Taufe des Herrn, Predigt

11. Januar 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Fest TAUFE DES HERRN, Sonntag, 11. Januar 2015, im Bonner Münster

 

Die Weihnachtsbäume leuchten noch. Zum letzten Mal heute Aber der Glanz der Weihnacht ist dahin.

 

In alten Kirchen sieht man oft auf dem Triumphbogen rechts und links die Darstellungen zweier Städte: Bethlehem und Jerusalem. Zwischen beiden spannt sich der Bogen. Zwischen beiden liegt eine eigentümliche Spannung. Bethlehem - wer denkt da nicht an die Weihnachtsgeschichte, an das Kind im Stall, an die Chöre der Engel, die Hirten, die Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland? Der Name der Stadt steht für Geborgenheit und Wärme, Liebe und Freude, für die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Jerusalem - andere Bilder drängen sich auf: die: Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern und dem Hohen Rat, die Vertreibung der Geschäftemacher aus dem Tempel, der Prozess Jesu, sein Leidensweg, sein Tod am Kreuz. Hektik und Lärm, Gesetze und Norm, Rücksichtslosigkeit und Profitgier, Leid, Schmerz und Tod. Bethlehem wird zum Synonym für das Fest, die Feier im menschlichen Leben, während Jerusalem mehr den Alltag mit seinen Eigengesetzlichkeiten repräsentiert.

 

Heute beginnt wieder der Weg von Bethlehem nach Jerusalem. Und dabei begleitet uns das Fest der Taufe des Herrn wie ein Proviantpaket für den Weg. Jesus lässt sich von Johannes taufen! Das ist das, was den eigentlichen Sinn der Menschwerdung ausmacht. Nicht der Knabe im lockigen Haar, nicht die anrührenden Krippenszenen, sondern Jesus, der in den Fluten des Jordan steht.

 

Die Erwartungen der Menschen damals waren ganz anders. Johannes der Täufer hatte den Stärkeren, den Würdigeren angekündigt. „Ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.“, sagt er im heutigen Evangelium. Und jetzt kam einer, der –unerwartet und unerkannt – ins Wasser steigt.

 

Auch unsere Erwartungen an ihn mögen anders sein: wir erhoffen uns nicht selten die Macht Gottes, die endlich einmal dazwischenschlägt in die Miseren unserer Welt und unseres Lebens. Doch er kommt wegen der Verlorenen, steht an ihrer Seite und steigt hinab in ihre Abgründe wie in den Jordan. Da steht er am tiefsten Punkt der Erde. Welch ein Zeichen!

Wir allein kennen die Tiefen unserer Seele, den Ort, wohin wir niemanden mitnehmen. Es gibt nur einen, der mit uns hinabsteigt – nicht um uns zu verurteilen, sondern um mit uns zu sein. Deshalb gilt nicht nur für ihn, was die Stimme aus dem Himmel verkündet, sondern auch für jeden von uns: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Unwiderruflich hat Gott das in der Taufe über uns gesagt! Das ist der Proviant für den Lebensweg! Er ist nahrhafter als alle anderen Botschaften, die uns erreichen. Jene, die uns nichts zutrauen, jene, die uns sagen: Du taugst nichts, du gehst mir auf die Nerven, du bist mir eine Last, du schaffst das nie! Oder du bist nur etwas wert, wenn Du dieses oder jenes tust, sagst oder leistest. Nein, es gilt unwiderruflich: Ich bin Gottes geliebter Sohn, Gottes geliebte Tochter.

 

Aber wenn das, was ihm gesagt wird, auch uns gilt, dann ist sein Auftrag auch meiner. Beim Propheten Jesaja wird er beschrieben: „Das geknickte Rohr bricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“ (Jes 42,3). Er ist gekommen, blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkeln sitzen, zu befreien (vgl. Jes 42,7).

 

Gottes Erwählung ist immer auch Erwählung für andere: Geknickte Rohre nicht zu zerbrechen, sondern geknickte Menschen aufzurichten; glimmende Dochte nicht auszulöschen, sondern den letzten Funken Leben, Liebe, Güte im Anderen zu entdecken und zu stärken, auch wenn die Versuchung, draufzutreten, auszuquetschen, aufzugeben, Schluss zu machen, manchmal groß ist.

 

Wie oft brechen wir den Stab über andere oder trampeln die letzte Glut aus? Behutsamkeit und Zuneigung sind die Kennzeichen des menschgewordenen Christus. Es müssten auch die Kennzeichen derer sein, die sich Christen nennen. Das wäre der Licht-Blick für Blinde, das wäre die Befreiung für viele, die gefangen sind.

 

So dürfen wir heute aufbrechen. Von Bethlehem nach Jerusalem. Mit einem großen Proviant in unserem Lebensrucksack „Ich bin Gottes geliebter Sohn, Gottes geliebte Tochter“ und mit einem Auftrag, der dieser Erwählung entspricht.

 

Jesus, der „Immanuel", der Gott-mit-uns, geht mit uns den alltäglichen Weg nach Jerusalem. Er kennt die Strecke gut, denn er ist diesen Weg schon einmal vor uns gegangen.

 

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