Weihnachten, Predigt des Stadtdechanten

25. Dezember 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Weihnachten 2016 im Bonner Münster

 

Wir feiern ein Fest – Sagt allen, fürchtet Euch nicht!

 

Wir sind zusammengekommen fast mitten in der Nacht. Nacht, Dunkelheit macht uns Angst und wir versuchen mit viel Licht, das Dunkle zu erhellen. Aber es gibt Nächte, da helfen uns die modernsten LED-Leuchten nichts.

 

Es sind die Nächte unserer Seele. Wenn Grausamkeit und Leid sich unserer bemächtigen. Wenn wir Hass, Neid und Missgunst ohnmächtig gegenüber stehen. Wenn wir ratlos sind, wenn wir nichts mehr verstehen, nichts mehr auf die Reihe kriegen. die Nacht der Zweifel, die Nacht der 1000 Fragen, auf die man keine Antwort kriegt.

 

In diese Nacht, die anscheinend nie zu Ende ist und an manchen Tagen noch dunkler empfunden wird, in diese Nacht hinein verkündet der Prophet Jesaja „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“!

 

Ich möchte ihn fragen: Jesaja wo bleibt das Licht? Wo bleibt das Licht in diesen Tagen des Terrors? Wir sehen die Dunkelheit der Konflikte, der Gewalt, der Kriege in so vielen Ländern. Wo bleibt das Licht in der Nacht meiner Einsamkeit nachdem mein Partner gestorben ist oder mich verlassen hat?

 

Jesaja, wo bleibt das Licht, angesichts der Sorgen um die Gesundheit meiner Lieben oder meiner eigenen Kräfte? Wo bleibt das Licht in der Dunkelheit des Lebens der Armen, Alten und Behinderten, der Flüchtlinge? Es gibt so viel Streit und Unfrieden, Hass, Angst, Unsicherheit, Finsternis? Wo ist das Licht, Jesaja?

Das Licht ist für Jesaja ein Kind, das geboren wird – zu seiner Zeit wohl das Kind des Herrschers, das eine neue Zeit verheißt. Uns heute, 2700 Jahre nach Jesaja, wird kein anderes Zeichen geben: „Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“, sagt der Engel den Hirten auf dem Feld und uns heute.

 

Ein Kind in Windeln – nein, wir brauchen einen Gott, der dreinschlägt. Einen Gott, der aufräumt. Einen Gott, der dem Hass Einhalt gebietet. Einen Gott, der endlich die Nächte in den Seelen der Welt beendet. Wir wüssten schon, was richtig wäre.

 

Aber er ist kein Gott nach unserem Bild und gemäß unserer Vorstellung. Er kommt nicht mit Macht, Glanz, Herrlichkeit, – so wie die Welt es sich gerne vorstellt oder vielleicht auch wünscht. Er kommt nicht um neuen Schrecken, neue Angst zu verbreiten. „Er ist gekommen wie das Kleinste der Wesen, das Zerbrechlichste, das Schwächste.“ (Paul VI.) Gott macht sich klein. - Die Ordnung des Selbstverständlichen, die Ordnung des Folgerichtigen wird auf den Kopf gestellt.

 

Deshalb ist die erste Botschaft in der Weihnachtsgeschichte: „Fürchtet Euch nicht!“. Gott hat gewählt, klein geboren zu werden! Das ist – wie Papst Franziskus sagt – „die Umkehrung der weltlichen Logik, der Logik der Macht und des Kommandos“. Das kann Angst machen, weil es letztlich nicht zu begreifen ist.

 

Wir sind auf Zeichen angewiesen, die uns helfen zu erahnen, zu verstehen. Nicht nur das Kind selbst ist ein Zeichen. Auf dem Weihnachtsfresko im Hochchor hält Josef eine Kerze in den Händen. Eine kleine Kerze, viel zu klein für die Szene. Und doch wissen wir, dass das Licht einer Kerze einen Raum erhellen kann.

 

Auch das Licht ist ein Geschenk. Wir können zwar mit technischen Mittel die Nacht zum Tage machen. Aber Licht können wir aus eigener Kraft nicht schaffen! Ebenso wenig wie wir selbst eine heile Welt bauen oder einen neuen und vollkommenen Menschen züchten können. Das Licht ist ein Geschenk. Wenn Gott es in uns anzündet, dann können wir es weitergeben, andere wärmen und ihren Weg erhellen

 

Das gehört durchaus auch zu unserer Erfahrung: es gibt nicht nur Dunkelheiten. Es gibt auch Augenblicke des Lichts: bereichernde Begegnungen, Momente der Nähe und Zuwendung, Versöhnung, Erbarmen, Heilung, Freundschaft, Liebe. Es gibt Stunden von Solidarität, Mitgefühl, Hilfe.

 

Die Liste ließe sich lange fortsetzen mit Beispielen aus unserem Leben. Manchmal war es vielleicht nur ein kleines Licht, aber es war gerade hell genug, dass ich neuen Mut fassen konnte und es Schritt für Schritt weiterging.

 

Was hindert uns daran, diese Lichter in den Dunkelheiten unseres Lebens zu deuten als Zeichen von Gottes Liebe? – Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott möchte uns nicht im Dunkeln sitzenlassen.

 

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ So heißt in einem Lied aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, das am Beginn der Vorfeier eben erklang.

 

Gott möchte uns nicht im Dunkeln sitzen lassen - wahrlich ein Grund, heute ein Fest zu feiern, ein Fest des Glaubens. – Aber nicht nur für uns, sondern auch für andere. Indem wir Ernst machen mit dem Wort aus dem Epheserbrief, das wir eben in der Lesung gehört haben: „Lebt als Kinder des Lichts! Das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor."

 

Das ist die Weise, wie wir das Dunkel in unserer kleinen Welt besiegen können in der Hoffnung, dass es ausstrahlt auf die große Welt: durch Güte, Gutsein, durch Gerechtigkeit, Gerecht sein und durch Wahrheit, wahr sein!

 

Lautstarke Parolen gibt es in unserer Welt genug. Es mangelt an Menschen, die durch ihr Leben Licht sind und die Botschaft des Engels verstärken: „Fürchtet Euch nicht!“ Genau dies braucht die Welt in unseren Tagen.

 

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