Weihnachten, Predigt

25. Dezember 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, zum Hochfest der Geburt Jesu (Weihnachten) in der Christmette am 24. Dezember 2015, im Bonner Münster

 

Gott im Boot meines Lebens

 

Schon wieder so eine verrückte Idee: Das Jesus-Kind liegt hier vorne nicht in einer Krippe, sondern in einem Schiff, einem kleinen Boot. Was soll das? fragen Sie sich mit Recht.

 

Schiffe sind für uns Rheinländer nichts Ungewöhnliches: Seit Jahrhunderten transportieren die Schiffe auf dem Rhein Menschen und Güter, nicht nur von einem Ufer zum anderen, auch über weite Entfernungen. Manch einer von Ihnen hat vielleicht schon einmal eine Kreuzfahrt unternommen und die Annehmlichkeiten einer solchen Schifffahrt genossen. Vielleicht denken aber auch einige an die Boote, die in den letzten Monaten tauende Menschen über das Mittelmeer transportiert haben, auf der Flucht vor dem Krieg.

 

Unsere Sprache kennt viele Assoziationen aus der Seefahrt: „Wir sitzen alle in einem Boot“, heißt es da. „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“, befürchten einige. „Da wird jemand ausgebootet“, stellen wir fest. „Einer kommt vom Kurs ab“ und „Klippen müssen umschifft werden“. Wir kennen menschliche Wracks und wissen, dass Menschen Schiffbruch erleiden können auch wenn sie sich nicht auf offenem Meer befinden. Albert Einstein hat festgestellt: „Mir kommt das Leben der Menschen vor wie ein großes Schiff.“ Und Martin Luther meint: „Unser Leben ist gleich wie eine Schifffahrt.“

 

Sie merken – es geht um uns bei diesem Boot, um Sie und mich. Ich möchte Sie einladen, ein wenig bei diesem Bild zu verweilen. Mit welchem Schiff lässt sich Ihr Leben vergleichen: Mit einem Lastkahn, der schwer zu tragen hat und nicht nur die eigenen, sondern auch fremde Lasten trägt? Mit einem Ausflugsdampfer, auf dem nur Frohsinn herrscht? Mit einem Treidelkahn, der nicht aus eigener Kraft vorankommt und gezogen werden muss? Mit einem Segelschiff, das bei passendem Wind majestätisch durch das Wasser segelt und bei Flaute vor sich hin dümpelt? Mit welchem Schiff lässt sich Ihr Leben vergleichen?

 

Hohe Wellen und Gegenwind bringen das Schiff in große Not. Jeder von uns kennt Wellen und Gegenwind auch aus seinem eigenen Leben. Nicht nur am Welthorizont ziehen dunkle Wolken auf und blitzt es und kracht es. Auch im privaten Bereich gibt es viel Not:

 

Da ist der Mensch, der enormen Gegenwind bekommt, weil er entschieden zu seiner Überzeugung steht. Da ist ein anderer, der von einer Welle der Entmutigung eingeholt wird, und keine Zukunft mehr sieht. Da ist das Ehepaar, das in den Strudel gegenseitiger Vorwürfe geraten ist und deren Ehe zu scheitern droht. Da ist die Familie, die in die Tiefen einer schweren Krankheit hineingezogen wird und völlig verzweifelt ist. Und da ist die Verwandtschaft, bei der es in den zwischenmenschlichen Beziehungen nur so brodelt und einfach keine Versöhnung in Sicht kommt.

 

Ja, das Bild ist treffend – unser Leben ist wie ein Schiff! Heute feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist! Heute feiern wir, dass Gottes Sohn hineingelegt worden ist in das Schiff meines Lebens.

 

Vielleicht sträubt sich jetzt etwas in Ihnen, – weil ihr Lebensschiff Ihnen als wenig geeignet erscheint, um eine solche Fracht zu transportieren. Weil es nicht aufgeräumt ist und sie immer noch alte Sachen mit sich herumschleppen. Weil es Ihnen zu ramponiert erscheint, weil sie oft angestoßen sind, wenn Sie in einem Hafen Halt gemacht haben. Weil Sie sich nie Zeit genommen haben, die Schäden zu reparieren, die das Schiff im Laufe der Jahre bekommen hat.

 

Egal in welchem Zustand das Schiff ist – das Kind will mit Ihnen unterwegs sein. Nicht nur heute und morgen, sondern Ihre ganze Lebensreise lang. Die Stürme werden nicht weniger, der Gegenwind wird weiterhin zu spüren sein, noch manche Welle wird Ihnen Sorgen machen und die Lasten nehmen auch nicht ab – aber das Kind, das die Engel „Retter, Messias, der Herr“ nennen, will mit Ihnen auf die Lebensreise gehen. Nicht nur mit dem Lächeln eines Kindes, sondern mit der ganzen Macht seiner Botschaft!

 

Was soll das bewirken? Schauen Sie auf die Hirten: Sie kehren nach ihrem Gang zur Krippe nach Bethlehem zu den Herden zurück, aber sie sind nicht mehr dieselben. Sie tun dieselbe Arbeit wie vorher. Sie leben in denselben Verhältnissen und sind doch andere geworden. Sie kehren zurück und loben Gott wegen alle dem, was sie gehört und gesehen haben. Früher hatten sie keine Zeit für das Gotteslob. Denn als Hirten müssen sie auf ihre Herden aufpassen und können nicht am Gottesdienst teilnehmen. Als Menschen aber, die die Botschaft der Engel hörten und die in Bethlehem gewesen waren, erinnern sie sich an Gott und lassen sich von der frohen Botschaft trösten. So verändert sich ihr Alltag.

 

Es kommt ein Schiff geladen – das alte deutsche Advents- und Weihnachtslied hat uns hier im Münster im Advent begleitet. Gerechtigkeit, Erbarmen, Liebe und Frieden hat es uns angekündigt. Jetzt ist es mit seiner teuren Last angekommen und das Kind ist umgestiegen in unser Lebensboot.

 

Schiffe sind nicht gemacht für den Hafen. Sie müssen hinaus. Jetzt an Weihnachten haben wir hoffentlich alle irgendwo festgemacht. Aber danach geht es wieder hinaus – mit dem menschgewordenen Gott im gleichen Boot. – Wenn das kein Grund zu Freude ist!

   

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