Stadtpatronefest 2015, Kerzenopfer, Predigt

11. Oktober 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst mit dem Kerzenopfer des Rates der Stadt Bonn am Sonntag, 11. Oktober 2015, im Bonner Münster anlässlich des Bonner Stadtpatronefestes

 

Hier ist die Liebe umsonst

 

Wenn man in unseren Münster ganz tief hinab steigt in die Gruft unter der Krypta, dann gelangt man nicht nur zu den Gräbern unserer Stadtpatrone Cassius und Florentius, die allerdings seit 849 Jahren leer sind, denn ihre Gebeine wurden im Jahr 1166 in einen kostbaren Schrein gebettet. Man kommt auch zur Keimzelle unserer Stadt. Denn um diese Kirche herum, die die Gräber der Heiligen birgt, entstand im frühen Mittelalter eine kleine Siedlung, die Villa Basilica, aus der sich die mittelalterliche Stadt entwickelt hat.

 

Unsere Stadt ist gebaut auf den Gräbern von Menschen, denen der Glaube an ihren Gott wichtiger war als ihr Leben. Das macht mich als Bonner stolz und bedeutet mir mehr als alle anderen Attribute, die man dieser Stadt gegeben will.

 

Wenn man hoch hinauf steigt in unserem Münster, hoch hinauf auf den Turm, dann erreicht man an seiner Spitze Kreuz und Krone. Auch sie erinnern uns an die Märtyrer und ihren Glauben an den Gekreuzigten. Unser Münsterturm ist klein etwa im Vergleich zum fast doppelt so hohen Post-Tower und doch leistet er einen Dienst, zu dem der Post-Tower nicht in der Lage ist. Wie ein ausgestreckter Zeigefinger weist er zum Himmel und zeigt uns den Weg in eine andere Welt, die Welt des ewigen Gottes.

 

Deshalb ist unser Münsterturm, deshalb sind unsere Kirchtürme wichtig, weil sie uns davor bewahren können, nur noch vor uns auf unserer Hände Arbeit zu schauen, die Papiere in unseren Händen zu studieren oder die Dateien auf unserem Smartphone oder Tablet zu lesen. Sie helfen uns, nicht im Einerlei unseres Alltags zu ersticken oder auch im Gewirr des politischen Lebens die Orientierung zu verlieren. Der selige Kardinal John Henry Newman sagt: "Wir dürfen unser Herz nicht an die Gegenwart verlieren!“ Deshalb sei der Christ ein Mensch, der sein Haupt erhebt und Ausschau hält nach Christus.

 

Zwischen Fundament und Kirchturmspitze sitzen wir, die Gemeinde. In diesem Jahr beim Fest der Stadtpatrone unter dem Leitwort: „Hier ist die Liebe umsonst!“ – Ein sehr anspruchsvolles Wort, das uns in den Gegensatz setzt, zur City draußen. Wo es nichts umsonst gibt, wo Waren und Dienstleistungen bezahlt werden müssen. Das ist nichts Schlechtes! Unsere Stadt braucht eine attraktive City. Sie braucht Handel und Wirtschaft, damit die Menschen in ihr leben können. Aber sie braucht auch Orte, an denen nicht die Gesetze des Marktes herrschen und wo auch all jene etwas gelten, die sich am Markt nicht behaupten können.

 

„Hier ist die Liebe umsonst“ – Das meint nicht, dass wir hier wie ein Warenhaus funktionieren, das seine Angebote anpreist. Vielmehr nimmt uns dieses Wort in die Pflicht. Was es für mich an einem solchen Tag konkret bedeuten kann, möchte ich gerne an drei Punkten erläutern:

 

Die Älteren unter Ihnen werden sich noch an Heinrich Lützeler erinnern. Von ihm stammt ein sehr guter Artikel über das Münster. Darin heißt es:

„Das Münster stellt den für unsere Stadt Verantwortlichen täglich vor Augen: die Sorge um den Frieden, das Eintreten für das Recht, die Selbstfindung Bonns im Stadtbild, aus einem Miteinander von Münster und modernem Bauen, das Offenstehen zu Neuem hin.“

  

1. Recht und Gerechtigkeit

 

Lützeler spricht vom Recht. Die Bibel von „Recht und Gerechtigkeit“. – Für uns, die wir in der römischen Rechtstradition stehen, steht das Eigentum und dessen Schutz im Mittelpunkt des Rechts; denn Grund und Boden war den Römern heilig.


Für die jüdische-christliche Rechtskultur, so wie sie uns in der Bibel überliefert wird, steht im Mittelpunkt der Schutz des Armen und Schwachen. Gott erweist sich als ein Gott der kleinen Leute mit einer besonderen Vorliebe für die Armen und Schwachen, für die an den Rand Gedrängten und die ausgeschlossen.

 

Da wir geprägt sind von der römischen Rechtsauffassung, fehlt es uns oft an der Option für die Armen und Schwachen. Wenn wir uns ihnen zuwenden, ist dies nicht eine Sache der Barmherzigkeit, sondern zu aller erst der Gerechtigkeit. Der Arme hat nach biblischem Rechtsverständnis einen Anspruch auf Hilfe, Teilhabe und Gerechtigkeit. Gottes Gerechtigkeit orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen. Was der Mensch zum Leben braucht, ist ihr Maßstab.

 

Zur Zeit erleben wir in unserem Land und auch in unserer Stadt, wie viele Menschen (Haupt und Ehrenamtliche) sich mit sehr viel Engagement um eine Willkommenskultur für die Flüchtlinge bemühen, sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen. Das möchte ich gerne an einem solchen Festtag dankbar hervorheben.

  

2. Frieden

 

Lützeler nennt als zweite Aufgabe den Frieden. Er ist die Realisierung von Recht und Gerechtigkeit. Das hebräische Wort für Frieden „shalom“ bedeutet Ganzheit und Wohlergehen; es meint Sicherheit, Wohlstand Wohlfahrt, und Abwesenheit von Lebens zerstörendem Konflikt. Es geht letztlich um Lebensbedingungen, die es dem Menschen erlauben, ein gesundes Leben zu führen, ohne Angst zu sein, sich an den Kindern zu erfreuen und schließlich gelassen sterben zu können.

 

Für die Bibel ist klar, der Friede geht verloren, wenn Krankheit, und Gerechtigkeit, Armut, Konflikt, Gewalt Leib und Seele des Menschen verwunden. An diesem Frieden zu arbeiten, ist jedem von uns aufgetragen.

  

3. Zukunft

 

Die dritte Aufgabe, die das Münster den Menschen vor Augen stellt, ist die Offenheit zu Neuem. Es geht also um die Zukunft.

 

Es gibt unter uns, sowohl in der Kirche als auch in der säkularen Gesellschaft, die Menschen, die nichts verändern wollen, oder die nach dem Motto handeln: „Das haben wir immer so gemacht!“ Solche Menschen haben auch Angst vor der Zukunft, letztlich haben sie Angst vor sich selbst, weil sie spüren, wir können die Zukunft nicht machen.

 

Der Mensch baut ein Verkehrs- und Kommunikationssystem rund um den Erdball und bis ins Weltall hinein. Der Mensch beutet die Vorräte der Natur aus, manipuliert die Möglichkeiten der Natur. Der Mensch wird zum Ingenieur der Gesellschaft, plant und steuert das Zusammenleben aller mit allen. Und doch wird die Welt nicht besser – mehr noch: sie scheint aus den Fugen geraten zu sein.

 

Als glaubende Menschen müssen wir sagen: es gibt nur die Zukunft, die wir uns geben lassen von dem, über den wir nicht verfügen können. Sie beginnt damit dass wir lernen: Geben ist wichtiger als Machen, Empfangen wichtiger als Haben.

 

„Hier ist die Liebe umsonst“ – wenn wir Ernst damit machen, haben wir genug zu tun.

 

  

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