Die Ostapsis

Ein theologischer Initialbau

Blick auf die Ostapsis
Blick auf die Ostapsis

von Meik Peter Schirpenbach

 

Mitte des elften Jahrhunderts werden im Bereich des Bonner Münsters alle bisherigen Bauten niedergelegt und gesamte Anlage um fünfundvierzig Grad gedreht. Es kommt zu einer kompletten Neuausrichtung, die einigermaßen der Ost-West-Richtung entspricht. Die verborgene Mitte, das Märtyrergrab, wird dabei, mit gewissen Verschiebungen, gewahrt.

Neuausrichtung tut stets Not, im Sinne einer Vergewisserung, wo ich eigentlich hin möchte. Seit dieser Zeit werden in unserem Rhein-Maasländischen Raum Kirchen als Richtungsbauten dynamisiert durch die Errichtung der ersten sogenannten Langchöre. Der Chorraum mit seiner Apsis ist nun nicht mehr ein architektonisches Anhängsel an Schiff und Querhaus, sondern eine eigenständige Dominante des Gesamtbaus. Neben Bonn sei auf St. Severin und St. Gereon in Köln verwiesen.

Blick vom Westen
Blick vom Westen

Durch die Zäsur des in die Apsis eingestellten Altarraumes waren die christlichen Gotteshäuser schon von der Frühzeit an keine Einheitsräume, sondern Begegnungsräume: Liturgie wurde als Begegnung mit dem unsichtbaren Geheimnisses Gottes begriffen. Der Altar ist Ort der Vergegenwärtigung des Kommenden: Liturgie geschieht an einer Schwelle, und diese Schwelle muss als Zäsur sichtbar sein. Mit der Ausweitung des Chorraums im 11. Jh. wird dem darstellenden Geschehen mehr Raum gegeben, so als wenn der Blick hinter den Vorhang des Geheimnisses sich geweitet hätte. Dass dieser größere Chorraum vom Kirchenschiff her gesehen dann optisch die Distanz vergrößert, ist eine Konsequenz dieser Ausweitung. Umgekehrt schaffte dies Raum für eine Krypta, die wirklich eine Unterkirche sein konnte, wodurch der Zugang zum Ursprung erleichtert wurde. Nähe und Distanz stehen in einer Wechselwirkung. Liturgie, wenn sie echt sein will, muss genau diese Spannung aushalten, sonst verflacht sie entweder oder sie wird ihrem Auftrag, einen existenziell mitvollziehbaren Zugang zum Geheimnis zu ermöglichen, nicht gerecht.

Servatiusbasilika, Maastircht
Servatiusbasilika, Maastircht

Hundert Jahre später, um 1140, geschieht mit dem Bau der Apsis eine weitere entscheidende Akzentsetzung. Es ist nicht häufig der Fall, dass wir in dieser Zeit ein solches Projekt mit einer konkreten Person verbinden können: Hier ist es Gerhard von Are, Propst dieses Stiftes und damit die Nummer zwei hinter dem Erzbischof. Er stellte mit der Erhebung der Märtyrergebeine auf den Hochaltar 1166 der Kirche noch einmal die Ausrichtung auf ihren Ursprung vor Augen, band jedoch diesen regionalen Ursprung durch den unmittelbar vorausgehenden Bau der Apsis an den einen Ursprung und das Ziel aller christlichen Existenz zurück, Jesus Christus, als Person historisch zu greifen, aber darüber hinaus als einziger bleibender Mittler zwischen Gott und Mensch von kosmologischer Dimension und unmittelbar gegenwärtiger Tragweite.

Die Apsis stellt sich von außen als der Torbau dar, durch den der Herr selbst in seine Heilige Stadt Jerusalem einzieht, die sich ihm wiederum mit ebendiesem Tor entgegenstreckt. Eine derart durchgliederte Apsis hat es bis dahin nicht gegeben. Sie wurde ein Initialbau: Wir sprechen vom ersten rheinisch-maasländische Etagenchor. Die monumentale Stockwerkgliederung, durch eingestellt Säulen akzentuiert, ist von römischen Großbauten abgeschaut, wohl in erster Linie von der Porta Nigra in Trier, vielleicht auch von Kölner Toren. Anders als die Stadttore wendet sich dieses Tor nach innen, dorthin, wo der einziehende König einkehren will, bei uns selbst.

Auch wenn der Bau des Münsters durch seinen achteckigen Vierungsturm eine in sich ruhende Mitte hat – die Zahl acht steht für die in sich ruhende Vollendung –, weist er doch mit seiner Chorfassade über sich hinaus. Die Vollendung bleibt in die fortlaufende Geschichte eingebettet, muss mich darin erreichen, und die tägliche Herausforderung besteht darin, sich dem entgegenzustrecken. Tragweite und Wirklichkeitsbezug des Glaubens zeigen sich darin, dass er derartige Paradoxien nicht nur aushält, sondern in eine fruchtbare Spannung zu setzen vermag. Jede Logik bedarf, wenn sie auf das göttliche Geheimnis ausgerichtet sein soll, der Selbstüberschreitung.

Insofern ist das Münster gebauter Glaubensvollzug, nicht nur Darstellung des Inhalts. Es steht für unsere eigentliche Heimat, versinnbildlicht durch die Gottesstadt, die Gott uns selbst bereitet hat, in die Christus also nicht nur durch das Tor des Ostchors einziehen will, sondern mit der er uns von Gott her zugleich entgegenkommt, die Gott letztlich selber ist. Wir dürfen das Tor als unser Tor betrachten, durch das zu schreiten wir selber eingeladen sind.

Es ist eine tief gründende Folgerichtigkeit, dass in der Romanik unseres Gegend die Chorfassaden meist aufwändiger und dominanter sind als die Eingangsfassaden. Letztere sind nur vordergründig funktional, und können deshalb, wie am Münster, an der Seite liegen.