Vierter Fastensonntag, Predigt des Stadtdechanten

30. März 2014; Wilfried Schumacher

Fastenpredig-Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst vierten Fastensonntag, 30. März 2014,
im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: 1 Sam 16, 1b.6-7.10-13b, Eph 5, 8-14, Joh 9, 1-41

 

Die Einheit von Leib und Seele

Haben Sie auch schon einmal die Formulierung gebraucht "das schlägt mir auf den Magen" oder festgestellt "das geht mir an die Nieren" oder haben Sie schon einmal erlebt, wie einem anderen "eine Laus über die Leber gelaufen ist". Vielleicht ist Ihnen aber auch schon einmal " die Luft weggeblieben".
Unsere Sprache verrät uns: Probleme, negative Gedanken, Ereignisse, Ängste und Sorgen betreffen nicht nur unsere Seele, sie können uns auch körperlich krank machen.

Der griechische Philosoph Platon hat Schuld daran, dass wir diese Zusammenhänge vergessen haben. Er hat den Körper als „Gefängnis der Seele“ bezeichnet und damit die Trennung von Leib und Seele in den Köpfen vollzogen. Wenn dies so ist, wenn also die Seele im Körper eingeschlossen ist, dann muss es das höchste Ziel sein, die Seele zu pflegen (und nur sie) und eine Trennung von Leib und Seele gleichsam zur Sicherung der Seele zu fördern.

Das alte Testament kennt diese Trennung nicht. Das Wort Seele (Nefesch) meint zunächst den Hals und den aufgesperrten Mund, also die Orte des Körpers, durch die der Atem und die Nahrung aufgenommen werden. Nefesch meint aber auch alle Bedürfnisse, die das menschliche Leben bestimmen, alles was das Leben ausmacht, all unser Verlangen und all unser Begehren, all unsere Sehnsüchte nach Dingen, nach Menschen, nach Gott. Diese Sehnsüchte äußern sich, nehmen gleichsam in uns, in unserem Leib auch Gestalt an.

Auch die frühen Christen, die unser heutiges Evangelium aufgeschrieben haben, waren davon überzeugt, dass es einen Zusammenhang von Religion und Medizin, Heil und Heilung gibt. Letztlich gehört beides ineinander. Im Deutschen gibt es den Zusammenhang in der Sprache genauso wie im Lateinischen: Heil / Heilung / Heilen / Heiligung/ Heiler / Erlöser.

Jesus selbst beschreibt seine Mission mit Heilungen: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt 11,1-6).

Seine Zuwendung geschieht aus Gnade. Auch hierin unterscheidet sich Christus vom griechischen Gott der Heilkunst, Asklepios, der bezahlt werden wollte: "Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig; entrichtet ihm den und versäumt es ja nicht." sagt der sterbende Sokrates.

Jesus nimmt die Leiblichkeit unserer menschlichen Existenz so ernst, dass er nicht nur das Reich Gottes predigt, sondern eben auch Kranke heilt, wie in unserem heutigen Evangelium.
So wundert es nicht, dass es schon in den ersten christlichen Jahrhunderten von der Gemeinde organisierte Orte der Sorge um die Kranken gab bis hin zu den mittelalterlichen Klöstern (ich nenne nur Hildegard von Bingen) und den heutigen kirchlichen Krankenhäusern.

Die Predigt vom Reich Gottes ist keine Theorie, keine Idee, sondern sie wird leibhaftig in der Sorge um den Leib des Menschen. Das hebräische Wort für Leib bedeutet ursprünglich Haut oder Fleisch, später Leib, Körper und schließlich die Leiblichkeit, d.h. die Art und Weise, wie ich in dieser Welt konkret gegenwärtig bin, wie ich in Beziehung stehe zur Schöpfung, zu den Mitmenschen und zu Gott.

Im Zuge der neuzeitlichen Philosophie und Religionskritik sind Religion und Medizin mehr und mehr auseinandergedriftet. Die Medizin wird nicht selten zum Religionsersatz (man spricht von den Ärzten als „Götter in Weiß“) und Wellnes wird zum Kult. Hauptsache gesund?!

Die Eingangsfrage der Jünger im heutigen Evangelium lenkt den Blick noch auf einen anderen Zusammenhang: „Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er ist blind geboren?“ (Joh 9,2) Es sträubt sich etwas in uns, wenn wir das hören: Kranksein wäre demnach Folge von Sünde, und Heilung wäre Sündenvergebung.

Jesus verneint diesen Zusammenhang. Krankheit kann die Folge persönlicher Schuld sein, besonders dann wenn Menschen Raubbau an ihrer Gesundheit treiben und nicht achtsam mit sich selbst umgehen. Aber Krankheit ist vor allem anderen ein nicht zu vermeidendes Übel, begründet in der Endlichkeit der Schöpfung. Die medizinische Forschung tut alles, um die Erfahrung der Endlichkeit der Schöpfung so weit als möglich herauszuschieben.

Heil ist jemand, der die eigene Krankheit als Bedingung der eigenen endlichen Existenz annimmt und akzeptiert. Akzeptieren heißt: alles tun gegen die Krankheit, die nicht sein soll, aber dieses Tun vollzieht sich im Wissen um die letztliche Unmöglichkeit, vollständige Gesundheit zu erreichen.

Ich habe selbst einen 18jährigen Menschen erlebt, den ich als Priester begleitet habe, der unheilbar an Krebs erkrankt war, der aber „heil“ war.* In der Art und Weise, wie er seine Krankheit ertrug und trug, war er für mich ein Heiliger.

Er hat mich gelehrt: Gesundheit ist nicht das höchste Gut! Gesundheit ist im letzten Sinn nicht machbar, sondern immer nur „Vorletztes“ (D. Bonhoeffer),
Sie verweist auf das Letzte, die Erlösung, die allem im Leben einen Sinn gibt.

Der heutige Sonntag lädt uns ein, dass wir uns unserer Leiblichkeit wieder bewusst werden, die Zusammenhänge von Leib und Seele neu erkennen und wir so bekennen: wir alle Gesunde und Kranke sind angewiesen auf Heilung, auf einen, der uns heil macht, einen Heiland, den Heiland Jesus Christus.

Mehr Informationen zur Fastenzeit am Bonner Münster und VITALIS+
www.bonner-muenster.de/fastenzeit2014

*Ergänzung zum Predigttext
Ralph hieß er, und er liebte das Leben. Einen Tag vor seinem 17. Geburtstag schlug die tödliche Krankheit zum zweiten Mal zu. Es war schon einige Jahre her gewesen, da hatte er geglaubt, sie für immer besiegt zu haben. Jetzt waren die Krebszellen wieder aufgetreten, und Ralph musste sich einer erneuten langen, anstrengenden Behandlung unterziehen.
Montags bis freitags nahm er in der Klinik mit Hilfe der Chemie den Kampf gegen die Krankheit auf. Am Wochenende durfte er nach Hause. Tief beeindruckt war ich jedes Mal, wenn er am Samstagabend auch nach noch so harten Anstrengungen unter der Woche im Krankenhaus ganz selbstverständlich in der Messe war, freundlich zu mir herüberlächelte, als wolle er sagen: "Da bin ich wieder." Wie viele hätten sich da in gleicher Lage von der Teilnahme an der Messe entschuldigt und durchaus unser Verständnis gefunden!
Am Rande eines Wochenendes für junge Leute waren wir in ein tiefes Gespräch gekommen. Er erzählte mir von den leidvollen, quälenden Stunden in den Kliniken, von immer neuen Behandlungsmethoden und von der Hoffnung, die er hatte. Ganz vorsichtig fragte ich, wo Gott denn vorkomme in seiner Krankheit, ob er ihn nicht anklage, dass er so leiden müsse. Ich sehe heute noch sein entrüstetes Gesicht vor mir, dann seine klaren und leuchtenden Augen, und höre sein Bekenntnis: Gott liebt mich. Er lässt mich nicht leiden!"
Das war die Stunde, in der mir klar wurde, einen Heiligen vor mir zu haben, einen Menschen, der trotz seiner jungen Jahre zu einer Erkenntnis gekommen war, die anderen im hohen Alter nicht geschenkt ist.
In der Nacht, in der er sterben sollte, saß, ich an seinem Bett und hielt seine linke Hand. Mein Blick fiel auf seine Uhr. Rastlos lief der Sekundenzeiger weiter, von Sekunde zu Sekunde. Der stetig, unbeirrbar wandernde Zeiger und das tiefe Atmen des Kranken waren die einzigen Bewegungen im Raum. Während wir wie erstarrt saßen, gebannt auf ihn schauten und jede Lebensregung registrierten, verging Sekunde um Sekunde. Welche wird die letzte sein? schoss es mir durch den Kopf. Wieviel Sekunden, Minuten, Stunden hat er noch?
Gleichzeitig durchfuhr mich ein Erschauern vor meiner, vor unserer Ohnmacht im Angesicht des Todes und vor Gottes Allmacht, der allein es überlassen ist, Jahr und Tag, Stunde, Minute und Sekunde des letzten Atemzuges zu bestimmen. Keine Macht dieser Welt und keine Reichtümer dieser Erde werden jemals einem Menschen im Voraus Gewissheit verschaffen können über diesen Augenblick, der der letzte seiner irdischen Geschichte ist, peinlich festgehalten in den Registern des Standesamtes, die damit sein Lebenskapitel auf dieser Erde beschließen.
Ich ahnte damals noch nicht, dass Ralph selbst das Programm seines Todes schon festgeschrieben hatte. In den Tagen bis zur Beerdigung zeigte mir seine Mutter das Buch, das ich ihm im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte: "Herr, da bin ich" von Michel Quoist. Es fand sich darin nur eine einzige persönliche Notiz. Am Ende der 12. Kreuzweg-Station hatte er einen Satz angestrichen: "Herr, hilf mir, für dich zu sterben. Hilf mir, für sie zu sterben." Da wusste ich, dass er uns allen, die wir seinen Tod beweinten, viel voraus hatte.
Als ich ihn in jener Nacht verließ, segnete ich ihn noch einmal. Ich wusste, auf dieser Erde sehen wir uns nicht mehr wieder. Das Wort "Adieu" bekam für mich einen neuen Klang. "Adieu", das heißt: "zu Gott", mehr noch: bei Gott". Adieu, Ralph - bei Gott sehen wir uns wieder!
(aus Wilfried Schumacher, „Gott in Sicht“, Paderborn 1989 )

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