Propst Gerhard von Are

Ein Baumeister für den Glauben

 

Tagtäglich gehen vornehmlich Menschen vom Hauptbahnhof mit dem Ziel Universität durch die Gerhard-von-Are-Straße und natürlich auch wieder zurück. Dennoch wissen viele nicht, wie diese kleine Gasse entlang des Puppenkönigs und Münster-Ladens zu ihrem Namen kam und dass es sich hierbei wohl um einen viel zu wenig geehrten aber dennoch bedeutenden Menschen in Bonns Stadtgeschichte handelt. Seit 2012 erinnert sogar ein Brunnen in der Straße an diesen Menschen. Was oder vielmehr wer steckt aber hinter diesem Namen und was hat dieser mit Bonn zu tun?

Der um 1100 geborene Gerhard von Are entstammte einem einflussreichen rheinischen Grafengeschlecht, dessen Stammsitz die Burg Are oberhalb des heutigen Altenahr war. Gerhard von Are war, wie sich noch zeigen wird, ein großer Baumeister und ein ganz “cleverer Kerl”.

 

Einige Kilometer nördlich der Ahr gab es in Bonn das sogenannte Cassius-Stift, das in seiner mittelalterlichen Form vermutlich spätestens Ende des 7. Jahrhunderts gegründet wurde.

 

1802 wurde es im Rahmen der von Napoleon durchgesetzten Säkularisation zwangsweise aufgelöst. Zentrum des Stiftes war die Stiftskirche „St. Cassius und Florentius“, das heutige Bonner Münster.

 

ERKLÄRUNG: Ein Stift ist jede mit Vermächtnissen und Rechten ausgestattete, zu kirchlichen Zwecken bestimmte und einer geistlichen Körperschaft übergebene (gestiftete) Anstalt mit allen dazu gehörigen Personen, Gebäuden und Liegenschaften. Die Stifter dieser Einrichtungen waren in der Regel Könige, Herzöge oder begüterte Adelsfamilien. Ihre Motivation war zugleich religiös (Sicherung des eigenen Seelenheils) und politisch.

 

 Als Geistlicher kam Gerhard zum Bonner Stift und trat in die dortige Gemeinschaft von Priestern (Cassius-Stift) ein, deren Vorsteher (Propst) er im Jahr 1124 wurde. Vermutlich steckte sein Vater dahinter, der diesen Deal mit dem Erzbischof von Köln aushandelte, um den Einfluss derer von Are bis an den Rhein ausweiten zu können.

 

Als Propst mischte Gerhard von Are ganz oben mit, allerdings nicht zur Bereicherung. Es ging ihm immer um Bonn und insbesondere um das Stift. Für sein Cassius-Stift ist er sogar an Köln vorbei nach Rom gegangen und fand einen Verbündeten im Papst, der ihm den Ehrentitel „besonderer Sohn der Hl. Römischen Kirche“ verlieh und mit einem Sonderrecht ausstattete. Sein Einkommen war doppelt so hoch wie das des Kölner Dompropstes.

 

Durch geschicktes Taktieren und kluges Handeln machte er das Cassius-Stift zu einer bedeutenden Institution. Bereits 1131 ließ er sich in einer großen Besitzurkunde durch Papst Innozenz II. die Besitzungen des Stifts bestätigen und vogtfrei stellen, so dass sie außerhalb der weltlichen Gerichtsbarkeit standen. 1135 er von Papst Innozenz II. das Recht der freien Appellation an den apostolischen Stuhl. 1139 erlangte er vom Papst im Dekanatsstreit das Visitationsrecht, das ihm als Archidiakon weitreichende Machtbefugnisse zusprach. Damit konnte er, unter Umgehung seines Vorgesetzten, des Kölner Erzbischofs, seine Interessen unmittelbar beim römischen Oberhaupt durchsetzen.

 

Insgesamt erhielt das Bonner Münsterstift elf Papsturkunden während Gerhards Amtszeit, soviel wie zu keiner anderen Epoche. Seine Biografen sagen: „Gerhard ist nicht wegzudenken aus der rheinischen Politik seines Jahrhunderts.“

 

Gemäß der Überlieferung soll die Heilige Helena zu Lebzeiten die erste Kirche über den Gräbern der heutigen Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius gestiftet haben. Beweisen lässt sich das nicht, aber auch nicht ganz von der Hand weisen. Denn Helena residierte mit ihrem Sohn Kaiser Konstantin in Trier und wird von dort aus auch kaiserliche Pflichten im Umland wahrgenommen haben. Die Erhebung und Ausstattung christlicher Stätten waren ihr immer ein Anliegen. Die Stiftsherren jedenfalls berufen sich stets auf die Kaiserinmutter und erhielten 1135 sogar eine Reliquie der Heiligen, was ein immenser Standortvorteil für Bonn war und das Ansehen des Stiftes hob.

 

Neben vielen anderen Gütern erwarb Gerhard 1149 die im Bau befindliche Burg Drachenfels, ließ sie vollenden und konnte dadurch die weit verbreiteten Stiftsbesitztümer sichern. Drachen gab es allerdings auch damals nicht am Rhein, auch wenn in historischen Quellen immer wieder vom „Berg des Drachens“ die Rede ist. Der Drachenfels besteht aus Trachyt, einem Vulkangestein, welches im Rheinland vielfach Verwendung fand. Zunächst am Bonner Münster, später beim Bau des Kölner Doms.

 

Die größte Leistung Gerhard von Ares bestand allerdings im Ausbau der Bonner Münsterbasilika. Er ließ den karolingischen Bau durch einen gewaltigen, von zwei Flankentürmen begleiteten, Ostchor erweitern und einen Kreuzgang errichten, der in seiner geschlossenen Erhaltung heute einmalig im Rheinland ist. Die dreigeschossige Apsis (Rheinischer Etagenchor), oben mit einer Zwerchgalerie abgeschlossen, war die erste ihres Typs am Niederrhein und prägte für nahezu einhundert Jahre das Erscheinungsbild vieler Kirchen im gesamten Raum durch Um- und Neubauten (wie z.B. St. Gereon in Köln und Abtei Maria Laach).

 

Der Höhepunkt seiner Karriere war das Jahr 1156. Gerhard war nach dem Tod des Kölner Erzbischofs Arnolds von Wied als Nachfolger für den Bischofsstuhl im Gespräch. Bei der Wahl kam es zu einer Pattsituation: Der Bonner musste sich dem Schiedsspruch Kaiser Friedrich I. Barbarossa unterwerfen, der Friedrich von Berg den Vorzug gab.

 

1166 folgte ein für die Stadt Bonn wichtiges Ereignis: Propst Gerhard von Are ließ am 2. Mai die Gebeine der heiligen Cassius und Florentius aus den Märtyrergräbern heben und sie, in Anwesenheit des Kölner Erzbischofs Rainalds von Dassel, nach einer feierlichen Prozession über den Münsterplatz in kostbaren Schreinen auf dem Hochaltar zur Verehrung aufstellen. Anlässlich der Feierlichkeiten gewährte Erzbischof Rainald den Bonnern einen jährlichen, abgabefreien dreitägigen Markt. Bis heute wird dieser Tag im Bonner Münster gefeiert. Das große Fest dieser Stadtpatrone findet allerdings 10 Tage lang rund um ihren Namenstag am 10. Oktober statt.

 

Nach seinem Tod am 23. Februar 1169 wurde Gerhard in der Cyriacuskapelle, dem heutigen Kapitelsaal beigesetzt. Er gilt bis heute als der bedeutendste Propst in der Geschichte des St. Cassius-Stifts. Seinem Sarg wurde eine Bleiplatte beigefügt, die heute noch im Münster zu sehen ist:

 

„Im 1169 der Menschwerdung des Herrn ist der Körper des Propstes Gerhard in diesem Sarg beigesetzt worden, welcher die Kirchen mit vielen Gebäuden und Fenstern geziert, mit Gütern bereichert und die Leiber der heiligen Märtyrer übertragen und mit vielen Zierden ausgestattet hat. Von edler Abkunft auf dem Schloss Are geboren, hat er ein noch edleres Leben geführt. Christus erbarme dich deines Dieners. Amen.“

 

Diese Inschrift ziert seit 2012 ein Brunnen in der Gerhard-von-Are-Straße. Im Rahmen des Helena-Festes konnte Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher damals das Denkmal einweihen, der von Stefan Schevardo entworfen und von der Steinmetzfirma Engel aus Rieden geschaffen wurde und der dem Propst Gerhard von Are gewidmet ist. Der Brunnen aus Basalt und Tuff, Bausteinen des Münsters, wurde von dem Bonner Geschäftsmann Walter Nonnen-Büscher gestiftet, der wie Gerhard von Are aus Altenahr nach Bonn gekommen war.

 

Das Hochgrab wurde 1794 zerstört. Übrig geblieben ist eine kleine schlichte Bodenplatte im Kapitelsaal, über die viele hinweg schreiten ohne die Bedeutung dieses Mannes zu erahnen, die eingangs erwähnte Straße und der Brunnen. Die Nachwelt rühmte ihn mit einer für alle sichtbaren Inschrift über dem Eingang zur Cyriacuskapelle:

 

„Keiner der früheren hat so viel wieder neugeschaffen wie Gerhard, edel von Geburt, berühmter durch sein Werk, der Ruhm seines Stammes; er verwandte die Schätze, er häufte sie nicht an, indem er solches schuf, die Hallen des Klosters und die Mauern der Kirche voll Pracht. Was eng war, baute er weit, was hässlich war, glanzvoll rein. Neues baute er auf und beseitigte von Grund auf das Morsche. Was unvollendet war, vollendet er alles. Zum Gebrauch jeglicher Art geeignet. Christi Gnade verleihe ihm den Lohn der Herrlichkeit.“

 

Quelle: Josef Niesen. Eine ausführliche Darstellung Gerhard Niesens zu Gerhard von Are findet sich auf dem Portal der Rheinischen Geschichte
und
Josef Niesen, "Gerhard von Are, Propst des Bonner St. Cassiusstifts von 1124 bis 1169", in: Bonner Geschichtsblätter, Band 57/58, Bonn 2008