Weihnachten, Heiliger Stephanus, Predigt

26. Dezember 2015; Wilfried Schumacher

Die Geburt Jesu. Fresko im Hochchor des Bonner Münsters. August Martin, 19. Jhd.

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am zweiten Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember 2015, im Bonner Münster. Am 26. Dezember 2015 feiert die katholische Kirche das Fest des Heiligen Stephanus, der als der Märtyrer der Christenheit gilt.

Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Lesung: Apg 6, 8-10; 7, 54-60, Evangelium: Mt 10, 17-22

 

Herzlich willkommen in der Realität. Wie eine kalte Dusche mitten in die Gemütlichkeit dieser weihnachtlichen Tage wirkt das Fest des Heiligen Stephanus und die Texte des Neuen Testamentes, die wir gehört haben.

 

„Nehmt euch vor den Menschen in Acht.“ (Mt 10,17) Diese Aufforderung zur Wachsamkeit vor den Menschen wird uns ausgerechnet am Tag nach Weihnachten zugemutet. Gestern wurde uns die Menschenfreundlichkeit Gottes verkündet. Heute werden wir vor den Menschen gewarnt. Es scheint, dass dem Weihnachtsfest etwas fehlt, wenn es sich nur in Lichtern, geschmückten Bäumen, Geschenken, Liedern und Essen erschöpft.

 

Auf dem Weihnachtsbild hier oben im Hochchor unseres Münsters liegt das Jesuskind nicht in einer Krippe, einem „Krippelein“, wie es manchmal so niedlich in den Weihnachtsliedern heißt, sondern in einem römischen Sarkophag. Kreuz, Leiden, Sterben und Tod künden sich schon an. Willkommen in der Realität dieser Welt.

 

Es braucht keinen Prediger, um festzustellen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Was da täglich in den Nachrichten auf uns einströmt, macht vielen Menschen Angst. Es gibt Menschen, die mit Böses im Sinn haben. Es gibt Ungerechtigkeit, Unbarmherzigkeit, Lieblosigkeit und Friedlosigkeit auch mitten unter uns. Wir sehen den Terror, die Kriege, die Waffengeschäfte, wir sehen die weinenden Kinder und die leidenden Mütter. Christen werden um ihres Glaubens willen überall auf der Welt verfolgt. Es ist alles geblieben – und hat sich nicht in weihnachtlichem Wohlgefallen aufgelöst.

 

Das hätten wir gerne: Gott müsse auf einen Schlag allem Tod und aller Not, allem Streit und Krieg schlagartig ein Ende setzen! Gott als Aufräumkommando für das, was der Mensch in Unordnung gebracht hat. Der Stephanus-Tag bewahrt uns vor dieser irrigen Ansicht. Er löst uns heraus aus der Masse, die zur Krippe ziehen, und ruft uns in die persönliche Entscheidung: Bist du wie Stephanus bereit, mir nachzufolgen? fragt uns das Kind in der Krippe. Nicht nur dem lieblich anzuschauenden Kind in der Krippe nachfolgen, sondern diesem Jesus Christus, dessen Weg schließlich an das Kreuz führt.

 

Bei Dietrich Bonhoeffer fand ich schon vor Jahren einen Text, der aus der Kalamität dieses Festtages herausführt und mir in vielen Situationen und geholfen hat: Bonhoeffer schreibt 1943:

 

Ich glaube,

dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,

Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,

dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,

Gutes entstehen lassen kann und will.

 

Wenn ich genau hinschaue, dann kann ich diesem Wort zustimmen. Dazu braucht es allerdings Abstand und die Bereitschaft, sich nicht in den Dunstkreis des Bösen hineinziehen zu lassen. Es ist oft im wahrsten Sinn des Wortes ein Teufelskreis, der mich nur noch das Schlechte sehen lässt. „Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“ (Bonhoeffer)

 

Das ist auch ein Geheimnis, das mit der Menschwerdung verbunden ist: Gott braucht den Menschen, damit sein Werk gelingen kann, so wie er das JA Mariens gebraucht hat. Er braucht Sie und mich, die bereit sind zum Einsatz für ihn. – Bete so als ob alles von Gott abhängt und handle so, als ob alles von Dir abhängt“ – heißt ein Wort in der Tradition des hl. Ignatius von Loyola.

 

Für mich sind die letzten Wochen und Monate fast schon wie ein Beweis dieses Bonhoeffer-Wortes: Der Krieg in Syrien und die große Flüchtlingswelle hat dazu geführt, dass in unserem Land Menschen zu Hundertausenden sich an das erinnert haben, was ihnen ihr Christsein, ihr Menschsein in der christlichen Tradition aufträgt, sich dem Nächsten zuzuwenden, Dinge zu tun, die ihnen vorher gar nicht so selbstverständlich waren. So haben sie die Not, die aus dem Bösen geboren wurde, zum Guten gewendet. Das Weihnachtsbild unserer Stadtkrippe ist auch ein Dank an alle die vielen, die mit angepackt haben und bereit waren, für die Flüchtlinge dazu sein.

 

Willkommen in der Realität. – In höchster Bedrängnis sieht Stephanus den Himmel offen wie die Hirten in Bethlehem. Wenn jetzt nach diesen weihnachtlichen Tagen der Alltag wieder anbricht, dann wünsche ich Ihnen und mir in allen Stunden der Bedrängnis auch den Blick für den offenen Himmel.

 

Denn „ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ (Bonhoeffer)  

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