Zweiter Fastensonntag, Predigt des Stadtdechanten

16. März 2014; Wilfried Schumacher

Fastenpredig-Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am zweiten Fastensonntag, 16. März 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Gen 12,1-4a, 2 Tim 1,8b-10, Mt 17,1-9

 

Mit den drei Urwünschen des Menschen haben wir am vergangenen Sonntag den Weg durch diese Fastenzeit begonnen:

  • dem Wunsch einen Namen zu haben,
  • Macht zu haben, etwas machen zu können,
  • eine Heimat zu haben, etwas zu besitzen.

Wir haben gehört, was Jesus uns mitgibt, wenn sie nicht erfüllt werden.

Heute sagen uns die Texte, welchen Blick Gott auf uns hat, was er uns zugetraut, welche Verheißung er uns mit gibt.
Ich möchte dies an drei Worten festmachen:

  • Ein Segen sollst du sein - sagt Gott dem Abraham.
  • Mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, ermutigt uns der Apostel Paulus.
  • Steht auf und hab keine Angst - stärkt Jesus seine Jünger.

1. Ein Segen sollst du sein
Der Apostel Paulus nennt Abraham einen "Vater aller, die glauben" (Römer, 4,11). Das, was von ihm erzählt wird, dürfen wir auch auf uns hin lesen.

"Zieh weg aus dem Land, aus der Heimat, aus dem Vaterhaus", mit dieser Zumutung Gottes an einen 80jährigen beginnt die Geschichte des Abraham. Er soll alles lassen, was ihm Sicherheit gibt und was ihn stützt, der Stamm, die Mentalität, die Kultur. Wir staunen über den Glauben, den Abraham hatte als er trotzdem ins Ungewisse loszog. Aber dieser Glaube wird von einem Wort des Trostes getragen, von einer Verheißung, von einer Vision der Zukunft, die fähig ist, das ganze Herz Abrahams zu erfüllen und diese Verheißung wird das Geheimnis seines Lebens werden. Sie lässt sich in einem Wort zusammenfassen: ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!

„Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem allen Gott“, sagt Dietrich Bonhoeffer.
„Ich will dich segnen“, sagt Gott und meint damit: „Ich bin bei dir, ich gebe dir Kraft, ich gebe dir die nötige Rückendeckung und beschütze dich.“
Ich glaube, wir alle ein intuitives Gefühl dafür, was es heißt gesegnet zu sein!

Aber das Wort an Abraham spricht nicht nur davon, dass er gesegnet ist, sondern er soll auch ein Segen sein.
Auch da können wir auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: vielleicht haben Sie schon einmal einem Menschen so viel Gutes getan, dass er glaubte, gesegnet zu sein. Oder Sie haben jemanden glücklich gemacht, ihm in einer schwierigen Lage geholfen. Sie haben jemanden das Gefühl gegeben, dass er nicht allein ist.

Wer für andere zum Segen wird, für den ist die Welt nicht dazu da, ihn selbst glücklich, zufrieden oder sorgenfrei zu machen. Sondern er will mit seiner kleinen Kraft die Welt für andere besser machen. So wie es in dem Gebet heißt, dass dem Heiligen Franziskus zugeschrieben wird.
Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

 

2. Er hat uns gerufen
Das erste christliche Jahrhundert war nicht frei von religiösen und politischen Konflikten und die Mission der ersten christlichen Gemeinden barg immer wieder neuen Zündstoff für Auseinandersetzungen und Verfolgungen.
Da verzweifelten manche und andere wollten zu Helden werden. Aber es bedarf keiner Taten, um die Zuneigung Gottes zu erwerben. Deshalb schreibt Paulus an seinen Schüler Timotheus: "Mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde".

Als Glaubende sind wir "Gerufene". Unser Glaube ist nicht unser Werk, sondern letztlich Antwort auf den Ruf Gottes. Selbst wir, die wir als Kinder getauft worden, haben es alle erlebt, dass wir irgendwann in unserem Leben die Entscheidung unserer Eltern verifizieren mussten. Wir mussten antworten auf die Frage "Glaubst Du das?" Und wir spüren es, in allen Herausforderungen des Glaubens, dass unser Ja zum Willen Gottes nicht das Ergebnis unserer eigenen Anstrengungen ist, sondern uns letztlich geschenkt wird als Antwort auf Gottes Ruf.

Wir sind die Gerufenen. Das griechische Wort für Kirche "Ecclesia" bedeutet übersetzt "die "Herausgerufenen" und das hebräische Wort für die Versammlung des Bundesvolkes "qahal" meint genau das gleiche: die Versammlung der Gerufenen.
Somit bekommt auch diese Versammlung hier und heute noch einmal eine ganz andere Dimension: die Motive, heute hierhin zu kommen mögen ganz unterschiedlicher Natur sein: für die eine Pflicht, für die anderen ein Bedürfnis oder was auch immer. Über allem persönlichen Motiv aber steht, dass Gott selbst uns vom ersten Augenblick unserer Existenz an "gerufen" hat. "Er ist's durch dessen Ruf wir in dies Leben kamen", heißt es in einem Lied.
Das dritte Wort, das uns heute mitgegeben wird, steht im Evangelium.

 

3. Steht auf, habt keine Angst
Die Jünger auf den Berg haben ein unbeschreibliches Erlebnis. Sie begegnen dem Geheimnis Gottes. Für wenige Augenblicke dürfen sie den Herren in einem anderen Licht sehen, dürfen sie erfahren, wer er wirklich ist.
Sie reagieren Angst und Furcht. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst!
Angst haben wir alle. Eine Vielzahl von Menschen wird sogar krank vor Angst. Letztlich steckt hinter aller Angst die reale Furcht vor dem Tod. Wir haben keinerlei Chance, angesichts einer Gefahr die Angst mit Knopfdruck oder mit einem Trick auszuschalten.

Aber wir wissen von Kindesbeinen an, dass es etwas gibt, was uns hilft in der Angst: Zuwendung und Zuneigung, die Nähe eines Menschen, der uns in den Arm nehmen, der uns die Hand hält, der uns ein Wort des Trostes sagt.
Auch Jesus rührt auf dem Tabor seine Jünger an, richtet sie auf, sagt ihnen: habt keine Angst! Wenn einer so etwas sagen kann, dann ist es Christus selbst, der in seinem Tod und seiner Auferstehung dem Tod den Stachel genommen hat, der Schuld ist an unserer Angst.

Wer in seinem eigenen Leben solche Stunden wie die Jünger schon erlebt hat, glückliche Stunden, Stunden, in denen sich das Dunkel des Alltags lichtet, in denen wir gewissermaßen einen Blick in den Himmel tun dürfen, der wird das Wort des Herrn gewiss auch ermutigend hören: "Hab keine Angst!"
Aber er wird genauso dankbar sein für jede Zuwendung und Zuneigung, für jede Nähe eines Menschen, die uns die alltägliche Angst nehmen.
Nehmen wir mit in diese zweite Fastenwoche, was Jesus selbst uns mit auf den Weg gibt. Es ist gleichsam das "Plus", das uns hilft, den Alltag zu bestehen, wenn er uns darin erinnert, dass wir Gerufene sind, für die er den Tod überwunden hat, und die deshalb für andere ein Segen sein können.
Das kleine Kreuz, das unserer Vitalis-Schachtel beilag, kann Sie in dieser Woche daran erinnern.

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