Weihnachten 2017, Predigt des Stadtdechanten

25. Dezember 2017; Wilfried Schumacher (stadtdechant@katholisch-bonn.de)

Msgr. Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Weihnachten 2017 (Die Predigt hielt Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher in der Christmette, 24.12.2017, 23.30 Uhr in der Bonner Minoritenkirche Sankt Remigius. Das Bonner Münster ist seit dem 23. Juli 2017 aufgrund einer bevorstehenden Generalsanierung geschlossen.)

 

Weihnachten, das gönn ich Dir! - Gott

 

Alle Jahre wieder das gleiche Bild: In den Tagen und Wochen vor Weihnachten rücken die Menschen plötzlich ins Blickfeld, die das ganze Jahr über nicht so beachtet werden. Da ziehen ganze Heerscharen los um den Alten im Altenheim einen schönen Nachmittag oder Abend zu bereiten, da freuen sich die Obdachlosen über ein vermehrtes Interesse und sogar die Gefangenen in den Gefängnissen bekommen nicht selten hohen Besuch. Irgendetwas muss dran sein an diesem Fest, dass Menschen so anders als gewöhnlich reagieren.

 

Der Blick in das Weihnachtsevangelium zeigt uns nicht nur ein Bild der Gesellschaft damals, sondern offenbart uns erschreckend, dass sich nicht viel geändert hat. In der Herberge war kein Platz – die Türen in Bethlehem blieben verschlossen. Nicht viel anders ist es heute: Viele von uns sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, brauchen allen Raum und Zeit für das Eigene, dass sie keinen Platz haben. Sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass nichts für den anderen bleibt – für den Nächsten nicht und erst recht nicht für Gott. Es scheint, je mehr wir haben, desto mehr füllen wir alles mit uns selber aus.

 

Fragen wir uns kritisch auch in einer solch festlichen Stunde: Hätten wir geöffnet? Kann Gott hereintreten in das Haus meines Lebens? Findet er Raum bei mir oder habe ich alle Räume meines Denkens, Handelns, Lebens für mich selbst besetzt?

 

Aber die frohe Botschaft dieses Festes ist: Der ausgesperrte Gott lässt sich nicht beirren. Die Geburt findet trotzdem statt – wenn nicht in einer Herberge, dann irgendwo hinter dem Haus im Stall, bei den Tieren an ihrer Futterkrippe. Gott bricht nicht ein in unser Lebenshaus, er schafft sich nicht mit Gewalt Zutritt in unser Leben. Er spielt das Spiel der Welt nicht mit, in dem nur der gewinnt, der etwas leistet, der etwas vorweisen kann, der sich als mächtig und kräftig erweist. Er verzichtet auf alles Machtgehabe, verzichtet auf Gewalt. Ist wehrlos wie ein Kind.

 

Ich glaube, genau das ist das Geheimnis von Weihnachten, das wir alle tief in unserem Herzen spüren – und deshalb rücken plötzlich jene in unseren Blickwinkel, die in den Augen der Welt nichts bedeuten: die „unproduktiven“ Alten und Pflegebedürftigen, die „nutzlosen“ Obdachlosen , die „ausgestossenen“ Gefangenen.

 

Gott spielt das Spiel der Welt nicht mit. Er steht vor uns und sagt: „Du musst nichts leisten, nichts vorbringen, du musst nicht groß sein. Nichts von alledem, was der Welt so wichtig ist. Mensch – Weihnachten, das gönn ich Dir!“ und legt uns das Kind in die leeren Hände, so wie hier vor dem Altar Maria das Kind in den Armen hält.

 

Nur leer müssen unsere Hände sein – nicht gefüllt mit allerlei Dingen, die uns hindern, das Kind anzunehmen. – Vielleicht sind Sie jetzt erschrocken: In meinen Händen das Jesuskind? Wer bin ich schon? Ein schwacher, ein sündiger Mensch. Mit vielen Brüchen in meiner Biografie. Mit einem kleinen Glauben. Mit einer oft schwachen Liebe. – Egal wie viele Argumente Sie auch vorbringen – ganz gleich wie unwürdig Sie sich fühlen: Weihnachten, das gönn ich Dir, sagt Gott.

 

Im 19. Jahrhundert malte der englische Maler William Holman Hunt (1827-1910) ein vielleicht für uns heute etwas kitschige Bild, das Christus zeigt, wie er an eine Tür klopft (The ligth of the Wolrd, 1851-1853). Wer das Bild genauer betrachtet, merkt, dass an der geschlossenen Tür der Türgriff fehlt. Ein Freund wollte den Maler auf diesen scheinbaren Fehler aufmerksam machen. Da bekam er die Antwort: „Doch es gibt einen Türgriff, aber der ist auf der Innenseite der Tür.“ – Es ist also an uns die Tür unseres Lebenshauses zu öffnen, unsere leeren Hände zu öffnen und das Kind anzunehmen.

 

Nehmen Sie das Kind an! Nehmen Sie es wieder an an diesem Weihnachtsfest. Sie werden erleben, wie sich Ihr Leben verändert; denn das Kind lädt sie wie alle Kinder ein, nicht das Spiel der Welt zu spielen, in dem nur der gewinnt, der etwas leistet, der etwas vorweisen kann, der sich als mächtig und kräftig erweist.

 

Lassen Sie das Kind von Bethlehem groß werden in Ihrem Leben – und entdecken Sie mit ihm die Armen und Hilfsbedürftigen, die Kranken und Alten, die Einsamen und die Menschen am Rand, die niemand beachtet – und dies nicht nur in der Weihnachtszeit.

  

Evangelium, Evangelist Lukas, Kapitel 2, Verse 1-14

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.

 

Zurück