Weihnachtslob, Predigt

24. Dezember 2015; Wilfried Schumacher

Ansprache des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, beim Weihnachtslob am 24. Dezember 2015, in St. Remigius. In seiner Ansprache bezieht sich der Stadtdechant auf ein Philippinisches Märchen und die biblische Erzählung von der Geburt Jesu, die während der Feier vorgelesen wurden. Das Märchen ist nachfolgend dokumentiert.

 

In der Geschichte, die wir am Anfang gehört haben, geht es um mehr als die Halle des Königs - es geht um die Halle  unserer Welt, unserer kleinen Welt.

 

Wie oft füllen wir sie mit unnützem Zeug - mit vielen, aber leeren Worten? Wie oft tun wir unnütze Dinge, banales, seichtes, das vor uns und anderen nicht bestehen kann, das keinen Wert hat?

 

Es macht viel Arbeit, dies alles in die Halle unseres Lebens zu schaffen - aber es ist wertlos, es bringt nicht ein, was wir davon erwarten. Schließlich gehen wir leer aus, wie der ältere Sohn im Märchen.

 

Ganz anders dagegen der jüngere Sohn. Seine Erfahrung kennen wir auch.  Das Licht einer einzigen Kerze kann einen ganzen Saal ausfüllen. Oft ist es das Einfache, das kleine, das Unscheinbare, das die Halle unserer Welt erfüllt. –

 

Nicht das großspurige, aber leere Wort, nein, das kleine, aber gute Wort der Liebe, der Zuneigung, der Zärtlichkeit, der Anerkennung  des Trostes, erfüllt die Halle unserer Welt! Nicht die große Tat, die theatralische Geste, nein die Handreichung, der Händedruck, die Umarmung, das unauffällige Zur-Stelle-Sein, erfüllt die Halle unserer Welt! Nicht die Dinge, die wir uns leisten, die wir besitzen, nein, das, was wir verschenken, was wir anderen gönnen, was wir teilen erfüllt die Halle unserer Welt! Dies alles ist wie Licht - leuchtend, wärmend, Orientierung geben.  

 

Wer dieses philippinische Märchen versteht, kann auch erahnen, was wir heute feiern: Es gab eine Zeit im alten Israel, da stellte man sich das Kommen des Messias vor, wie das Kommen eines Königs mit Pomp, Macht und Herrlichkeit. Noch heute meinen viele Menschen, es müsse ebenso gehen. Gott müsse auf einen Schlag die Halle dieser Welt erfüllen, damit aller Tod und alle Not, aller Streit und Krieg schlagartig ein Ende haben! Gott als Aufräumkommando für das, was der Mensch in Unordnung gebracht hat. 

 

Seit den Tagen von Bethlehem widerspricht Gott dieser irrigen Ansicht. Auf das krampfhafte Erwachsen-Sein vieler Menschen antwortet er mit einem Kind.
Der Reichtum des Menschen wird aufgedeckt in der Armut des Kindes.
Die Friedlosigkeit der Welt wird überführt in der Friedfertigkeit des Kindes.
Das Geschwätz der Welt  wird übertönt von der Sprachlosigkeit des Kindes.
Die Leistungsgesellschaft wird karikiert im Unvermögen des Kindes.


Die wahre Dunkelheit der Welt wird nicht durch Scheinwerfer erleuchtet! Von diesem Kind wird gesagt - es sei das wahre Licht, das in der Finsternis leuchtet. Dieses Kind in der Krippe ist das Licht, das die Halle unserer Welt hellt macht.

 

Ich lade Sie ein, heute Abend auf die hellen Stunden des Lebens zu schauen: Auf Stunden der Liebe und Freundschaft, der Zuneigung und Zärtlichkeit. Auf die Augenblicke der guten Worte und der kleinen Gesten. Auf die Erfahrung von Hilfe und Beschenkt-Werden, von Hoffnung, Zukunft, Trost und Halt. Und sie zu deuten als die Stunden dieses Kindes, als jene Augenblicke, in denen es hell wurde  in der Finsternis der Halle unseres Lebens!

 

Aber: (um noch einmal auf die Geschichte zurückzukommen) -zuerst muss unser Lebenshaus von allem Unnützen gesäubert sein -von all' den leeren Worten, den unnützen Dingen,  den entbehrlichen Sachen. Dann hat das Licht Platz, sich auszubreiten und alles zu erleuchten.  Bleiben wir nicht in der Finsternis, trauen wir dem Licht!

  

Philippinisches Märchen (Wurde zu Beginn der Feier vorgelesen.)

Ein König hatte zwei Söhne, so erzählt ein Märchen von den Philippinen. Als er alt wurde, wollte er einen seiner beiden Söhne zu seinem Nachfolger bestellen. Er gab jedem von ihnen fünf Silberlinge und sagte: Füllt für dieses Geld die Halle in unserem Schloss bis zum Abend. Womit, das ist Eure Aufgabe. Der ältere Sohn ließ leeres Stroh in die Halle schaffen und füllte diesen mit nutzloses Stroh den ganzen Raum. "Ich habe meine Aufgabe erfüllt, auf meinen Bruder brauchst du nicht mehr zuwarten. Mach mich zu deinem Nachfolger." Sagte er zum Vater. Doch der wartete, weil es noch nicht Abend war. Der jüngere Sohn ließ das Stroh wieder entfernen, stellte mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis in die letzte Ecke hinein. Der Vater machte ihn zu seinem Nachfolger: Dein Bruder, so sagte er, hat fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast die mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem gefüllt, was die Menschen brauchen.

 

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