Tränenfest (Wieskirche, Steingaden), Predigt

15. Juni 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Dreifaltigkeitssonntag, 15. Juni 2014, in der Wieskirche (Steingaden, Bistum Augsburg) anlässlich des örtlichen Hochfestes „Fest der Tränen Christi“


Weshalb sind Sie heute hierhin gekommen? Wegen eines Wunder im Jahre 1738, das nie kirchlich anerkannt wurde? Wegen einer weinenden Figur vor fast 300 Jahren? Da gibt es für uns aufgeklärte Zeitgenossen inzwischen weiß Gott andere Dinge zwischen Himmel und Erde, die uns herauslocken können.
Ich glaube, es könnten noch drei andere Gründe sein, die uns heute zum Tränenfest hierher geführt haben:

 

1. Unsere Tränen

 

Wer die Gebetszettel und die Votivtafeln liest, weiß, hier geht es um die Tränen der Menschen! Um unsere Tränen? Da wird manch einer der anwesenden Männer mit dem Kopf schütteln und denken: um meine geht es nicht. Denn Männer weinen nicht. Wenn es sein muss, dann nur ganz versteckt und verschämt.

„Tränen lügen nicht“ sang in den siebziger Jahren Michael Holm. - Er hat recht. Tränen lügen nicht. Sie drücken aus, wofür es keine Worte gibt. Es gibt Dinge, die mit keiner anderen Antwort zufrieden sind, als mit Tränen.

Tränen erzählen von Träumen, von Schmerz und von Trauer, von Befreiung, Freude und Glück, von Wut und Reue über Sünde und Schuld, von Liebe, Verzeihung und Vergebung. Sie erzählen von ungelebtem Leben, nicht genutzten Chancen, Erfahrungen eigener und fremder Schuld, von Unterdrückung, Verlust und Trauer. Sie sind vielleicht die menschlichste aller menschlichen Ausdrucksformen. Sie begleiten uns ein Leben lang von den ersten Tränen, die wir selbst auf den Armen unserer Mutter vergossen haben bis zu den Tränen, die andere an unserem Grab vergießen.


„Sunt lacrimae rerum“ – lässt der römische Dichter Vergil seinen Helden Aeneas sagen. Mir gefällt die Übersetzung von Theodor Haecker. „Die Dinge haben ihre Tränen“ – und ich möchte hinzufügen: die Dinge haben ihre Tränen, aber es weint sie der Mensch.

Unsere Tränen haben uns hierher geführt wie schon viele Tausende Menschen vor uns in den letzten Jahrhunderten. Und so unterschiedlich wie wir sind, so unterschiedlich sind auch unsere Tränen. So verschieden die Situationen, in denen wir sie vergossen haben.


Die einen sind hier, um zu klagen und zu flehen. Die anderen freuen sich und ihr Herz läuft über vor Glück. Andere träumen, andere hoffen, andere haben noch gar keine Worte gefunden. Sie alle haben Platz in diesem Kirchenrund. Sie alle sind willkommen. Niemand muss sich wegen seiner Tränen schämen.

 

2. Gott selbst sammelt hier unsere Tränen

 

Eine der schönsten Bitten finde ich im Alten Testament im Psalm 56 „Sammle meine Tränen in einem Krug, zeichne sie auf in deinem Buch!“
Ein wunderschönes Bild: Keine Träne ist umsonst geweint. Gott zählt sie alle und heiligt sie, weil wir ihm so kostbar sind.

Die Bibel kennt viele tränenreiche Geschichten: z.B. Abraham weint um seine Frau Sara. Jakob trauert um seinen Lieblingssohn Josef, den die Brüder verkauften. Die Frau, die Jesus salbt, „fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen“. Als Petrus Jesus dreimal verraten hatte, weinte er bitterlich. Maria Magdalena schämte sich nicht, als sie vor dem Grab stand und weinte. Jesus selbst weinte über den Tod seines Freundes und über die Stadt Jerusalem.

 

Der Prophet Jeremia schreibt sogar vom Weinen Gottes: „ Ach, wäre mein Haupt doch Wasser, mein Auge ein Tränenquell: Tag und Nacht weinte ich.“ (Jer 8,23)

 

Gott selbst kennt die Gabe der Tränen. Er weint um das Volk, das seine Liebe, seine Sorge verschmäht hat.
Der gegeißelte Heiland weint. Aber er weint nicht seine Tränen, er weint unsere Tränen. Deshalb kommen wir hierher: wir wissen uns in unseren Tränen bei ihm aufgehoben.

 

Als ich die Einladung zu dieser Festpredigt bekam, war meine erste Reaktion: Wie kann man denn in einer solchen Kirche ein „Tränenfest“ feiern. Aber dann sah ich die Bilder der biblischen Szenen, die diesen Kirchenraum schmücken: Es sind alles Geschichten, die mit Tränen verbunden sind, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Mir wurde bewusst: hier werden die Tränen der Menschen gesammelt in einem Krug. Ganz gleich aus welchem Grund sie geflossen sind.

 

3. Die Einladung Gottes angesichts unserer Tränen

 

Diese Kirche ist wie ein Festsaal. Fast schon ein Widerspruch: der Tränenreiche Jesus in einem Festsaal. So etwas kann nur jemand schaffen, der überzeugt ist, dass der Seher Johannes im letzten Buch des Neuen Testaments Recht hat, wenn er schreibt „ Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offb 21, 4)

Es ist die große Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde, die Vision vom himmlischen Jerusalem. Dorthin lädt Gott uns ein.
Diese Kirche ist ein Abbild dieses Festsaals! Sie ist nicht nur ein Festsaal des Heilands. Sie ist ein Festsaal aller weinenden, aller tränenreichen Menschen. Es tut gut hier zu sein.

Auch deshalb weil die biblische Botschaft uns sagt: ganz gleich welche Träne Du vergießt. Gott selbst kommt und wischt und trocknet sie ab.

Wie oft sind unsere Tränen verbunden mit der Klage: „Ich habe keinen Menschen“. Keinen Menschen, der mich versteht, keinen, der mir zuhört, keinen, der mich tröstet, keinen, der mir beisteht, keinen, der meine Trauer, meine Freude und meine Hoffnung mit mir teilt.
Gott selbst wendet sich uns zu. Er hat jeden von uns ganz persönlich im Blick. Der Gott, der unsere Tränen abwischt! Ein Bild für die Nähe und Geborgenheit, die Gott uns im Glauben schenkt.
Wo auch nur eine Träne auf dieser Welt geweint wird; Gott weiß es. Unser Leben mit Freud und Leid ist in seinen guten Händen aufgehoben. Das ist der Trost, der uns hier geschenkt wird.

Es sind wahrlich drei gute Gründe hierher zu kommen:

Unsere Tränen - Gott, der unsere Tränen sammelt - Das Fest, bei Gott selbst

Drei gute Gründe hierher zu kommen: Aber wir können hier nicht bleiben. Wir können uns hier trösten lassen, neue Hoffnung schöpfen - aber wir müssen wieder aufbrechen.

 

Wenn wir hinausgehen fällt unser Blick auf das noch verschlossene Himmelstor im Deckengewölbe. „Zeit wird nicht mehr sein“ – steht darüber. Das stimmt. Wenn wir dort ankommen, dann ist die Zeit des Gerichts. Aber jetzt bleibt uns noch Zeit. Was ist zu tun?

 

Der Apostel Paulus sagt: „ Weint mit den Weinenden (Röm 12,15) „ Papst Franziskus predigt uns: „Wir sind eine Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens, des „Mit-Leidens“ vergessen hat: Die Globalisierung der Gleichgültigkeit hat uns die Fähigkeit zu weinen genommen Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!“

 

Wer hier an diesem Ort die Solidarität Gottes mit den Weinenden erfahren hat, mit seinen eigenen Tränen erfahren hat, der kann, der muss diese weltumspannende Gleichgültigkeit verlassen und in die Nachfolge dieses zärtlichen Gottes eintreten, der anderen die Tränen trocknet.

 

Die Tür zur Ewigkeit ist noch verschlossen. Ich bin überzeugt: sie wird sich für uns nur öffnen, wenn wir wenigstens einen Menschen an der Hand haben, den wir getröstet haben, dessen Tränen wir getrocknet haben.

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