Vierter Fastensonntag, Predigt

15. März 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, vierten Fastensonntag, 15. März 2015, im Bonner Münster

 

Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde

 

Es gibt viele Arten von Gespräch: die Plauderei, der unverbindliche Small-Talk, das geschäftliche Gespräch, in dem die harten Zahlen und Fakten sprechen, die Verhandlung, in der es darum geht, den eigenen Standpunkt durchzusetzen, und viele andere Formen und Inhalte mehr.

 

Besonders berührt werden wir von den Gesprächen von Menschen zu Mensch, von Herz zu Herz, in dem es um existentielle Fragen geht. Nicht selten ist die Nacht dafür der richtige Moment, wenn niemand uns stört, wenn wir unbeobachtet sind. Von einem solchen Gespräch zwischen zwei Männern, Jesus und Nikodemus, erzählt das heutige Evangelium.

 

Es geht nicht um Nebensächliches, kein Small Talk. Nikodemus ist getrieben von existentiellen Fragen. Auf die erhält er existentielle Antworten:

  

1. So sehr hat Gott die Welt geliebt

 

Das kleine Wort „so sehr“ mitten im Text der Rede Jesu zu Nikodemus lässt für einen Augenblick alles andere, was noch gesagt wird, einfach zurücktreten. Fast scheint es, als sei damit alles gesagt, was wir über Gott und seine Liebe zur Welt und zu seinen Menschen zu wissen brauchen. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ Dieses „so sehr“ (bei Luther heißt es „also“) klingt für mich wie ein unüberhörbares Signal.

 

„Die Welt“ aber ist – im Verständnis des Johannes – nicht nur dieser blaue Ball, der so schön im All schwebt von dem die Astronauten ansehnliche Fotos machen. Diese schöne Schöpfung, von der Gott selbst gesagt hat, dass sie „sehr gut“ sei.

 

„Welt“ – damit meint Johannes in seinem gesamten Evangelium vor allem die böse Welt mit ihren schlimmen Begierden und der Sünde. Es ist die dunkle Welt – die Welt, die Gott vergessen hat, die Welt des Tötens, der Lüge und des Hasses. Die Welt, die zur Hölle wird, die wir uns selbst bereiten durch unser eigenes Versagen und unsere eigene Schuld.

Das Fastentuch vor der Orgel zeigt uns den Blick in diese dunkle, kalte Welt, die uns umgibt.

 

In diese Welt hinein hat Gott seinen Sohn gesandt, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat und die Welt durch ihn gerettet wird.

Wer glaubt, der wird nicht ein Teil dieser Welt, die ihn umgibt. Christus führt ihn aus der Dunkelheit ins Licht! – Welch‘ eine Zusage, die das Fastentuch im Osten illustriert!

  

2. Das Gericht

 

Aber schon in den ersten Versen seines Evangeliums stellt Johannes fest: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,5) Diese Verweigerung wird zum Gericht! Welch‘ eine Tragik.

 

Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet. Für Johannes ist die Stunde des Gerichtes, nicht irgendwann, sondern Hier und Jetzt“. Wir können nicht leben nach dem rheinischen Motto „Et hätt noch immer joht jejange“, irgendwie wird es schon hinkommen und gut ausgehen.

 

Nein, jetzt ist die Stunde des Gerichtes. Jetzt erweist sich, wer auf der Seite Gottes steht. Wer Hungernde speist, Gefangene befreit, Kranke besucht, wer Nackte bekleidet und Fremde aufnimmt, gehört zu Gott, handelt in seinem Sinne.

 

Das Angebot Gottes steht – es muss jetzt angenommen werden! Diese Annahme stellt sich zunächst als keine große Sache dar. Wir müssen nicht wie Jesus oder wie der Schächer neben ihm am Kreuz hängen, um unsere Erlösung zu ermöglichen. Es genügt, wenn wir zu ihm, dem Gekreuzigten, aufschauen. So, wie einst das Volk Israel in der Wüste aufgeschaut hat zur ehernen Schlange am Fahnenmast. Übrigens das Wort Schlange (nachasch) und Messias (maschiach) haben im Hebräischen den gleichen Zahlenwert. (358) Vielleicht erinnern Sie sich an den Adam vergangenen Sonntag.

 

Der Mensch ist in seinem Menschsein in die Entscheidung gerufen. Der Mensch muss sich entscheiden. Selbst wenn er sich der Entscheidung, wie er sein Leben leben will, verweigert, hat er sich schon entschieden und lebt dann so, wie man eben lebt.

 

Vielleicht ist dies die Tragik unserer Gesellschaft, die auf weiten Strecken den Wertekonsens verloren hat, und die auch mit vielen Entscheidungen überfordert ist. Wer sich der Entscheidung verweigert, dessen Existenz wird damit zu etwas, was andere für ihn entscheiden dürfen und auch tun. Diese Menschen leben nicht mehr, sondern werden gelebt.

 

Die Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, lässt uns die Wahl, stellt uns vor die Wahl: für das neue Leben, das durch Christus zu uns gekommen ist, oder für die Finsternis des Todes, was im Grunde eine Entscheidung für das Nichts ist, da Christus selbst den Tod überwunden hat. „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben" bietet Gott schon dem Volk im Alten Testament an. (Dtn 30,15-19). Unsere Fastenzeit fragt uns: „UND WOHIN LEBST DU?“

 

An diesem Fastensonntag illustrieren unsere beiden Fastentücher die Botschaft des Evangeliums. „Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht.“

  

3. Licht werden für die in der Finsternis

 

Aber das Problem mit diesem Text entsteht dann, wenn Menschen schon dem Eingangssatz nicht folgen können: „Denn so hat Gott die Welt geliebt!“ Wir sind auch Teil dieser sündigen Welt. Auch wir, auch ich bin von ihm geliebt – ohne jede Vorleistung. Was ist mit mir, was ist mit den Menschen, die schon hier aussteigen.

 

Menschen, die sich nicht geliebt fühlen und wissen – weder von Gott noch von den Menschen. Menschen, die in Finsternis leben, die nicht sie selbst, sondern andere geschaffen haben. Menschen, denen der Blick ins Licht versperrt ist.

 

Dem Glaubenden, auch mir, wünsche ich in einer solchen Situation die Kraft zu einem verzweifelten Gebet:

 

Du liebender Gott, oft spüre ich von Dir nichts.

Oft scheinst du mir fern.

Und dennoch glaube ich:

Du liebst mich auch dann.

Du liebst mich – durch alle Nächte hindurch. (Theo Schmidkonz SJ)

 

Den anderen wünsche ich, dass sie Menschen begegnen, die für sie zum Licht werden.

Wir sind es, die das Licht hineintragen können, in die Finsternis des Lebens vieler Menschen.

  

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