"Den Hass fort-lieben", Predigt angesichts der Anschläge in Paris

15. November 2015; Wilfried Schumacher

Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 15. November 2015 im Bonner Münster angesichts der Anschläge in Paris am 13. November 2015.  Die Predigt nimmt Bezug auf die im Gottesdienst verlesenen Texte aus der Bibel: Buch Daniel Kapitel 12, Verse 1-3, Hebräerbrief Kapitel 10, Verse 11-14 und 18, Evangelium nach Markus Kapitel 13, Verse 24-32.

  

Den Hass fort-lieben

 

Die Lesungen des heutigen Sonntags sind wie ein Kommentar zu diesen Stunden nach dem Terroranschlag in Paris, der uns sprachlos und fassungslos gemacht hat. Fußballfans, Konzertbesucher und Leute in einem Restaurant sind das Opfer von Terroristen geworden. Rund 130 Tote, viele Verletzte und viele Angehörige, Freunde und Bekannte, die auch alle betroffen sind.

 

Es waren wieder einmal wahrlich apokalyptische Bilder, die uns da in der Nacht zum Freitag und am gestrigen Samstag ereilten. Ich kam mir vor wie der Beter im Psalm 121: „Woher kommt mir Hilfe?“

 

Schauen wir noch einmal in unsere Texte.

Vielleicht geben Sie uns eine Antwort:

 

Als Markus sein Evangelium schreibt war das Elend in der Urkirche groß. Unterdrückt und geknechtet lebte das Volk der Juden. Ja, die unvorstellbare Katastrophe war eingetreten: Die Römer hatten im Jahre 70 den heiligen Tempel zerstört. Nicht nur die politischen Freiheitshoffnungen waren vernichtet. Der letzte Halt des Volkes, der Glaube an die Macht seines Gottes, war erschüttert. Nackte Verzweiflung herrschte in Jerusalem.

 

Zur Zeit Daniels war es nicht anders: Die griechischen Besatzungsmächte versuchen im 2. Jahrhundert vor Christus den Glauben der jüdischen Religionsgemeinschaft durch Verbotsmaßnahmen und notfalls mit brutaler Gewalt zu unterbinden.

 

Wie soll man da reagieren? Die einen sagen: „Greift zu den Waffen und wehrt euch!“ – Die anderen: „Passt euch den neuen Zeiten an.“ Viele zucken mit den Schultern: „Was soll’s, ob wir Gott opfern oder einem Kaiser? Wer Geschäfte machen will, muss mit den Wölfen heulen.“ Schließlich: „Religion ist Privatsache und hat aus dem Geschäftsleben heraus zu bleiben. In meinem Herzen halte ich doch an Gott fest“.

 

Wir kennen die Argumente – sie haben sich in über 2000 Jahren nicht verändert! Sie drehen weiter an der Spirale der Gewalt. Sie gebären unkritische Mitläufer und Menschen ohne Zivilcourage.

 

Daniel und Markus haben eine andere Botschaft:  die Vision vom Ende der Zeit, in der Gott selbst kommen wird, um seine aus den Fugen geratene Welt zu retten und die Hoffnung, dass die, die viele zum rechten Tun geführt haben, immer und ewig wie die Sterne leuchten werden.

 

Es wird der Tag kommen, da der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels erscheint, und er wird die Menschen sammeln aus allen vier Windrichtungen vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

 

Es wird keinen Tod mehr geben, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Gott wird mitten unter den Menschen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen, ergänzt die Geheime Offenbarung des Johannes.

 

Am Ende der Geschichte erwarten wir nicht den Vermögensberater unserer Bank, der uns nachweist, wie klug wir unser Geld angelegt haben, nicht unseren Rechtsbeistand, der uns bestätigt, wie umsichtig wir unsere Rechte verteidigt haben.

 

Am Ende erwartet uns Gott, der nach anderen Kriterien richtet als diese Welt. Wer weiß, dass es dieses ewige Morgen gibt, der kann gelassen leben. Er kann säen und weiß, Gott selbst wird die Ernte einfahren, wenn das Ende der Zeit gekommen ist. Und dabei wird das am meisten Frucht tragen, was in Liebe gesät wurde.

 

Jesus verlangt von uns, dass wir die Zeichen der Zeit richtig deuten. Schlimme Nachrichten wie die aus Paris in den letzten Stunden, sind immer auch Anlass, sich zu fragen: Was kann das für uns bedeuten? Ich möchte drei Antworten versuchen:

 

1.

Viele haben sich aufgerichtet den Worten der Bibel, die wir heute gehört haben. In Tagen der Not, in Stunden der Verzweiflung haben sie davon gelebt, dass die letzte Zukunft dem Menschensohn gehört. Wer auf sein Kommen hofft, muss nicht das Leben in schnellen Zügen schlürfen.

 

Wer aber immer in der Angst lebt, zu kurz zu kommen, der handelt schnell nach dem Motto: Nur ja nichts verpassen! Wer glaubt, dass Gott das letzte Wort haben wird, der kann die Angst verlieren. Deshalb setzen wir den angstmachenden Bildern nicht ein trotziges „Wir lassen uns das Leben nicht vermiesen“ entgegen, sondern ein glaubendes Bekenntnis zur Zukunft von Gottes Schöpfung.

 

2.

Der sogenannte „islamische Staat“ hat die Verantwortung für die Anschläge übernommen. Wir wissen, dass dieses Staat nicht das wahre Gesicht des Islam zeigt, sondern nur eine verzerrte Fratze. Deshalb müssen wir den Schulterschluss mit den Muslimen suchen, die genauso wie wir diese Taten verabscheuen.

 

In der ZEIT schrieb gestern ein Journalist: „Wir müssen den Islamismus bekämpfen und uns mit den Muslimen versöhnen. Denn das ist das einzige, was wir noch nicht ausprobiert haben: die Araber und Perser so zu behandeln, als seien sie Menschen wie Du und ich, wie Nachbarn.“

 

Der größte Feind des islamistischen Terrorismus sei die Willkommenskultur. Deshalb dürfen wir nicht darin nachlassen, den Flüchtlingen beizustehen, die vor dem Terror in ihrer Heimat geflohen sind, und die nun erleben müssen, wie die Einschläge wieder näher kommen.

 

3.

Die Terroranschläge machen uns wütend und zornig auf die Menschen, die zu solchen Mittel greifen, um ihre Ziele zu verfolgen. Aber nicht nur die Terroristen haben Bomben, Granaten, Gewehre.

 

Wenn ich oft sehe, was Menschen in sozialen Medien veröffentlichen, wie da Menschen fertiggemacht werden; wenn ich beobachte, wie Politiker in den Medien oft runtergeschrieben werden, wenn ich erlebe wie das Gerede über andere Menschen diese kaputt macht, dann kann ich verstehen wenn unser Papst gelegentlich vom Terrorismus des Geschwätzes spricht. Unser Mund wird zu einer vernichtenden Waffe und in seiner Verlängerung die schreibende Hand. Der Mund ist der Körperteil, mit dem am meisten gesündigt wird!

 

Deshalb gilt, was wir in einem Kirchenlied besingen: „Lasst uns den Hass, das bittere Leid fort-lieben aus der dunklen Zeit.“ Das beginnt nicht in Paris, sondern mit uns und bei uns.

 

Datei-Anhänge:

Links:

Zurück