Fastentücher im Bonner Münster

Zwei große Tücher hängen während der Fastenzeit im Bonner Münster. Es sind sogenannte Fastentücher, die in der Vorbereitung auf das Osterfest zum Nachdenken anregen und den Blick auf das eigene Leben richten wollen. Die Vorlagen dazu sind Werke des Bonner Künstlers Michael Franke mit dem Titel „Porte dell’Oltretomba I und II“ – Pforten zum Jenseits. Pforten oder Tore zum Jenseits sind ein Motive der antiken Grabmalerei.

 

Für das Volk der Etrusker waren Gräber und Totenstädte nicht nur Stätten des Todes, sondern auch Orte des Beginns einer unterirdischen Reise. Das Grab als heiliger Ort im Inneren der Erde wurde als Ausgangspunkt eines Reiseweges der Seele aufgefasst. Die Inspiration zu den Bildern erhielt der Maler im italienischen Ort Blera bei Rom, an dem sich ein etruskisches Heiligtum befindet. Ein Hohlweg aus dem 7. Jahrhundert vor Christus kreuzt dort einen Tunnelgang. Ein Teil jenes Ganges führt in das Innere der Erde und in die Finsternis des Felsengesteins. Auf der anderen Seite strebt der Weg einer Lichtöffnung mit strahlender Helligkeit entgegen und führt zu einem Fluss. Das Geräusch des sprudelnden Wassers wird durch den engen Tunnelgang akustisch verstärkt.

 

Im Westen und im Osten des Bonner Münsters verbinden sich die beiden Fastentücher zu einem Thema, das die Spannung zwischen diesen beiden Wegen aufgreift:

 

Porta I

„Porta I“ im Westen: Der Ort der untergehenden Sonne, des Todes.

Das Tuch verhüllt die Orgel und ihren kunstvoll gearbeiteten Prospekt.

 

Porta II

„Porta II“ im Osten: Der Ort der aufgehenden Sonne, des Lebens.

Auf dieser Seite verhüllt das Tuch das goldene Mosaik, den Hochaltar sowie die bunten Apsisfenster und Fresken.

 

Die Symbolsprache beider Gemälde steht in einer Verbindung mit den Himmelsrichtungen der Basilika. Beide Pforten stellen die beiden Wege dar, die sich auf den Kreislauf des Seins beziehen. Sie rahmen das ein, was sich zwischen Gestern und Morgen befindet und sie sind zugleich ein Bild des Übergangs zwischen dem gewesenen und dem neu aufkeimendem Leben. Sie symbolisieren die Weltkräfte des Auf und Ab im Jahres-, im Tages- und im Sonnenlauf. Zwischen beiden Himmelsrichtungen befinden wir uns und existieren wir!