Vierter Advent, Predigt

20. Dezember 2015; Wilfried Schumacher

Ausschnitt aus der Bonner Stadtkrippe am 4. Advent

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am vierten Sonntag im Advent, 20. Dezember 2015, im Bonner Münster

 

FRIEDEN

 

Natürlich gibt es jedes Jahr zu Weihnachten eine Wunschliste. Je nach Alter, Geschlecht und Budget wird sie unterschiedlich ausfallen. Ein Wunsch aber ist den meisten Menschen gemeinsam: Frieden. Jedes Jahr hat es Kriege und bewaffnete Konflikte in der Welt gegeben, aber durch den Terror einerseits und die vielen Flüchtlinge, die aus den Kriegsgebieten kommen, rückt der Krieg im 3000 Kilometer entfernten Syrien ganz nah.

 

Nur die wenigstens unter uns wissen noch aus eigenem Erleben, was Krieg bedeutet. Immer ist er verbunden mit Flucht und Vertreibung. Im II.Weltkrieg waren es auch die Rheinländer, die vor den Bomben der Allierten in den Osten flohen und bei der Rückkehr sich freuten, dass der Dom noch stand. Und dann die Menschen aus den Ostgebieten, die vor der Roten Armee in den Westen flohen oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Und wenn man jetzt die Bilder aus den aktuellen Kriegsgebieten sieht, dann kann man verstehen, dass sich viele Menschen Frieden wünschen.

 

Unser Papst spricht sogar davon, dass wir den Dritten Weltkrieg erleben. „Stückchenweise“, sagt er und belegt das mit Beispielen: „Es gibt Wirtschaftssysteme, die nur dann überleben können, wenn Krieg geführt wird. So stellt man Waffen her und verkauft sie, und so können die Bilanzen der Wirtschaftssysteme, die den Menschen dem Götzen Geld opfern, natürlich saniert werden.“

Der Papst erwähnt das Recht auf eigenen „Boden, Arbeit, Wohnung“ und nennt die Bewahrung der Schöpfung als Friedensarbeit. Damit beschreibt er, was das biblische Wort „Frieden/Shalom“ meint. Mit der Abwesenheit von Konflikt und Krieg ist die Bedeutung von shalom  nicht erschöpft.

 

„Er (Gott) wird der Friede sein“, ruft der Prophet Micha den Menschen zu. Die Worte des Propheten Micha sind von einer großen und dabei ungewöhnlichen Heilserwartung geprägt: Aus der kleinen Sippe Efrata in Betlehem und nicht aus dem zerschlagenen Königtum in Jerusalem wird ein neuer Herrscher für Israel hervorgehen. Endlich möge Friede sein.  Jetzt leben die Zeitgenossen Michas und auch wir in einer Gegenwart, die mit der Situation einer gebärenden, unter Wehen stöhnenden Frau vergleichbar ist.

 

Aber schon in diesem Bild klingt an, dass diese Not kein Dauerzustand sein kann. Eine Gebärende ist in der Regel nicht verletzt. Ihr Schmerz rührt von einem Prozess her, der sein Ende finden wird, und das in großer Freude. Und wie eine Geburt Neuanfang symbolisiert, so wird auch die Geschichte Israels noch mal von vorn beginnen. Für Micha steht fest: Nur in Einigkeit mit Gott kann es Zukunft und Frieden geben.

 

Dieser Friede ist nicht einfach der Gegenbegriff von Krieg. Shalom bedeutet Ganzheit und Wohlergehen; es meint Sicherheit, Wohlstand, Wohlfahrt und Freiheit von politischen Unruhen. Die hebräische Bibel ist sich klar in ihrem Verständnis, dass der Friede verloren geht, wenn Krankheit, Ungerechtigkeit, Armut, Konflikt, Gewalt und Krieg Leib und Seele der Menschen verwunden, die Gesellschaft und die Erde verletzen.

 

Deshalb können wir alle Friedensstifter sein. Nicht nur indem wir dem anderen die Hand reichen, sondern indem wir uns um eine Gesellschaft bemühen, die diesem Friedensverständnis entspricht, und wir das Unsrige dazu beitragen.

 

Unsere Stadtkrippe zeigt an diesem 4.Advent ein realistisches Bild unserer Gesellschaft: wir sehen Gewalt gegegn Menschen und Gewalt gegen Sachen. Menschliche Aggression zeigt sich auch bei uns – nahezu täglich: ob als häusliche Gewalt, ob auf Straßen oder Plätzen: Menschen werden getreten und zu Tode geprügelt ; die Gewalt in Schulen oder in Fußballstadien nimmt erschreckend zu.

 

Wir sehen eine Stadt, die nach Frieden ruft, das schreckt viele auf, die heile Welt suchen. „Warum ist der Mensch, die menschliche Person, aus dem Zentrum gerückt und von einer anderen Sache ersetzt worden?“, fragt Papst Franziskus und antwortet: „ Weil man mit dem Geld Götzenkult betreibt! Weil man die Gleichgültigkeit globalisiert hat![…] Weil die Welt Gott vergessen hat, [..] weil sie Gott beiseite geschoben hat.“

 

„Wir müssen die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen“ – fordert uns Franziskus auf. Das ist Friedensarbeit. Damit können wir heute schon beginnen – mitten unter uns . Mit Mut, aber auch mit Intelligenz. Mit Beharrlichkeit, aber ohne Fanatismus. Mit Leidenschaft, aber ohne Gewalt.

 

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