Weihnachten, Predigt von Msgr. Bernhard Auel am ersten Weihnachtsfeiertag

25. Dezember 2017; Bernhard Auel

Predigt von Msgr. Bernhard Auel, Subisdiar am Bonner Münster an Weihnachten 2017. - Die Predigt Msgr. Auel Weihnachten (25.12.2017, 12:00) in der Bonner Minoritenkirche Sankt Remigius. (Das Bonner Münster ist seit dem 23. Juli 2017 aufgrund einer bevorstehenden Generalsanierung geschlossen.)

  

Liebe Schwestern, liebe Brüder, „manchen Menschen erscheint Weihnachten als verbrauchtes Fest. Sie weisen hin auf den Lärm im Advent, der ursprünglich doch die stillste Zeit des Kirchenjahres sein sollte. Sie beklagen, dass das Austauschen von Weihnachtsgeschenken fast schon zum gesellschaftlichen Zwang geworden sei. Das Mysterium der Geburt Christi sei zerredet und zersungen.“ So lese ich in einem Text, der 1991 veröffentlicht wurde.

 

Und heute, gut 25 Jahre später? Die Frankfurter Allgemeine hat eine Umfrage in Auftrag gegeben zur Frage, welche Bedeutung das Christentum für die Menschen in unserem Land hat. Darin heißt es neben vielen anderen Ergebnissen: „Trotz einer rückläufigen Religiosität haben die christlichen Weihnachtsbräuche für die Deutschen nicht oder allenfalls nur wenig an Bedeutung verloren. … Bis auf Weiteres bleibt für viele Deutsche die stille Nacht auch die heilige Nacht.“

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, müssen wir uns eigentlich über solche Ergebnisse wundern, sie womöglich beklagen? Erinnert uns das Evangelium dieser Weihnachtsmesse, das wir Jahr um Jahr hören, der Prolog des Johannesevangeliums, nicht daran, dass es nie anders war? Wir haben es doch gehört: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. … Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

 

Gleich zu Beginn seines Evangeliums geht es um das Drama der menschlichen Freiheit, auch um unsere Entscheidungen. Ohne darauf einzugehen, wie diese Freiheit des Menschen konkret Gestalt annimmt, wird der Blick auf den Kernpunkt gelenkt: auf die Alternative Ablehnung oder Annahme.

 

Das Lukasevangelium, aus dem wir in der Nacht das Evangelium von der Geburt des Herrn gehört haben, behandelt ebenfalls das Thema Ablehnung oder Annahme, freilich anders als das Johannesevangelium, in erzählender Form: Das neugeborene Kind wird in eine Krippe gelegt, weil nirgendwo sonst Platz war.

 

Wie entscheiden wir uns? Entscheiden wir uns, Christus bei uns aufzunehmen und uns auf den Weg seiner Liebe zu begeben? Weihnachten ist jedenfalls eine Einladung, Jesus in uns Raum zu geben — und auch den anderen Menschen in unserem Herzen Platz zu machen. Die weihnachtliche Botschaft über das Geheimnis des Menschen, über seine Freiheit, über seine Berufung zur Offenheit für das „Wort“ und für andere ist keineswegs etwas Abstraktes. Sie lässt sich sehr konkret ausfalten in ganz alltägliche Gesten und Beispiele hinein. „Jesus Platz machen“, ihm Raum geben, ist ein Schlüssel, damit sein Heil bei uns ankommen und greifen kann.

 

Prüfen wir in diesem Licht unser alltägliches Verhalten: Wo fehlt es uns an Geduld, an Zeit und Achtsamkeit in unseren persönlichen Beziehungen, unter Freunden, in der Familie - gerade auch an den Festtagen? Behindert womöglich meine Unfähigkeit, einander geduldig anzunehmen und als Menschen ernst zu nehmen, Jesus keinen Raum zu gewähren?

 

Würden wir im Herzen bedenken, was es bedeutet, Jesus Raum zu geben, würden wir die Gleichgültigkeit gegenüber all den Notsituationen, dem Leid, der Entwurzelung und Ausgrenzung so vieler nicht einfach so hinnehmen.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, nehmen wir uns Zeit, in Ruhe und Stille das Mysterium Gottes zu betrachten, bedenken wir das Geheimnis der Krippe, das Geheimnis der Weihnacht. Denken wir nach über diese Botschaft, über das Heil, das Gott uns und allen Menschen in Jesus, dem Mensch gewordenen Logos, angeboten hat. Öffnen wir ihm unser Herz, ergreifen wir das große Geschenk der Freiheit, in der wir ihn zurückweisen oder aber annehmen können. Weihnachten, das heißt: dem kommenden Herrn Platz machen, ihm — und untrennbar damit verbunden auch einander — Raum geben!

 

Das Weihnachtsevangelium kündet uns ein ermutigendes, ein tröstliches Bild der Hoffnung: das Kind in der Krippe, von dem Licht und Freude ausgehen. Und bei ihm sehen wir Maria, seine Mutter, die uns ein Vorbild sein kann in ihrer Treue zu ihrem Sohn - auch in den dunklen Momenten des Lebens und der Geschichte.

 

Und doch: Die Botschaft der Weihnacht kann auch in die Finsternis hineinleuchten, von der Johannes spricht. Sie kann Menschen anrühren, etwas aufbrechen, vielleicht doch eine Ahnung vermitteln von jenem Geheimnis, das unser menschliches Leben erhellt und verwandelt. „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“. Sich ein wenig für diesen Jesus zu öffnen, das kann jedes Leben zu einem menschlichen Leben mit einem tragfähigen Fundament und einer großen Perspektive machen: zu einem Leben als „Kinder Gottes“.

 

Öffnen wir uns der Gnade des neuen Lebens in Christus, lernen wir, als Kinder Gottes in der Welt von heute zu leben, anders gesagt: Lassen wir Weihnachten in unser Leben Eingang finden!

 

Jesus ist für alle geboren. Für die Menschen, die glauben, und für die, die etwa sagen, dass sie nicht glauben. Für die Menschen, die arbeiten, sich abmühen und hoffen, die Welt zumindest ein wenig verbessern zu können, wie für diejenigen, die müde und enttäuscht sind, für die Desillusionierten und Orientierungslosen, für die Besorgten und Verängstigten. Für alle ist Jesus geboren: Weihnachten ist ein Fest für alle! Es gibt keine Situation, für die er nicht gekommen wäre. Dieser Jesus ist eine Botschaft der Hoffnung.

 

Darum macht mich die eingangs zitierte Umfrage nicht traurig, sondern eher zuversichtlich. Da lese ich sogar, dass die „Zahl der Befragten, die sagen, bei ihnen würde an Heiligabend die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, seit 1991 sogar leicht gestiegen ist.“ Ja, „die stille Nacht ist auch die heilige Nacht.“ – Amen.

 

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