Wie kam Friedrich an die Krone in Bonn?

Die Stadt Bonn stand im Mittelalter nur selten im Fokus der großen Politik. Doch am 25. November 1314 richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit auf die Residenzstadt der Erzbischöfe von Köln. Im Bonner Münster krönte Erzbischof Heinrich von Virneburg (1246–1332) den Habsburger Friedrich den Schönen (1289–1330) zum römisch-deutschen König.

 

Die Bedeutung dieser Krönung reichte weit über die Mauern der Stadt hinaus, weil einige Wochen zuvor in Frankfurt nicht nur Friedrich, sondern auch dessen Vetter Ludwig der Bayer (1282–1347) zum König gewählt worden war. Ludwig wurde ebenfalls am 25. November gekrönt, und zwar in Aachen, dem traditionellen Krönungsort.

 

In der Folgezeit bekriegten sich beide Könige, gelangten nach über zehn Jahren jedoch zu einem bemerkenswerten Kompromiss. Sie einigten sich auf eine gemeinsame Herrschaft, ein sogenanntes Doppelkönigtum.

Dabei kam Friedrich jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung zu, während Ludwig die Kaiserkrone gewann. Aufgrund seiner Auseinandersetzung mit dem Papst wegen des sogenannten Armutsstreits innerhalb des Franziskanerordens blieb er bis heute eine über die Fachkreise hinaus bekannte Herrscherpersönlichkeit. So wird er etwa auch in Umberto Ecos „Der Name der Rose“ erwähnt.

 

Wer die Wahl hat... Doppelwahl

Am 24. August 1313 war Kaiser Heinrich VII. aus der Familie der Luxemburger in Italien gestorben. Mehr als ein Jahr lang dauerte die Suche nach einem Nachfolger, aber die Kurfürsten konnten sich nicht auf einen Kandidaten einigen, und so kam es zu einer Doppelwahl: Am 19. Oktober wählte ein Teil von ihnen in Frankfurt Friedrich den Schönen zum König; ein Tag später wurde sein Vetter Ludwig von Bayern in Frankfurt von den anderen Kurfürsten zum Herrscher bestimmt. Auf dessen Seite stand auch die traditionelle Krönungsstadt Aachen, weshalb Ludwig dort am 25. November vom Mainzer Erzbischof gekrönt wurde. Friedrich wich dagegen nach Bonn aus, das damit für kurze Zeit zum ersten Mal zum politischen Mittelpunkt Deutschlands wurde – wenn auch in einer sehr schwierigen und umstrittenen Situation.

 

König ohne Königreich

Die Bonner Krönung leitete Friedrichs Krieg mit Ludwig um die Macht im Reich ein. Über zehn Jahre lang bekämpften sich beide Kontrahenten, ohne dass eine der beiden Seiten die Oberhand gewann. Friedrich geriet sogar für drei Jahre in die Gefangenschaft seines Gegners, ohne dass dies eine Entscheidung gebracht hätte. Beide Seiten schlossen daher schließlich einen bemerkenswerten Kompromiss. Friedrich und Ludwig erkannten sich 1325 gegenseitig als König an und vereinbarten eine Art Arbeitsteilung: Demnach sollte Friedrich in Deutschland herrschen, während Ludwig nach Italien ziehen und die Kaiserkrone erwerben wollte. Diese Einigung über die Königswürde ist zwar singulär in der deutschen Geschichte des Mittelalters, nicht aber die Bereitschaft zum Kompromiss. Denn im gewaltbereiten Mittelalter gab es auch eine große Anzahl friedlicher Konfliktbeilegungen. Gerade offene Gegner waren immer wieder in der Lage, aufeinander zuzugehen und innovative Kompromisse zu schließen, um eine als schwierig oder gar untragbar empfundene Situation zu beenden. Ludwig der Bayer sollte auf der Grundlage dieses Kompromisses tatsächlich 1328 die Kaiserkrone gewinnen, während Friedrich der Schöne auf Grund persönlicher Befindlichkeiten keine aktive Rolle in der Politik mehr spielte. Den Königstitel hat er freilich bis zu seinem Tod am 13. Januar 1330 weiterhin geführt.

 

Wichtige Impulse

Von der Bonner Krönung des Jahres 1314 gehen aber auch fundamental wichtige Impulse für die Verfassungsentwicklung aus. Die damalige Doppelwahl war nur möglich gewesen, weil zwei weltliche Kurfürstentümer (Böhmen und Sachsen) doppelt besetzt waren. Als Reaktion verfügte Karl IV. – 1346 ebenfalls in Bonn gekrönt –, dass die Kurwürde unteilbar sein und nur nach klaren Regeln weitervererbt werden sollte. Außerdem sollte die Königswahl nach dem Mehrheitsprinzip erfolgen – bis dahin war die Einstimmigkeit das Ideal gewesen, was aber die Doppelwahl von 1314 nicht verhindert hatte. Schließlich verfügte Karl IV., dass während des Interregnum nach dem Tod des alten und der Wahl des neuen Königs der Pfalzgraf bei Rhein und der Herzog von Sachsen als Reichsvikare (bzw. als Reichverweser) fungierten sollten. Damit wurden auch die Ansprüche des Papsttums zurückgewiesen: In Anbetracht der Doppelwahl von 1314 betrachtete Johannes XXII. das Reich als vakant und erhob daher Ende März 1317 in der Bulle Si fratrum den Anspruch auf die oberste Herrschaftsgewalt, die er zumindest in Italien auch durchzusetzen suchte.
So bündeln sich in der Bonner Krönung von 1314 in vielfältiger Weise Entwicklungslinien der deutschen und europäischen Politik sowie der Verfassungsgeschichte.