albaner. Und bei uns ein sog. Wirtschaftsflüchtling. Verkehrte Welt. Aber typisch für Jesus. Er setzt soziale Normen und gängige Feindbilder einfach außer Kraft. Er provoziert mit seiner Art der Predigt. Er regt nicht nur an, er regt auf.

 

Genau hier, liebe Gemeinde, hat das Gleichnis meiner Meinung nach seine eigentliche Pointe. Die Ausgangsfrage des Schriftgelehrten lautet ja: „Wer ist denn mein Nächster?“ Jesus antwortet auf die Frage anders als erwartet. Nicht der oder die ist dein Nächster, sondern: „Du wirst zum Nächsten für den, der dich gerade braucht.“

 

Und – so führe ich Jesu Gedanken weiter – da dürfen gesellschaftliche oder religiöse Tabus keine Rolle mehr spielen, da ist es auch nebensächlich, wer dein Gegenüber ist und was er ist. Es ist völlig egal, ob er braun ist oder gelb oder schwarz oder weiß, ob er ein Jude ist oder ein Christ oder ein Moslem oder ein Atheist, ob ein Freund von dir oder ein Feind. Der Samariter handelt deshalb vorbildlich, weil er sich allein von der Not des Menschen leiten lässt, ohne nach der Nationalität, der Konfession oder den Überzeugungen des anderen zu fragen. Wer braucht meine Unterstützung und Hilfe? Das ist die Grundfrage. Im Hinblick auf die Flüchtlingsthematik darf die Ablehnung einer bestimmten Politik nicht dazu führen, dass denen, die zu uns gekommen sind, die notwendige Hilfe verweigert wird

 

So gelebte Nächstenliebe verzichtet auf das übliche Scheuklappen-denken und sprengt gesellschaftliche Fesseln; sie kommt ganz ohne Vorbedingungen aus. Sie geht bewusst auch Risiken ein. Zweifellos weiß der Samariter ebenso wie der Priester und der Levit, dass der Verletzte im Straßengraben eine Falle sein könnte. Aber der eine setzt sich über Bedenken hinweg. Er vertraut. Und ebenso vertraut er dann auch dem Wirt in der Herberge, dass der ihm nicht mehr Geld aus der Tasche ziehen wird, als die Pflege des Verletzten tatsächlich kostet. Solches Vertrauen ist immer ein Wagnis. Eine Garantie, dass diesees Vertrauen nicht enttäuscht wird, gibt es nicht. Der Samariter aber schert sich nicht um Garantien. Er folgt nur seinem inneren Impuls. Ein solches Verhalten nennt Jesus gottgefällig und legt es jedem von uns nahe.

 

Sehr gerne wiederhole ich meinen Dank an alle, die bereit sind, in die Fußstapfen des barmherzigen Samariters zu treten; professionell oder auch spontan, wenn Hilfe angesagt ist; nicht selten sogar gegen Widerstände. Ohne Sie wäre unsere Gesellschaft nicht mehr lebenswert. Ich bin sogar überzeugt: ohne diese Bereitschaft zur Hilfe, wird unsere Gesellschaft auf Dauer nicht überleben, denn ein gutes und hilfreiches Zusammenleben wäre nicht mehr möglich. Wir sind soziale Wesen, die auf ein gutes Miteinander angewiesen sind.

 

Viele biblische Geschichten sind ja inzwischen zu kleinen Spielen umgeschrieben worden. Unser Gleichnis eignet sich für ein solches Spiel sehr gut. In einem dieser Spiel gibt es diese wunderbare Anekdote von dem Reporter, der den Samariter in Jericho zum Interview bittet und mit Fragen löchert: „Was haben Sie sich gedacht, als Sie dem Überfallenen geholfen haben? Dachten Sie: Man muss die nationalen Vorurteile überwinden? Oder dachten Sie: Man muss etwas Liebe hineinbringen in diese kalte Welt? Oder dachten Sie vielleicht: Man muss einfach mal ein Zeichen setzen? Was dachten Sie?“ Und der Samariter antwortet: „Ach, wissen Sie, eigentlich habe ich nur eins gedacht: Hoffentlich rutscht mir der arme Mann nicht vom Esel herunter.“

 

Lassen Sie uns, liebe Schwestern und Brüder, zum Abschluss auf ein Wort aus dem 1.Johannesbrief hören. Da heißt es: Lasst uns einander lieben, denn er, Gott, hat uns zuerst geliebt. Amen

 

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