Stadtpatronefest, Eröffnung, Predigt

Predigt des Generalvikars des Erzbischofs von Köln, Domkapitular Dr. Dominik Meiering, beim Gottesdienst am Sonntag, 4. Oktober 2015, im Bonner Münster vor der Eröffnung der Festdekade zu Ehren der Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius
5. Oktober 2015; Dr. Dominik Meiering

Domkapitular Dr. Dominik Meiering, Generalvikar des Erzbischofs von Köln

Predigt des Generalvikars des Erzbischofs von Köln, Domkapitular Dr. Dominik Meiering, beim Gottesdienst am Sonntag, 4. Oktober 2015, im Bonner Münster vor der Eröffnung der Festdekade zu Ehren der Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius. - Manuskript - Es gilt das gesprochene Wort.

 

„Seid also standhaft, gürtet euch mit Wahrheit“ (Epheser 6,14)

 

Liebe Schwestern und Brüder, ich erinnere mich noch gut daran, wie ich das erste Mal nach meinem Studium einmal wieder nach Bonn kam und auf dem Martinsplatz die beiden Köpfe von Cassius und Florentius liegen sah. Ich machte mich schlau und lernte, dass die aus thailändischem Granit gehauenen Köpfe seit 2002 dort lagen und dass der türkische Künstler Iskender Yediler sie geschaffen hatte. Ich war zu nächst irritiert, verwirrt, provoziert. Sie lagen da einfach mitten in der Gegend herum, scheinbar zufällig, so als handle es sich um eine Baustelle, etwas, das noch nicht fertig ist.

 

Und liebe Schwestern und Brüder. Das stimmt bis heute. Denn worum es hier geht, das nichts anderes als ein Thema, mit dem wir nie fertig werden. Es geht um Standhaftigkeit. Das ist eine bleibende Baustelle, daran zu arbeiten und das muss immer wieder – auch im normalen Alltag, im Vorübergehen geschehen.

 

Damals, in der Zeit der Christenverfolgung des 2. und 3. Jahrhunderts bekamen die christlichen römischen Soldaten der Thebäischen Legion das Haupt abgeschlagen, weil Sie sich zu Christus bekannten und nicht fremden Gottheiten und dem Kaiser als Gottheit huldigen wollten. Es hat sich nichts geändert. Heute bekommen Menschen den Kopf abgehauen, wenn sie sich in Syrien und Afrika als Christen zu erkennen geben. Damals wie heute geht es um Standhaftigkeit. Eine mutige, übermenschliche Standhaftigkeit – gegenüber Unmenschen, die meinen sie würden im Namen Gottes handeln, aber Gott doch so sehr verkennen.

 

Liebe Schwestern und Brüder. Wie fing alles an? Versetzen wir uns in die Antike: Die Christianisierung des römischen Imperiums gehörte zu den großen welthistorischen Umwälzungen. Wie konnte es geschehen, dass eine kleine religiöse Gemeinschaft, aus einer abgelegenen Provinz im Osten herkommend, so groß werden konnte? Das Reich erstreckte sich damals vom Hadrianswall in Schottland bis nach Nordafrika – und überall konnte sich hier der Glaube an Jesus Christus ausbreiten, konnten Menschen andere Menschen von IHREM Glauben überzeugen. Gemeinhin werden drei Argumente für den Siegeszug des Christentums ins Gespräch gebracht: die überaus moderne und überzeugende Pflege der Barmherzigkeit, das glaubwürdige Beispiel der Glaubenszeugen, die bereit waren, in den Tod zu gehen und die Auseinandersetzung der frühen Kirchenvätern mit den Philosophien der Zeit. Dies alles konnte entscheidend dazu beigetragen, dass immer breitere Bevölkerungsschichten sich dieser neuen Religion anschlossen. Aber ein weiterer Faktor war von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Die Zahl der Anhänger des Christentums in der römischen Armee stieg im 2. und 3. Jahrhundert stetig. Und da die Soldaten im ganzen Reich versetzt wurden, konnte ihre Glaubenswelt in entfernten Ländern und Städten Fuß fassen. Gerade hier in unserer Heimat, im Rheinland, waren es die Garnisonsstädte, in denen Legionen stationiert waren, wo das Christentum seinen Anfang nahm: Bonn, Köln, Neuss.

 

Es muss für einen Soldaten, der ja auf den Kaiser einen Eid geschworen hatte und ganz ihm verpflichtet war, ein außerordentlich schwerwiegender und mutiger Schritt gewesen sein, diesen Eid in Frage zu stellen. Dass er sich wagte, nicht mehr dem Kaiser und den Göttern zu opfern, sondern konsequent und treu zu Christus zu stehen.

 

Eine solche Treue bezahlten die Legionäre der Thebäischen Legion mit ihrem Tode, sie widersetzten sich den Anweisungen ihrer Befehlshaber und leisteten – so berichtet uns die Legende – keinen Widerstand, als sie der Konsequenz ihres Handelns vor Auge sahen. Woher kommt diese Standfestigkeit, diese Überzeugungsstärke?

 

Es lässt aufhorchen, wenn wir hören, woher diese Legionäre stammen: aus der Gegend des ägyptischen Theben. Denn genau zu derselben Zeit, während der Diokletianischen Verfolgungen, ereignete sich in genau derselben Landschaft, der Thebais, ein weiterer folgenschwerer Aufbruch: einzelne Christen verließen ihre angestammte Umgebung, ihre Familien, und gingen in die Unwirtlichkeit der thebäischen Wüste, suchten dort Höhlen und verlassene Gräber auf, um dort in vollständiger Einsamkeit in Gebet und Arbeit ihr Leben Gott zu weihen.

 

Hier nahm unser Mönchtum seinen Anfang: Paulus von Theben, Antonius stammen aus der Thebais. Die Thebais wurde zum Inbegriff der monastischen Landschaft. In der Kunst wurde die Darstellung der verstreuten Einsiedlerhütten seitdem „Thebais“ genannt. Diese Eremiten zeichnete dieselbe Standfestigkeit und Glaubenstreue aus, wie ihre Landsmänner, die als Legionäre ihre Überzeugung mit dem Tode besiegelten.

 

Auch der Mönch wurde „miles Christi“ genannt, auch er hatte Kämpfe zu bewältigen, musste sich Feinden stellen. Das waren aber keine fremden Armeen, sondern in der Einsamkeit fielen die „Dämonen“ über die Eremiten her. In der Gefühlswelt der Mönche damals war das mehr als der kleine „Mittagsdämon“, der uns manchmal nach allzu gutem Essen zur Schläfrigkeit verlocken will. Die Mönche wurden gequält von den Erinnerungen eines früheren Lebens, von Visionen und Träumen. Um vor diesen drohenden Gefahren gewappnet zu sein, bedurfte es vor allem eines: der Wachsamkeit. Die Mönchsväter haben immer wieder zur Wachsamkeit aufgerufen: mit wachem Auge Ausschau halten, Ausharren, nicht zu weichen, wenn der Ansturm losbricht, auf dem Posten bleiben. Das war für sie eine existentielle Arbeit.

 

Hierbei konnten sich die Mönche auf den Ur-Philosophen berufen: Sokrates, denn wir nur als Flaneur und Schwadroneur auf den Plätzen Athens kennen, bewährte sich im Kriege durch große Tapferkeit und Standhaftigkeit, so rühmte ihn Alkibiades in seiner großen Schlussrede im „Symposion“, dass er stundenlang in eisiger Kälte ausharren konnte (Symposion. 36). Und so verwundert es nicht, dass Sokrates in den letzten Gesprächen vor seinem Tode auch zur Wachsamkeit aufrief: „Der Satz nämlich, der in den Geheimlehren über diese Dinge verbreitet wird, dass wir Menschen hier gewissermaßen auf einem Wachposten stehen und dass wir uns nicht selbst davon ablösen oder weglaufen dürfen, dieser Satz scheint etwas wahrhaft Großes zu sein…“ (Phaidon. 6).

 

Auf einem Wachposten stehen, nicht Weglaufen, beharrlich sein: das versuchten die Mönche wie die Legionäre aus Theben auszuüben. Jesus selbst hatte ja zur Wachsamkeit aufgerufen: „Legt euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampe brennen! Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten…und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. Selig, die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt“ (Lukas 12, 35 – 37a).

 

Liebe Schwestern und Brüder, wir stehen hier in Deutschland, hier im bürgerlichen Bonn nicht in der Not verfolgt zu werden und unseren Kopf zu verlieren. Im Gegenteil: wir feiern 25 Jahre Deutsche Einheit in einem von Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand geprägten Land. Nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges hat man sich der christlichen Werte zurückbesonnen und ein neues Deutschland mit „Einigkeit, Recht und Freiheit“ gebaut. Warum besann man sich auf das Christentum: Weil es standhafte Leute gegeben hatte, die glaubwürdig waren, wenn es darum ging, etwas Neues aufzubauen. Und vor 25 Jahren waren es engagierte Christen und Bürgerrechtler, die das menschenverachtende Unrechtsregime der DDR zu Fall brachten. Standhafte, mutige Menschen haben damals Deutschland, Europa und die Welt verwandelt.

 

Wo sind wir heute aufgefordert, standhaft zu sein, damit sich die Welt verwandelt? Haben Sie sich das mal überlegt? Ich bringe mal ein paar Beispiele, die nicht ganz so lebensgefährlich und so staatstragend sind. Aber Kopflosigkeit wäre auch hier katastrophal.

 

Wie sieht es aus mit Ihrer Standhaftigkeit und Treue zu dem Ehepartner, zu der Familie. Oder zu dem Freund, einer Freundin. Ich meine jetzt nicht diejenigen, die einem sympathisch sind und wo das sowieso läuft. Sondern die, bei denen es etwas kostet, wo man dran leidet, wo ich in den Augen der anderen vielleicht auch einmal Kopf und Kragen riskieren muss. Als ehemaliger Jugendseelsorger habe ich immer versucht deutlich zu machen: seid keine Fähnlein im Wind, die ständig neue Meinungen haben und sich ständig mit neuen Leuten umgeben, die einem sympathisch sind. Seid standhaft und überlegt, wofür und für wen ihr bereit seid, den Kopf hinzuhalten. Das ist etwas, das sich im Alltag ereignet.

 

Wie sieht es mit ihrer Standhaftigkeit im Hinblick auf das Grundrecht auf Asyl aus. Werden Sie ängstlich und kippen Sie um angesichts der Herausforderungen, die die derzeitige Flüchtlingsdebatte an Verunsicherungen provoziert. Oder sagen Sie mit Gottvertrauen – auch und besonders am Erntedankfest: Wir haben so viel zu teilen an Gütern und an Haltungen, an Erfahrung und an Wissen, dass wir anderen daran Anteil geben wollen.

 

Oder wie steht es mit der Standhaftigkeit zu unserer christlichen Lehre von Ehe und Familie. Und das besonders angesichts der heute beginnenden Familiensynode. Hier ist es wichtig, alle Menschen pastoral in den Blick zu nehmen, niemanden zu verurteilen oder zu diskriminieren. Und es ist wichtig, Barmherzigkeit zu üben. Aber das alles geht nur aus der Position der Standhaftigkeit, in der die Ehe von Mann und Frau und der Schutz der Familie als der Keimzelle von Kirche und Gesellschaft unaufgebbar sind. Hier gilt es als Christ, wachsam zu sein, wo Menschen denken, sie könnten Entscheidungen fällen über Dinge, die vor aller Politik sind.

 

Standhaftigkeit bedeutet übrigens nicht: Unbeweglichkeit und Stillstand. Standhaftigkeit bedeutet dynamisch und kreativ zu sein. Manches muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist. Das, was Gott von uns erwartet und was wir erkannt haben, sollen wir vertreten und dafür sollen wir werben. Wir sollen dann aber auch dazu bereit sein, unser Lebenszeugnis dafür einzusetzen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, Sie finden bestimmt noch viel mehr wichtige Orte, wo es darauf ankommt, standhaft und wachsam zu sein. Unser aller Wachsamkeit ist gefordert, wir müssen unseren Posten halten: uns darf nicht jeder Sturm von andauernd wechselnden Meinungen umwerfen, unser Fähnlein soll sich nicht nach dem gerade drehenden Wind drehen. Unsere Forderungen nach Gerechtigkeit und Frieden sind nicht verhandelbar, hier geht es nicht um faule Kompromisse, sondern um die Konsequenz des Glaubens.

 

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie mich daher angesichts unserer beiden Soldatenmärtyrer Cassisus und Florentius voller Mut und Kraft den Heiligen Paulus zitieren, der uns auffordert: „Legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt. Seid also standhaft: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes“ (Epheser 6, 13 – 17).

   

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