Vierter Advent, Predigt

22. Dezember 2014; Wilfried Schumacher

Verkündigung des Herrn, Mosaik über dem Hauptportal

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 4. Advent, Sonntag, 21. Dezember 2014, im Bonner Münster

  

„Wär' Maria hart geblieben, wär' Weihnachten uns erspart geblieben!“ – Ein ganz schön frecher Spruch, finden Sie nicht auch? Er ist schon älter, aber er kursiert in diesen Tagen wieder einmal im Netz. Dem Evangelium des heutigen Vierten Adventssonntags zufolge hätte Maria uns das Weihnachtsfest wirklich ersparen können, wäre sie nur hart geblieben. Wer weiß, was aus Gottes Heilsplan geworden wäre, wenn Maria einfach gesagt hätte: „Kommt gar nicht in Frage! Nein!“

 

„Wär' Maria hart geblieben, wär' Weihnachten uns erspart geblieben!“ Eine Provokation. Und wie jede Provokation ist auch diese nicht nur unverschämt. Sie drückt aus, was manche in diesen Tagen des Advent denken: Bliebe Weihnachten uns doch erspart!

 

Alle Jahre wieder dieser wahnwitzige Druck, passende Geschenke besorgen zu müssen. Und das in Geschäften, die bis zum Bersten überfüllt sind und mit unerträglicher Weihnachtsmusik aufwarten. Ein Essensplan für die Feiertage muss erstellt sein. Zutaten sind zu besorgen. Und nicht zuletzt das Problem der logistischen Koordination: Wer besucht wen wann mit wem wo? Ist auch wirklich an alle gedacht? Fühlt sich keiner übergangen?

 

„Bliebe Weihnachten mir doch erspart!“ - So denken auch viele Menschen, die Weihnachten feiern müssen, weil es auf dem Kalender steht und die Mitmenschen es feiern. „Ich hasse Weihnachten“, sagte mir gestern eine Frau. Und ich konnte sie verstehen – wer statt Liebe Hass erfährt, wie soll der Weihnachten feiern?

 

Aber wohin sollte er fliehen? Überall tönte es „Stille Nacht“ oder wenigstens „I'm dreaming of a white Christmas“. „Für mich ist dieses Jahr kein Weihnachten“, sagte mir vor ein paar Tagen jemand, der mit einer schweren Lebenssituation fertig werden muss.

 

Ich kann ihn verstehen: Für diejenigen, deren Partnerschaft zerbrochen oder deren Familie zerrissen ist, die eine schlechte Diagnose bekommen haben, die wirtschaftliche Not erleiden müssen, für diejenigen, die einen Menschen verloren haben oder ihn in diesen Tagen ins Sterben hinein begleiten, mag es wirklich so scheinen, als werde Gott für alle Mensch – nur halt nicht für sie.

 

Weihnachten hat viel mit Erinnerungen zu tun, oft sogar mit Erinnerungen, die bis in die Kindheit zurückreichen. Statt der wirklichen Botschaft des Weihnachtsfestes geht es um die scheinbar heile Welt aus Kindertagen. Aber die erleben wir nicht – erleben wir nicht mehr.

 

Aber wie denn dann Weihnachten feiern? Was nützt Weihnachten dann noch?

 

Eigentlich müssen wir an Weihnachten für einen Augenblick mal nichts beweisen. Nichts werden. Nichts erreichen – wie an den anderen 364 Tagen des Jahres. „Eigentlich“ – denn trotzdem machen viele aus dem Weihnachtsfest einen Leistungssport, einen Triathlon aus Geschenkekauf, Kochen und Verwandtenbesuch – garniert mit einem Gottesdienstbesuch.

 

Von diesem Weihnachtsstress können wir uns nur selber erlösen. Wir können uns erlösen, indem wir uns auf das besinnen, was Weihnachten wirklich bedeutet.

Ich glaube nicht, dass Jesus in der Heiligen Nacht Mensch geworden ist, um uns noch ein weiteres Päckchen an Erwartungen und Leistungsdruck aufzuladen.

 

An Weihnachten dürfen wir gewiss sein: wenigstens einer - Gott - hat Achtung und Ehrfurcht vor dem mühevollen Weg, den wir gehen, vor der Art, wie wir das Leben, das uns so oft beutelt, bewältigen. Wäre es nicht so, bliebe uns Weihnachten wirklich besser erspart.

 

Das aber wäre dann eine erwachsene Art Weihnachten zu feiern: nicht das Glück, die Stimmung und die Festtagsfreude von außen zu erwarten und enttäuscht zu sein, wenn das alles ausbleibt, sondern das Dunkel des Lebens mit dem Licht der Weihnacht zu beleuchten versuchen - so zaghaft und klein die Flamme auch sein mag. Man muss nicht vor einem hell glitzernden Tannenbaum sitzen – eine kleine Kerze kann mehr Licht geben als hunderte Glühbirnchen.

 

Wer in den kommenden Weihnachtstagen vor dem Kind in der Krippe niederkniet, der beugt auch vor dem Wunder Mensch in all seinen Lebensvollzügen die Knie. Den Menschen in seiner ganzen Gebrochenheit ernst nehmen, ihn so lieben, wie er ist - nicht wie er sein sollte -: das ist die Herausforderung an Weihnachten. Weihnachten ändert die Verhältnisse: Der große Gott wird klein, der kleine Mensch wird groß.

 

In uns allen will das göttliche Kind geboren werden. Dazu müssen wir uns selber mit liebevollem Blick anschauen, so anschauen, wie wir wirklich sind. Das will ich an Weihnachten feiern.

 

Dann sind die glänzenden Zimmer schön aber nicht wirklich wichtig, dann wird das festliche Essen lecker, aber nicht das Wichtigste, dann können die Geschenke auf ein normales Maß schrumpfen – weil etwas anderes viel größer ist: die Freude darüber, dass wir Mensch sein dürfen wie Gott Mensch werden wollte.

 

Gut, dass uns diese frohe Botschaft auch in diesem Jahr nicht erspart bleibt. Amen.

 

Datei-Anhänge:

Zurück