Weihnachten, Predigt, Msgr. Bernhard Auel

25. Dezember 2016; Bernhard Auel

Predigt von Msgr. Bernhard Auel (Subsidiar am Bonner Münster) an Weihnachten 2016, Sonntag, 25. Dezember 2016 im Bonner Münster

  

Worte, Worte, Worte – ob wir nicht besser schweigen, „In einer vorlauten und geschwätzigen Welt schweigsam leben“ (Paul Weismantel), wie ich es im Advent in einem Gedicht las?

 

Liebe Schwestern und Brüder, sicher, miteinander leben braucht Worte, braucht Kommunikation. Aber müssen wir nicht feststellen, dass dies immer schwieriger ist? Wir müssen stattdessen feststellen, wie die Sprache verkommt; Hassparolen, Beleidigungen, bewusste Falschmeldungen, Lügen erschweren das Leben auch bei uns.

 

Welches Wort müssten wir denn aussprechen? Es gibt so viele. Jedes Jahr wird von der Gesellschaft für deutsche Sprache ein Wort als Wort des Jahres auserkoren; es lässt angeblich erkennen, was das politische und gesellschaftliche Leben im zu Ende gehenden Jahr besonders geprägt und die öffentliche Diskussion dominiert hat. Für dieses Jahr lautet es „postfaktisch“. In politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten, heißt es in der Begründung. Da klingt es eher satirisch, was ich in der Zeitung lese, man wisse „in diesen postfaktischen Zeiten auch zu Weihnachten gar nicht mehr so genau, was man glauben soll. Und an wen.“

 

Und auch ein Unwort des Jahres wird festgestellt, in den nächsten Wochen soll es bekannt gegeben werden. Aber noch einmal: Worte, Worte, Worte. Dabei wäre doch ein wirkliches Wort so sehr von Nöten. In einem Gedicht klagt der Autor: „wenn worte wirklich etwas sagen könnten und nicht nur hohle hülle blieben“ (Andreas Knapp).

 

Haben wir da noch etwas zu sagen? Jahr um Jahr verkündet uns am Weihnachtsfest die Kirche mit dem Evangelium nach Johannes: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. … Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“

 

Kann uns dieses Wort noch fesseln, nachdenklich stimmen, unser Leben beeinflussen? Begegnet uns nicht immer häufiger die Tatsache, dass Menschen, die ein Leben lang mit diesem Wort umgingen, auf es gebaut, es ernst genommen haben, nichts mehr damit anfangen können; es wird immer blasser, immer fremder, immer schwächer, es trägt nicht mehr. Es scheint nichts Besonderes mehr zu sein, reiht sich vielmehr ein in die vielfältigen Marktangebote von Sinn, was immer das ist.

 

Vielleicht müssen wir uns erst mühsam von Neuem diesem Wort nähern. Denn das Weihnachtsfest hat doch für uns eine Botschaft. Weihnachten ist ein Wort Gottes, ein Wort, ein Ereignis, das spricht, ein Geschehen, das etwas aussagt, dessen Sinn man über das hinaus interpretieren und verstehen muss, was wir sehen oder was unsere Gefühle verschwommen nachvollziehen, wenn sie Eindrücke der Vergangenheit wieder aufleben lassen.

 

Dieses Wort ist zugleich ein Treueversprechen, durch welches die gesamte Welt ins Dasein gerufen und darin gehalten wird. Sein treuer Wille trägt die Existenz des Kosmos, die Geburt der Sterne, die Entstehung des Lebens, die Entwicklung der Arten, die Geschichte des Menschen. Gott hält allen Geschöpfen ewig die Treue. Seine Zusage lautet: „Ich bin, wo du bist“. So hat Gottes Sprechen vor allem die Qualität eines Versprechens. Das Sagen Gottes ist Zusage: Gott gibt sein Wort und er hält Wort.

 

Und dieses Versprechen Gottes ist in einer konkreten Person geschichtlich greifbar geworden. Gott hat den Menschen in Jesus sein Wort gegeben, und zwar im wörtlichen Sinn: Das Treueversprechen Gottes ist Fleisch geworden und hat ein Gesicht bekommen. Und dieses Wort der Liebe und Treue Gottes zu seiner Schöpfung und zu allen Menschen gilt für immer. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu waren Zeugen dieser unglaublichen Güte, die den Tod ausgehalten und sich über den Tod hinaus durchgehalten hat. Wer das erfährt, muss davon erzählen und lässt die Jünger später sagen: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“. Weil sie Jesus als das Wort Gottes erfahren haben, das ausgesprochen menschlich wurde, wird er zum ultimativen Kriterium, auf ihn zu schauen und mit ihm zu leben.

 

Das glaube ich: In Jesus Christus ist die Güte und Menschenliebe Gottes erschienen. In ihm ist Gottes Wesen, Gottes innerste Wahrheit präsent. Und darum ist er das WORT: Das, was Gott sagt, das ist er auch. Wenn Gott spricht, so ist er absolut wahr und authentisch. Gott gibt nicht etwas vor, hinter dem er nicht steht. Vielmehr gilt: Wenn er sein Wort gibt, dann gibt er sich selber. In Jesus hat Gott nicht etwas gesagt, sondern sich selber ganz und gar zum Ausdruck gebracht. Daher ist Jesus Christus auch keine Vokabel (unter anderen), sondern eben das Wort in Person. Das lässt mich bekennen, was ich in einem Lied lese. Da heißt es:

 

„ Gott hat das erste Wort.

Es schuf aus Nichts die Welten

und wird allmächtig gelten

und gehn von Ort zu Ort.

 

Gott hat das erste Wort.

Eh wir zum Leben kamen,

rief er uns schon mit Namen

und ruft uns fort und fort.

 

Gott hat das letzte Wort.

Er wird es neu uns sagen

dereinst nach diesen Tagen

im ewgen Lichte dort.

 

Gott steht am Anbeginn

und er wird alles enden.

In seinen starken Händen

liegt Ursprung, Ziel und Sinn“.

 

Ja, Gott hat das erste und das letzte Wort, er ist „Anfang und Ende, A und O, Alpha und Omega“, wie es an Ostern wieder verkündet wird. Gott hat das erste Wort. Dieses erste Gotteswort steht vor und über unsern Ängsten. Es trägt die Welt, auch wenn es auf unserer Erde Verschiebungen mit ungeahnten Folgen gibt, die unser Fundament erschüttern, also das, worauf wir uns bisher verlassen haben. Gottes starke Hände. Sie tragen die Welt und sie tragen dich und mich über die Einschnitte im Leben hinweg, über die Verschiebungen, die Abgründe und sogar über die Todeslinie hinaus. Ja, er hat auch das letzte Wort. Und das gibt uns Vertrauen und Gelassenheit im Blick auf ein neues Jahr: In seinen starken Händen liegt Ursprung, Ziel und Sinn.

 

Wir sind heute von Neuem eingeladen, uns zu diesem Gott zu bekennen, auf ihn zu vertrauen. Stimmen wir darum mit dem Herzen ein, wenn der Chor nun das Credo, das Glaubensbekenntnis, anstimmt. - Amen.

  

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