Stadtpatronefest, Hl. Messe mit Kerzenopfer des Stadtrates

12. Oktober 2014; Wilfried Schumacher

Eine große Kerze geschmückt mit dem Bonner Stadtwappen und der Aufschrift „Heilige Cassius und Florentius, bittet für uns“ wurde vom Oberbürgermeister und Mitgliedern des Stadtrates zu Beginn des Gottesdienstes in unser Münster getragen und hier vor dem Altar aufgestellt.

 

Schon im Mittelalter ist diese Wachsspende des Magistrats der Stadt überliefert. Die bürgerliche Gesellschaft trug auf ihre Weise mit dazu bei, dass in der Kirche des Cassiusstiftes über den Gräbern der Märtyrer Gottesdienst gefeiert werden konnte. Man brauchte das Licht der Kerzen, um in der selbst tagsüber halbdunklen Kirche die Texte aus den liturgischen Büchern lesen zu können. Das Cassiusstift war damals ein geistliches Zentrum, aber auch eine wirtschaftliche Größe, die vielen Menschen Arbeit und Brot garantierte.

 

Ist vor diesem Hintergrund eine Kerzenspende heute nicht ein Anachronismus? Gewiss, wirtschaftlich einträglicher wäre es, wenn die Stadtwerke auf einen Teil der Elektrizitätskosten verzichten würden.

 

Aber es geht bei diesem Kerzenopfer nicht mehr um die Beleuchtung der Basilika, sondern um ein deutliches Bekenntnis, dass diese Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger sich nicht selbst verdanken, sich nicht allein auf eigene Kompetenzen und Fähigkeiten berufen können, und sich unsere Welt, auch die kleine, nicht im Finanzierbaren und Machbaren erschöpft.

 

Ich möchte dies gerne unter drei Perspektiven anschauen:

 

1. Heilige mit Migrationshintergrund

 

Als vor 2000 Jahren römische Soldaten in unsere Heimat kamen, da waren sie zuerst hier militärisch betrachtet eine Besatzungsmacht. Aber sie haben uns Kultur gebracht. Mit ihnen kam der Weinanbau in unsere Heimat. Sie konnten frisches Wasser in Leitungen über viele Kilometer hinweg transportieren. Sie bauten Häuser mit Ziegeln und befestigten ihr Straßennetz in ganz Europa. Und vor allem: in ihrem Gefolge kam der christliche Glauben in unsere Heimat. Ohne die „Fremden“ wären wir nicht zudem geworden, was wir heute sind!

 

Cassius und Florentius waren nicht nur römische Soldaten, sie kamen auch von einem anderen Kontinent, aus Afrika! Sie sind Menschen mit Migrationshintergrund, wie man heute zu sagen pflegt! Genau wie Helena, die aus Kleinasien stammte, und Martin von Tours aus dem damals fernen Ungarn.

 

Im Mittelalter als das Münster gebaut wurde, kamen die Baumeister nicht aus der Stadt, sondern von fern her. Wir wissen von Einflüssen aus der Picardie und aus Lausanne, wir kennen die Namen von Künstlern, die Altäre und andere Dinge in der Basilika geschaffen haben.

 

So verkündet auch unser Münster, was für unsere ganze Gesellschaft gilt: Ohne die „Fremden“ wären wir nicht zudem geworden, was wir heute sind! In diesem Bewusstsein können aus Fremden Freunde werden - nicht nur zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft.

 

Unsere Gesellschaft, auch die in unserer Stadt, steht angesichts großer Flüchtlingsströme vor großen Herausforderungen. Aus Fremden müssen Freunde werden. Kirchengemeinden in Duisdorf, in Endenich, in Godesberg und unsere Caritas pflegen schon engagierte Gastfreundschaft. Dies werden wir noch ausweiten müssen.

Dies in Erinnerung zu rufen, ist eine Aufgabe dieser Kerze.

 

2. Gutes sagen

 

„Bad news are good news“ heißt es bei den Medien. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Es gibt im Fernsehen Magazinsendungen, die veröffentlichen nur schlechte Nachrichten: Unfälle, Katastrophen, Verbrechen - jeden Nachmittag eine halbe Stunde lang von uns allen mit finanziert. Das Negative drängt sich auch in unserem Gedächtnis oft in den Vordergrund. Wir erinnern uns schneller an Fehler und Versagen, an Enttäuschungen und Scheitern als an die gelungenen Dinge.

 

Deshalb haben wir unser Fest in diesem Jahr überschrieben „Segen – alles Gute!“ Das lateinische Wort für Segen heißt:  Benedicere –Gutes sagen!“ Wer gesegnet ist, bekommt Gutes gesagt von Gott! Gods news are good news.

 

Im Segen wendet sich Gott dem Menschen freundlich und liebevoll zu. „Du bist nicht allein“, sagt mir Gott. „Ich gehe mit Dir durch das Leben, auch wenn Du es nicht immer auf den ersten Blick siehst“. Er garantiert mir nicht immer Gelingen, Erfolg, Glück – aber er will für mich auch aus Niederlagen, Scheitern, Misserfolg Gutes entstehen lassen. Es geht darum, einander zum Segen zu werden, Gutes zu sagen!

 

Stellen Sie sich einmal vor, was passieren würde, wenn unsere Zeitungen einmal an einem Tag nur gute Nachrichten verbreiten würden? Wenn Sie nur darüber berichten würden, was gelungen ist, wo anderen geholfen wurde, wo Gutes geschehen ist.

 

Stellen Sie sich einmal vor was passieren würde, wenn die Politiker der unterschiedlichen Lager, einen Tag lang „gut“ über den anderen sprechen würden? Wie würde eine Stadtratssitzung verlaufen, wenn sich alle bemühten, nur Gutes zu sagen?

Was würde sich in unserem Leben ändern, wenn das Gute unser Reden bestimmte? „Der Tratsch zerstört die Gemeinschaft. Er ist die Waffe des Teufels“, sagt Papst Franziskus.

Dies in Erinnerung zu rufen, ist eine Aufgabe dieser Kerze. Wenn wir dagegen einander Gutes sagen, schenken wir Freude und Hoffnung. Auch daran erinnert diese Kerze.

 

3. Christ-sein

 

Als die Terrormiliz „Islamischer Stadt“ vor einigen Wochen die Häuser von Christen im Irak mit dem arabischen Buchstaben „NUN“ – gleich N wie Nazarener kennzeichnete, waren viele erschüttert:

 

Im 21. Jahrhundert sind in unserer so zivilisiert scheinenden Welt Christen Ziel einer fast schon systematischen Verfolgung. Sie werden missbraucht, misshandelt, vertrieben, ermordet.

 

Das „N“ wird zum Erkennungszeichen für die Christen; zum Zeichen der Solidarität mit den Verfolgten. Die Opfer machen uns darauf aufmerksam, wie lau unser Christsein auf weiten Strecken geworden ist.

 

Die Kirche macht Fehler. Wir Amtsträger machen Fehler. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, dass das Christsein seine Kraft verliert. „Salz der Erde“ zu sein, ist uns aufgetragen. Wir müssen diese Welt genießbar machen. Wir müssen uns als Christen profilieren; anders sein in dieser Gesellschaft. Wir müssen pointierter, sichtbarer, klarer sein.

 

Am Mittwoch dieser Woche hat ein Politiker im Landtag in Kiel sinngemäß gesagt: Als Privatmann bin ich Christ, als Politiker steht das für mich nicht im Vordergrund.

 

„Der Glaube ist keine Privatsache, keine individualistische Auffassung, keine subjektive Meinung, sondern er geht aus einem Hören hervor und ist dazu bestimmt, sich auszudrücken und Verkündigung zu werden.“, sagt Papst Franziskus (Lumen Fidei 22)

 

Jeder, der wegen seines Glaubens sein Leben lassen muss, straft jene Lügen, die meinen, Glaube und Religion sei Privatsache!

Auch für diese Botschaft steht diese Kerze.

 

Drei Perspektiven, die zeigen, wie aktuell das Kerzenopfer auch heute noch ist!

  

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