Zweiter Fastensonntag, Predigt

1. März 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am zweiten Fastensonntag, 1. März 2015, im Bonner Münster

 

In ein Wechselbad der Gefühle tauchen uns unserer heutigen Lesungen ein: zuerst der Auftrag an Abraham "deinen Sohn, den einzigen, den du liebst, Isaak, und bring ihn als Brandopfer dar" und dann dieser Augenblick des allen überwältigenden Lichtes im Evangelium „Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann“.

Es scheint, als seien unsere beiden Fastentücher eine Illustration dieser beiden Texte.

 

1. Der Gang in die Dunkelheit.

 

Isaak, der einzige Sohn, der Träger der Verheißung, die Zukunft des alten Mannes Abraham, soll geopfert werden. Es scheint als ob Gott selbst in Widerspruch zu sich selbst tritt. Erst schenkt er Abraham im hohen Alter endlich einen Erben und dann soll er ihn opfern. Mehr noch: Gott hat wahrgenommen, was Isaak für Abraham bedeutet, er liebt ihn – und trotzdem dieses Gebot.

 

Drei Tage und drei Nächte sind sie unterwegs. das bedeutet, drei Mal am Abend die Zelte aufschlagen, drei Mal mit den Gedanken ins Bett gehen, drei Mal damit am Morgen wieder aufstehen.

 

Wie hält Abraham das aus? Wie mag er innerlich mit Gott ringen, der ihm doch so große Sicherheit gegeben hat? Eine Antwort kann vielleicht jemand geben, der schon einmal tagelang unterwegs war mit einer traurigen, ja vielleicht tödlichen Prognose:

  • jemand, der schwer erkrankt ist und auf die Bestätigung der Diagnose wartet,
  • jemand, der in einer großen existentiellen Unsicherheit lebt, der fürchtet in einer Beziehung einen Menschen zu verlieren, dem der Verlust des Arbeitsplatzes droht,
  • jemand, dem die sogenannten Sicherheiten des Lebens abhanden gekommen sind.
 

Viele von uns sind wie Abraham unterwegs, drei Tage und drei Nächte. Es sind die Nächte mit den Fragen, die wir alle kennen: Wie ist das möglich? Warum greift Gott nicht ein? Ist er nicht der barmherzige Vater? Wo ist da die Anwesenheit Gottes in dieser Welt. Wieso gehen die Dinge diesen Weg? Wir sehen Menschen, die an ihrem Leid verzweifeln. Wir erleben Gott kommt nicht zu Hilfe – drei Tage und drei Nächte nicht. Eine halbe Ewigkeit.

 

Das letzte Stück des Weges gehen sie allein. Das Schweigen wird unterbrochen durch die einfache Frage des Kindes, die - wie so oft bei den Fragen der Kinder - die Sache auf den Punkt bringt: Vater! Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Was wie eine verlegene, eine ausweichende Antwort des Vaters klingt, ist der Schlüssel zum ganzen Text: „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn.“ Oder etwas anders formuliert: „Gott wird alles richten.“

 

In diesem Wort verbirgt sich, was einige Verse weiter der Engel sagt, als er Abraham von dem Opfer des Sohnes abhält: „Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest.“ „Gottesfurcht“ – das Wort weckt Assoziationen in uns, die uns auf die falsche Fährte locken. Gottesfurcht hat nichts im „Angst vor Gott“ zu tun, die auch heute noch viele Gläubige knebelt und letztlich unfähig, macht zu glauben und zu lieben.

 

Eine Theologe der Gegenwart, Wolfhart Pannenberg, hilft uns vielleicht, wenn er schreibt: "Gott fürchten - das heißt, Gott als Schöpfer anzuerkennen in seiner Erhabenheit und Macht, als den Schöpfer, von dem unser Leben in jedem Augenblick abhängt, und als den Richter, vor dem nichts verborgen bleibt."

 

Es geht in unserer Geschichte also um eine Prüfung, die Abraham in seinem Innersten berührt, in seiner Beziehung zu Gott.  Der Weg in die Dunkelheit führt nicht in die Gottferne.

 

2. Der Augenblick des alles überwältigenden Lichts.

 

Die Beziehung zu Gott ist für viele Menschen ein Thema. Sie wollen sehen statt glauben, sie wollen wissen statt vertrauen.

 

Den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes wird auf dem hohen Berg, auf den sie Jesus führt, geschenkt, was viele Menschen ersehnen. Sie dürfen Jesus schauen als den, in dem Gesetz und Propheten ihr Ziel und ihre Erfüllung haben. Er ist des ewigen Gottes vielgeliebter Sohn.

 

Der Song von Andreas Bourani, den wir im vergangenen Jahr als Begleitmusik zur Fußball-Weltmeisterschaft immer wieder gehört haben, illustriert diese Erfahrung: „Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben, auf den Moment, der immer bleibt. Ein Hoch auf uns, auf jetzt und ewig. Auf einen Tag Unendlichkeit.“

 

Man kann nur erahnen, was die Jünger hier erlebt haben, wenn man den Vorschlag des Petrus hört: „Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen!“Andreas Bourani singt: „Wer friert uns diesen Moment ein. Besser kann es nicht sein.“

 

Er hat Recht, solche Glücksmomente dürfen nicht vergehen. Wir möchten sie festhalten. Glücksmomente des Glaubens, wenn wir uns der Liebe Gottes, seine Hilfe, seiner Zuwendung sicher sind. Glücksmomente in der Liebe, der Beziehung, wenn uns die Liebe, Treue, die Freundschaft zum Fundament werden, auf dem wir stehen können. Glücksmomente im Beruf, wenn uns etwas gelungen ist, wenn wir gelobt, gefördert oder befördert werden. Es gibt solche Stunden, in denen wir begeistert in den Song einstimmen können: „Ein Hoch auf uns, ein Feuerwerk aus Endorphinen zieht durch die Welt.“

 

Aber Andreas Bourani irrt an einer wesentliche Stelle: die Unendlichkeit, die ewige Treue, die Unsterblichkeit gibt es nicht auf dieser Welt. Jesus steigt mit seinen Jüngern wieder hinab. Der Augenblick des überwältigenden Lichts hat auf dieser Welt ein Ende – und trotzdem brauchen wir ihn, und nicht nur einmal - weil wir aus ihm leben. Gäbe es diese Momente nicht, wäre die Welt ein einziges Jammertal.

 

Unsere beiden Fastentücher illustrieren nicht nur unsere heutigen Texte. Zwischen beiden Tüchern befinden wir uns. Sie illustrieren unsere Gegenwart.

 

Und wohin lebst du? Fragt uns diese Fastenzeit. Eine Antwort lautet für mich heute: Wir können die Dunkelheiten nur ertragen, wenn es auch die Momente des Lichts gibt.

  

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