Fastentücher im Bonner Münster

Seit 2007 wird im Bonner Münster wieder ein Fastentuch aufgehängt. Damit wird ein fast 1000 Jahre alter Brauch wieder aufgegriffen: In der Fastenzeit wurden der Altar sowie das Geschehen am Altar verhüllt. Ein gestickter Vorhang wird bereits in der Lebensbeschreibung des Abtes Hartmond von Sankt Gallen um 895 erwähnt. Das „velum quadragesimale“, wie das Fastentuch in der lateinischen Kirchensprache auch genannt wurde, fand über die Klosterkirchen auch allmählich Eingang in den Pfarrkirchen und erstreckte sich im 14. und 15. Jahrhundert über das gesamte Abendland.

 

Berührungen

Die in Erfurt zum Jubiläumsjahr der Heiligen Elisabeth formulierten sieben modernen Barmherzigkeiten bilden das Motiv für das Fastentuch, das von Norbert Bach gestaltet wurde. Sie wer den in symbolischen Fotos dargestellt, überragt von einer Rose und gehalten von einer Hand voller Rosenblätter. Anspielungen an das Rosenwunder der Heiligen.


„Wir wollen einen geistlichen Weg gehen, der inspiriert wurde auch vom Lebensbeispiel der heiligen Elisabeth“, sagte damals Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher. Nach seinen Worten sollen es Wochen sein, in denen die Menschen mit Gott in Berührung kommen, aber auch mit dem Nächsten und mit uns selbst.

 

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Franz von Assisi folgte dem Ruf Gottes und dem Lebensweg Christi wie vielleicht kein Zweiter. Bis er aber diese Berufung spürte und lebte, verging eine lange Zeit des Suchens und Fragens. Genau diese Zeit wollte das Tuch illustrieren.

 

Das Labyrinth symbolisiert den Lebensweg. Es ist kein Irrgarten, sondern ein Weg mit einem Ziel. Das Kreuz aus dem 11. Jahrhundert ist nach byzantinischem Vorbild gemalt. Ursprünglich hing dieses Kreuz in dem zerfallenen Kirchlein San Damiano. Vom Kreuz hört Franziskus die Stimme: „Franziskus, stelle mein Haus wieder her“. Es gilt damit als wichtiger Ort in der Berufungsgeschichte des Heiligen.

 

Um das Kreuz herum stehen sechs Zeichen, auf den ersten Blick unlesbar, wie Hieroglyphen, die erschlossen werden müssen, wie ein Menetekel auf das Tuch geschrieben, das einer Deutung bedarf.

 

Künstler: Norbert Bach

 

mit.LEIDEN.schaft

mit.LEIDEN.schaft lautete der Titel dieses Fastentuchs, das von 2010 an im Bonner Münster hing. Das ungewöhnlich geschriebene Motto lässt viele Assoziationen zu. Leiden, Mitleid, Mitleiden, Leidenschaft (Leid zu lindern) oder auch Leiden schafft.

 

Das knapp 60 qm große Fastentuch zeigt in der Mitte ein Fresko aus dem Jahre 1320, welches sich im südlichen Querhaus des Bonner Münsters befindet: Das Schweißtuch der Veronika. Auf seinem Leidensweg soll Veronika dem geschundenen Jesus aus lauter Mitgefühl und gegen die tobende Menge ein Leinentuch gereicht haben, in dass er sein wahres Antlitz (vera icon) drückte.

 

Für Münsterpfarrer Msgr. Wilfried Schumacher steckt in dieser Legende aber ein wahrer Kern: „Wenn ich einem Menschen beistehe, bleibt immer etwas von ihm in mir zurück. Mitleiden hinterlässt immer Spuren, wenn es mit Leidenschaft geschieht. Für uns Christen kommt aber noch ein weiterer Aspekt hinzu: wir glauben, dass wir im Angesicht der leidenden Menschen Jesus Christus selbst erkennen, der gesagt hat: „Was Ihr dem geringsten Menschen tut, das habt Ihr mir getan".

 

Künstler: Norbert Bach

 

An.Halte.Stelle KREUZ

Das Fastentuch entspricht den Darstellungen des sog. „Arma-Christi-Kreuzes“. Jesus, der Gekreuzigte ist dabei reduziert auf die Symbole seiner durchbohrten Hände, Füße und Seite und der Dornenkrone, umgeben von den Leidenswerkzeugen.

 

„Arma“ (Latein) kann mit „Waffen“ übersetzt werden. Die Arma-Christi-Kreuze waren vor allem seit der Barockzeit verbreitet und wurden vorwiegend als Haus- oder Wegkreuze verwendet. Sie gelten heute als kostbare Zeichen der Volkskunst. In unserer Heimat kennt man im Siegtal die sogenannten „Auswandererkreuze“ mit dieser Darstellung.

 

Auch der Künstler Hein Gernot hat diese Symbolsprache gewählt, als er 1980 den Altar für das Bonner Münster schuf. Auf kleinen, eingefassten Plättchen wird die Passion Jesu dargestellt, die jetzt in einer etwas anderen Anordnung auf dem Fastentuch sichtbar sind.

 

Künstler: Norbert Bach