Gruft über den Gräbern der Märtyrer

"Für die Menschen in unserer Stadt bitte ich Sie, der Tradition entsprechend, die Gruft zu öffnen und die Festdekade beginnen zu lassen." Dieser Bitte entsprechend schlägt der Stadtdechant mit einem Kreuz auf die schweren Falltüren. Durch die 1000 Jahre alte Krypta hallen die Schläge hinaus in die Basilika und werden von feierlichen Fanfaren beantwortet und die Gruft wird von vier Altardienern geöffnet.

 

Alljährlich vollzieht sich dieses feierliche Ritual Anfang Oktober. Es ist der Beginn des Festes zu ehren der Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius, deren eigentlicher Gedenktag der 10. Oktober ist. 10 Tage lang können die Pilger hinuntersteigen in die Gruft. Und nur zu dieser Zeit. Ausnahmen gibt es nur selten, wie zum Weltjugendtag 2005 oder aber zum 850. Jahrestag der Heiligsprechung der Heiligen.

 

Viel ist dort unten nicht zu sehen. Unter 1000 Jahre alten Tonnengewölbe kann man nicht mal richtig stehen. Drei unsymmetrisch zum Raum liegende dunkle Steine, die an Grabplatten erinnern durchbrechen den Boden und eine Treppe, die ins ungewisse führt. Das ist schon alles. Und doch hat dieser Ort einiges in sich, nämlich die Keimzelle der Stadt Bonn.

 

Das Gebiet um das heutige Münster war in antiker Zeit ein Friedhof, später eine Nekropole. Sarkophage im Kreuzgang erinnern heute noch daran. Im Laufe der Zeit veränderte sich das Umfeld, doch eine Grabstelle blieb unberührt. Gebäude wurden errichtet, erweitert, umgebaut. Doch diese eine Grabstelle muss was Besonderes gewesen sein. Sie wurde immer geschützt und nie verändert.

 

Im Jahr 691 wird an dieser Stelle zum ersten Mal eine Kirche zu Ehren der Heiligen Cassius und Florentius erwähnt. Ob und in wie fern auch die Vorgängerbauten kirchlichen Zwecken dienten, lässt sich nicht eindeutig beweisen. Aber eine Heiligenverehrung im Kontext eines Grabes entsteht nicht von heute auf morgen.

 

Erst in späteren ist von „Märtyrern“ die Rede. Eine Verwechslung oder Umwidmung? Mitnichten. Denn anfänglich wurden nur Märtyrer als Heilige verehrt. Martin von Tour war der erste Nicht-Märtyrer, dem eine ähnliche Verehrung zuteil kam. Wenn sein Todestag auch 300 Jahre vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Cassius-Florentius-Kirche liegt, lässt dies keine Eindeutigen Rückschlüsse zu, dass es sich in Bonn nicht um Märtyrer handeln könnte.

 

Rund um die erste Kirche und das aufkommende Pilgerwesen entstand die „Villa Basilica“. Von hier aus entwickelte sich der mittelalterliche Stadtkern. Mit dazu gehörte das Cassius-Stift: Weltliche Priester, die sich in einer klosterähnlichen Gemeinschaft zusammenfanden und die Pilger betreuten, die Gräber bewahrten und den Gottesdienst feierten.

 

Immer mehr Pilger kamen, weshalb man sich entschloss, alle Bauten niederzulegen. Wiederum wurden die Gräber nicht angerührt. Ein Tonnengewölbe wurde gebaut, um die Gräber zu schützen. Heute ist dies die Märtyrergruft. Darüber erheben sich die Krypta und darüber der Hochchor.

 

Zwar werden Cassius und Florentius schon seit Jahrhunderten als Heilige verehrt, offiziell wurde dies aber seitens der Kirche nicht bestätigt. Bis zum 2. Mai 1166.  „Unter großer Anteilnahme von Klerus und Volk“, so erzählt die Kölner Königschronik, „erhoben Propst Gerhard von Are und Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen aus den steinernen Sarkophagen unter der Krypta und stellten sie in kostbaren Schreinen auf dem Hochaltar zur Verehrung aus.“ Diese „Erhebung zur Ehre der Altäre“ war der zeremonielle und symbolische Abschluss zur Feststellung der Heiligkeit.

 

Die Offenen Gräber in der Gruft wurden 1701 mit Grabplatten aus Lahnmarmor abgedeckt, die man heute noch sehen kann. Die kostbaren Schreine wurden bei einer Plünderung gestohlen, während die Diebe die Knochen zurückließen. Die verbliebenen sterblichen Überreste der Heiligen befinden sich heute in einem von Hein Gernot gearbeiteten Schrein von 1971, der ursprünglich in den Altar der Krypta eingelassen war und daher nur eine Schauseite hat. Seit 1983 steht der Schrein auf einem steinernen Unterbau (Postament)Heute steht der Schrein in der Krypta des Münsters genau über der Gruft und ihrer Grablege.

 

Die Gruft der Märtyrer ist heute vom westlichen Teil der Krypta aus zugänglich, der noch aus dem elften Jahrhundert stammt. Pfeilerpaare (anstelle der ansonsten die Krypta dominierenden Säulen) heben diesen Bereich hervor. Die Märtyrergruft kann alljährlich zum Fest der Stadtpatrone von jedermann betreten werden. Die Gruft erhielt ihre heutige Gestalt bereits in der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts.