Weihnachten, Christmette, Predigt

25. Dezember 2014; Wilfried Schumacher

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Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, zu Weihnachten in der Heiligen Nacht, Mittwoch, 24. Dezember 2014, im Bonner Münster.

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Aus Bonn wird ein neues Bethlehem

 

Als Franz von Assisi 1223 im Wald von Greccio die erste Weihnachtskrippe schuf, war das eine Demonstration. Jeder von den armen Bauersleuten sollte sehen, in welcher Armut der Gottessohn zur Welt kommen wollte. „Aus Greccio wird ein neues Bethlehem“, jubelte damals der Heilige Franziskus.

 

In unserer Bonner Stadtkrippe spielt sich das Geschehen von Bethlehem mitten in unserer Stadt ab. Statt eines Stalles steht dort ein Flüchtlingszelt vor dem Münster. Fast schon wie ein Fremdkörper. Liegt Bethlehem jetzt in Bonn? Versuchen wir eine Antwort in drei Schritten:

 

1. Wer klopft an?

Stellen Sie sich einmal vor, heute Abend hätte es an Ihrer Haustür geklingelt - mitten während Ihrer familiären Feier. Draußen vor der Tür ein junges Paar, Fremde, nicht von hier. Sie hochschwanger. Beide ohne Obdach!

 

Was hätten Sie gemacht? Auf jeden Fall hätten die beiden etwas Durcheinander in unseren durchgestylten Heiligen Abend gebracht, wo alles fast schon seit Kindertagen ritualisiert ist.

Die Gewichte hätten sich plötzlich verschoben, wenn Sie die Sorge dieser Menschen zu Ihrer Sorge gemacht hätten.

 

Was wir nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten, wiederholt sich jetzt. Waren es damals die Menschen aus Ostdeutschland und Osteuropa, die vertrieben wurden und in den Westen geflohen waren, so klopfen jetzt viele Tausend bei uns an, die im Mittleren Osten oder in Afrika um ihr Leben fürchten müssen. Die Welt wird immer mehr zu einem „globalen Dorf“, in dem viele Tausend Kilometer keine Entfernung mehr darstellen. 51 Millionen Menschen auf der Flucht sind mehr als nur eine Schlagzeile in der Zeitung. Es sind Menschen von nebenan auf der Erde.

 

Christen beider Konfessionen und viele weitere Menschen kümmern sich in unserer Stadt um die Flüchtlinge, die zu uns geschickt werden. Wenn ich die Zahlen richtig deute, wird die Willkommenskultur gegenüber den Fremden für unsere Gesellschaft zu einer wichtigen und notwendigen Herausforderung der nächsten Jahre werden.

 

Zu jedem Krippenspiel gehört die Herbergssuche. Maria und Josef irren von Haus zu Haus, werden überall abgewiesen bis sie schließlich in einem Stall unterkommen. Das könnte ihnen bei uns nicht passieren, denken viele Gut-Menschen, die zuschauen.

 

Ist nicht die Fremdenangst, die die Rechten in diesen Wochen schüren, eine Variation der alten Geschichte. Die heilige Familie trägt die Züge der Flüchtlinge, die bei uns anklopfen! Das sei denen gesagt, die das christliche Abendland in Gefahr sehen. Bethlehem liegt auch in Bonn!

 

2. Friede auf Erden

Die Engel auf den Feldern Bethlehems verkünden den Frieden Welchen Frieden meinen sie? – „Friede, das bedeutet: Alle Menschen sind Brüder und Schwestern!“, jubeln die Enthusiasten. – „Friede, das ist Abwesenheit von Krieg“, entgegnen nüchterne Realisten. –“Friede ist, wenn jeder ungestört tun und lassen kann, was er will“, meint der Individualist. - „Friede beruht auf einem Gleichgewicht der Kräfte“, sagen die Generäle. „Frieden!“ sagen die einen und „Frieden!“ die anderen und können sich nicht einigen. Es gibt unzählige Definitionen. Ist der weihnachtliche Friedensbegriff etwa nur eine weitere Friedensdefinition?

 

Nein! Gott ist in diese Welt gekommen, – aber nicht um den vielen Definitionen von Frieden eine weitere hinzuzufügen. Die Geburt des Kindes in Bethlehem lehrt uns die einzige Weise, wie Friede geboren werden kann: Gott nimmt diese Welt in Liebe an, so wie sie nun einmal ist.


 

Er wartet nicht, bis alle Wege bereitet, alle Hügel und Täler eingeebnet sind und alles seinen Vorstellungen entspricht. Nein, Gott stellt keine Bedingungen. Wenn in der Herberge kein Platz ist, dann ist Ihm der Stall gut genug.

 

So ist sie eben – diese Welt, die Gott so sehr liebt bis ans Kreuz. Gott liebt diese Welt trotz allem Desinteresse und aller Feindschaft, aller Banalität und allem Anderssein, aller Erfolglosigkeit und allem Hass zum Trotz. Damals wie heute.

 

Gott hat uns nicht zuerst seine Vorstellungen präsentiert und verhandelt und alles davon abhängig gemacht, ob wir als seine Friedenspartner auch so denken wie er. – Er vertraut sich einfach den Menschen an: als Kind, als Flüchtling, als Lehrer, als Heiler, als Weggefährte in Leiden und Tod.

 

Den Menschen so annehmen wie er ist. Das fällt uns schon schwer bei uns selbst, wieviel schwerer erst bei den anderen, wieviel schwerer erst bei Menschen anderer Hautfarbe, anderer Kultur, anderer Religion. Die Sehnsucht nach Frieden verbindet alle Menschen. Bethlehem liegt auch in Bonn.

 

3. Die Hirten

Schließlich die Hirten - sie hören die Botschaft des Engels, lassen alles stehen und liegen und eilen nach Bethlehem. Und wir? Würden wir nicht zuerst mal die Lage checken, würden wir nicht zuerst einmal abwägen, ob sich der Weg auch lohnt, ob wir nicht einem Hirngespinst aufgesessen sind, ob Kosten und Nutzen in vernünftiger Relation stehen?

 

Viele Künstler haben diese Szene gemalt mit der ganzen Vorstellungskraft ihrer Phantasie. Es sind ausdruckstarke Gestalten, Charaktere. Sie haben nicht viel, was sie dem Kind mitbringen und was sie in der Eile gepackt haben: etwas wärmende Wolle vielleicht, etwas Milch. Das Wichtigste aber sind sie selbst: Sie kommen mit ihrer ganz persönlichen Biografie. Sie kommen obwohl sie in der damaligen Gesellschaft Outlaws waren, Menschen, die von der Teilhabe ausgeschlossen waren.

 

Wenn Bethlehem in Bonn liegt, dann sind auch wir wie die Hirten eingeladen, dem Wort der Engel zu folgen. Da ist jeder willkommen, Weihnachten schließt niemanden aus. Jeder kommt mit seiner Biografie: der Fromme genauso wie der Zweifelnde, der Verheiratete genauso wie der wiederverheiratete Geschiedene, der Erfolgreiche genauso wie der Versager, derjenige, der hier in den Bänken sitzt genauso wie der, der sich verschämt hinter eine Säule drückt, derjenige, der aus vollem Hals die Lieder mitsingt, genauso wie der, dem die Lieder im Halse stecken bleiben, weil ihm nicht danach zumute ist. Weihnachten ist jeder willkommen.

 

„Aus Greccio wird ein neues Bethlehem“, jubelte damals der Heilige Franziskus. Machen wir es wie er: Feiern wir heute keine alte Geschichte aus grauer Vorzeit, sondern feiern wir und arbeiten wir daran, dass aus unserer Stadt ein neues Bethlehem wird.

    

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