Weihnachten, Weihnachtslob, Predigt

24. Dezember 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Weihnachtslob an Heiligabend, Mittwoch, 24. Dezember 2014, in der Kirche St. Remigius

 

Es gibt Situationen im Leben, die sind aussichtlos und verfahren. Es gibt keinen Weg mehr zurück, keinen Weg mehr nach vorne. Es zeigt sich - auch beim besten Willen - keine Lösung.

 

700 Jahre vor Christi Geburt war es in Israel ähnlich. Der asyrische Großkönig belagert die Stadt Jerusalem. Folge einer verfehlten Politik, die sich allein auf Menschenwerk stützte und Gottes Gebote außer Acht ließ.

 

Die herrschende Klasse war korrupt, von ihr war nichts mehr zu erwarten. Sie verfolgen die schwachen und unterdrücken die Armen. Sie warten nur darauf, dass die Feiertage vorüber sind, damit sie wieder ihre Geschäfte machen können. Sie fälschen die Gewichte und machen noch den Abfall des Getreides zu Geld.

 

Der Prophet Jesaja sieht die Belagerer auf die Stadt zukommen. Er weiß, welches Schicksal der Stadt droht und so kündigt er das Auftreten eines gerechten Königs an, der aus dem Wurzelstock Isais entstammten wird. Er sagt: Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.

 

Jesaja erwartet den neuen Herrscher nicht aus dem Stamme Davids, nicht aus der Kontinuität des gegenwärtigen Herrscherhauses, sondern aus dem Wurzelstock Isais, des Vaters von David.

 

Jesaja sieht einen neuen David! Gott macht einen neuen Versuch mit diesem Volk, sagt der Prophet. Gott gibt nicht auf, auch wenn sich menschliches Handeln, politische Schachzüge seinem Handeln widersetzen.

 

Es ist ein Ros' entsprungen aus einer Wurzel zart;

wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.

 

In dem alten Weihnachtslied ist dieser Geschichte eingefangen. Aus dem Reis ist in dichterischer Freiheit eine Rose geworden.

 

Vor diesem Hintergrund wird das Kind in der Krippe zu einem Zeichen dafür, dass Gott nicht aufgibt. Er wagt immer wieder einen neuen Anfang mit den Menschen. Ja, wir können es auch ganz persönlich sagen: er wagt immer einen neuen Anfang auch mit mir.

 

Eine ungeheure Botschaft in einer Welt, in der unsere Biografie in allen Details auf Dutzenden von Computern gespeichert ist. Und was die Rechner nicht wissen, dass ist unseren Mitmenschen präsent – da gibt es nur die Kontinuität des Bekannten. Wer traut uns da noch Neues zu? Wir sind festgelegt auf unsere Vergangenheit. Aber: Gott wagt immer einen neuen Anfang mit uns! Wer das versteht, der wird aufblühen wie eine Rose mitten im kalten Winter.

 

Schauen wir noch einmal auf das Kind – obdachlos, abgeschoben in einen Stall, nicht kranken- und sozialversichert und von Verfolgung bedroht, verletzlich wie Kinder nun mal sind.

 

So klein es auch ist - wir sehen in ihm unsere Sehnsucht aufblühen: Es kann doch nicht sein, dass immer nur die Großen das Sagen haben, dass immer nur der Mächtige recht hat und sich durchsetzt. Es kann doch nicht sein, dass Hochbewaffnete sich den Weg frei schießen und dabei noch meinen, sie kämpften gegen das Böse. Es kann doch nicht sein, das nur der Stärkere gewinnt. Es kann doch nicht sein, dass wir fasziniert sind von Gewalt und Stärke aus Angst, Feigheit und weil wir meinen, so sei das Leben.

 

In seinem Abschiedsbuch „Winter in Wien“ schreibt Reinhold Schneider 1957/58: „Wer das Schlechte sucht, findet es gewiss“. Wer auf das Böse schaut, gilt als klug. Wer das Gute sieht als schwach. Es erfordert sehr viel mehr Verstand, das Gute zu erkennen als das Schlechte. „Sex und Crime“ – verkauft sich gut, sagen die Medienmacher.

 

Ich verkündige Euch eine gute Botschaft, sagt der Engel auf Bethlehems Feldern. Sie hat es schwer in dieser Welt, die lieber die schlechten Nachrichten hört.

 

Vielleicht beginnen wir damit, auf das Gute in uns selbst und im Menschen neben uns zu schauen, es zu entdecken und das Gute, das da erblüht und erblühen will – vielleicht ist es nur ein zartes Pflänzchen hervorzuholen und zu pflegen; denn es ist ein Ros entsprungen, mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht! Dies lohnt alle Mühe.

  

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