Taufe des Herrn, Predigt von Professor Dr. Martin Ebner

7. Januar 2018; Martin Ebner

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus (Mk 1,7-11)

 

In jener Zeit trat Johannes in der Wüste auf und verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

 

Predigt von Professor Dr. Martin Ebner (Universität Bonn, Lehrstuhl für Neues Testament) am Fest der Taufe des Herrn, Sonntag, 7. Januar 2017, in der Schlosskirche:

 

Berufungsgewissheit

Der Franziskanerpater Josef Schulte erzählt: Vor einiger Zeit war ich zu Gast bei einer Bischofsweihe. An die festliche Liturgie in der Kirche schloss sich ein Empfang an, bei dem – wie üblich – auch Grußworte gesprochen wurden. Von all den feierlichen, teils auch heiteren und sehr herzlichen Worten, die sich an die Adresse des Neugeweihten richteten, ist mir ein Wort unvergessen. Es ist das Wort, das der evangelische Superintendent in seiner Ansprache gesagt hat, nämlich: „Was ich dir vor allem wünsche, das ist Berufungsgewissheit.“ Ich hatte dieses Wort bis dahin noch nie gehört, so schreibt Josef Schulte.[ 1]

 

Berufungsgewissheit – ein sonderbares Wort. Aber ein Wort, das das heutige Evangelium auf den Punkt bringt. Nach dem heutigen Evangelium erfährt Jesus diese Berufungsgewissheit im Alter von etwa 30 Jahren – erst dann. Viele meinen bis heute, dass Jesus im Leben schon alles wusste und nichts lernen musste. Als Sohn Gottes hat er ja schon immer alles gewusst – diese Vorstellung ist noch in vielen Köpfen: Er war schon von vorneherein fertig, schon als Kind quasi ein Erwachsener.

 

Nein, in den dreißig Jahren, von denen wir Wunder wenig wissen, musste sich Jesus mit vielem auseinandersetzen, vieles lernen, sich entwickeln, suchen, Entscheidungen treffen, zu einer Persönlichkeit heranwachsen, bis er schließlich draußen in der Wüste bei seinem Lehrer Johannes dem Täufer, während der Taufe dieses Berufungsgewissheits-Erlebnis hatte.

 

Er sieht, wie der Himmel sich öffnet und hört eine innere Stimme, die Vertrauen zu seinem Auftrag in ihm wachsen lässt: Du bist mein geliebter Sohn. An dir habe ich Gefallen gefunden.

 

Berufungsgewissheit - damit ist für mich keine spezielle geistliche oder gar klerikale Berufung gemeint, sondern das Gespür: Mit meinem Lebensstil, mit dem, wofür ich mich einsetze, was mir wichtig und wertvoll ist, damit bin ich auf der richtigen Spur.

 

Berufungsgewissheit ist keine feste, statische Größe, kein bombensicheres Fundament. Gewissheit bedarf der Pflege, der ständigen Aufmerksamkeit, bedarf immer wieder der Vergewisserung. Berufungsgewissheit verlangt immer danach, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Wozu bin ich eigentlich auf Erden? Berufungsgewissheit ist ständige Berufungsvergewisserung: ständig auf der Suche zu sein, immer mehr das zu entwickeln und zu leben und auszufüllen, was Gott in mich hineingelegt hat.

 

Ist es nicht tröstlich, dass dies bei Jesus 30 Jahre lang gedauert hat? Wenn Jesus sich so lange mit sich als Mensch auseinandersetzen musste und um seine Berufungsgewissheit gerungen hat, warum meinen wir dann immer, mit einem Schlag perfekt sein zu müssen?

 

Eines ist allerdings klar, Berufungsgewissheit erlangen wir nur, wenn wir uns nicht nur im seichten Mainstreamwasser baden, sondern den Mut haben, ständig in der Tiefe unseres Herzens nach dem zu tauchen, was Gott in uns hineingelegt hat. Berufungsgewissheit heißt für mich: Leben mit Tiefgang.

  


[ 1] J. Schulte, Auferstehen jetzt. Franziskanische Impulse aus der Großstadt, München 2017, 85.

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